75 Jahre schuhkurier - Interview mit Gero Furchheim

„Wettbewerb ist immer hart“

Gero Furchheim ist neben seiner Tätigkeit als BEVH-Präsident Sprecher des Vorstands beim Möbelhändler Cairo AG. (Foto: BEVH)
Gero Furchheim ist neben seiner Tätigkeit als BEVH-Präsident Sprecher des Vorstands beim Möbelhändler Cairo AG. (Foto: BEVH)

Gero Furchheim ist Präsident des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel (BEVH). Im Interview spricht der Experte über Wachstum, Wettbewerb, Zerrbilder und die Zukunft des Handels.

Der E-Commerce gehört zu den Profiteuren der Corona-Krise. Erleben wir einen Boom des Onlinehandels?

Ich spreche nur ungern von einem Boom, da dieser Begriff ein kurzfristiges Ereignis bezeichnet. Der Onlinehandel in Deutschland wächst jedoch bereits seit vielen Jahren konstant zweistellig. Die Pandemie hat somit einen langjährigen Trend beschleunigt, und das hat den Unternehmen zweifellos zusätzlichen Rückenwind beschert. Dabei haben wir festgestellt, dass zum Beginn der Krise im ersten Quartal 2020 der Onlinehandel mit Schuhen zunächst leicht zurückgegangen ist. In den Folgequartalen haben wir ein verhaltenes Wachstum verzeichnen können, bis es dann im Weihnachtsgeschäft 2020 mit einem Plus in Höhe von 23% im Vergleich zum Vorjahr zu einem echten Befreiungsschlag gekommen ist. Insgesamt sind die Umsätze mit Schuhen 2020 um 8,8% gewachsen. Zum Vergleich: Das gesamte Cluster Bekleidung und Schuhe hat um 13,2% zugelegt und Waren allgemein um 14,6%. In den ersten neun Monaten dieses Jahres sind die Onlineumsätze mit Schuhen aufgelaufen um 14,4% gestiegen, mit Bekleidung um 20,0% und mit Waren insgesamt um 20,3%. Wir freuen uns, dass mehr Händler denn je das Potenzial des E-Commerce nutzen. In der Pandemie dürfte auch den größten Zweiflern klar geworden sein, dass kein Weg an einem Online-Standbein vorbeiführt. E-Commerce ist viel mehr als ein Notbehelf.

Welche Versendertypen konnten besonders stark zulegen?

Die Marktplätze sind Teil der Infrastruktur des Onlinehandels und haben daher eine sehr große Bedeutung. Der Marktanteil der Marktplätze am Onlinehandel lag 2020 bei 49% – allerdings erheben wir stets die Umsätze, die auf diesen Marktplätzen erzielt werden. Das schließt die Umsätze vieler stationärer Händler ein, die auf Plattformen als einfache Möglichkeit zum Einstieg in den Onlinehandel aktiv sind. Besonders auffällig in der Schuhbranche ist das starke Wachstum der Hersteller-Versender. Dabei handelt es sich um das einzige Segment, für das wir in den letzten sechs Quartalen immer einen zweistelligen Zuwachs verzeichnen konnten. Das ist ein deutlicher Beleg für die zunehmende Bedeutung des Direktkunden-Geschäfts für die Lieferanten, das sich auf das gesamte Branchengefüge auswirken wird.

Das dürfte viele Händler nicht erfreuen...

Als E-Commerce-Verband bildet der BEVH alle Handelsstufen ab. Das reicht von Marktplätzen über Pure-Player bis hin zu Multichannel-Händlern und Hersteller-Versendern. Uns ist dabei sehr wichtig, dass der Wettbewerb von den Akteuren stets fair geführt wird. Zu dieser Fairness gehört auch, dass Hersteller den Online-Kanal nicht ausschließlich in Eigenregie betreiben dürfen, indem z.B. Händler ausgeschlossen werden. Auf die Einhaltung dieser Regeln achten wir sehr stark.

Wie werden sich die Marktanteile des Onlinehandels in Zukunft entwickeln?

Wir gehen davon aus, dass der E-Commerce-Marktanteil in 30 Jahren bei 100% liegen wird.

Eine gewagte Prognose…

…mit der wir bewusst ein Stück weit provozieren wollen. Es wird nämlich ganz sicher auch in 30 Jahren noch stationären Handel geben. Als Begegnungsstätte haben Geschäfte zweifellos auch in Zukunft eine wichtige Funktion. Aber die Wertschöpfungskette wird vollkommen digitalisiert sein und online wird noch stärker als bereits heute Ausgangspunkt für Kaufentscheidungen sein, z.B. durch Impulse und Inspirationen in sozialen Medien. Damit geht einher, dass sich die Perspektive auf den Onlinehandel grundsätzlich verändert. Hieß es in der Vergangenheit noch „Warum sollte ich online einkaufen?“, wird die Frage in Zukunft eher lauten „Warum soll ich stationär shoppen?“.

Nochmal zurück zum Wachstum: Mit welchen Umsatzsteigerungen rechnen Sie?

Wir gehen von einem regelmäßigen zweistelligen Wachstum aus. Damit werden sich auch weitere Marktanteile in Richtung Onlinehandel verschieben. Spannend wird sein, wer sich an diesem Wachstum beteiligen kann. Vor allem die Marktplätze bieten auch mittelständischen Unternehmen die Chance, am Onlinewachstum teilzuhaben.

Das bedeutet, Sie würden jedem Händler zum Einstieg in den Onlinehandel raten?

Dazu raten wir seit weit über einem Jahrzehnt! Wir ermuntern jeden, auf den Zug aufzuspringen. Innovationen begleiten den Einzelhandel seit jeher – ebenso der Wettbewerb. Es macht Handel aus, sich mit Veränderungen auseinanderzusetzen und eine individuelle Antwort auf Herausforderungen zu finden. Unternehmen, denen dies gelingt, haben eine gute Zukunftsperspektive. Andere werden auf der Strecke bleiben. Wettbewerb ist immer hart. Ein Ausleseprozess bietet Raum für Erneuerung. Wenn klassische Handelsformate vom Markt verschwinden, entsteht an ihrer Stelle etwas Neues, das keineswegs schlechter ist. Genau hier liegt für mich der Reiz des E-Commerce: Die Digitalisierung baut Eintrittsbarrieren ab und bietet großen Spielraum für innovative und kreative Geschäftsmodelle. Hier sehe ich im Übrigen auch eine Aufgabe für uns als E-Commerce-Branche, nämlich ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem Innovation als Chance gesehen wird.

Es wird leidenschaftlich über die Chancengleichheit zwischen dem stationären Handel und dem E-Commerce diskutiert. Zuletzt wurde etwa eine Paketabgabe ins Spiel gebracht, mit der notleidende Innenstädte unterstützt werden sollen. Wie nehmen Sie diese Debatte wahr?

In der Tat wurden diese Bestrafungsideen von verschiedener Seite mit großer Kreativität vorgetragen. Dabei war es schlicht Unfug, was da verbreitet wurde. Einseitige Schuldzuweisungen und Bestrafungen sind weder angebracht noch zielführend. Eine Paketabgabe würde auch jene Multichannel-Händler treffen, die erst kürzlich in den Onlinehandel eingestiegen sind. Ohne Zweifel wurden in der Vergangenheit durch Digitalunternehmen Lücken im System ausgenutzt, ich nenne hier beispielsweise die Steuervermeidung ausländischer Plattformen. Diese Praktiken waren falsch und das haben wir als Verband immer kritisiert. Diese Regelungslücken wurden jedoch geschlossen und es herrschen mittlerweile faire Wettbewerbsbedingungen. So ist etwa die Steuerlast der Digitalunternehmen nicht niedriger als allgemein in der Wirtschaft. Die Diskussionen über E-Commerce speisen sich oftmals aus Feind- und Zerrbildern. Das betrifft auch das Thema Nachhaltigkeit.

Was meinen Sie konkret?

In der medialen Berichterstattung entsteht der Eindruck, dass vom Onlinehandel besonders viel Ware weggeworfen bzw. vernichtet wird. Dabei ist das Gegenteil der Fall! Das Bundesumweltamt hat kürzlich in einer Untersuchung bestätigt, dass der ökologische Fußabdruck des Onlinehandels geringer ist als der Fußabdruck des stationären Handels. Als Branche bearbeiten wir das Themenfeld Nachhaltigkeit schon seit langem. Aus eigenem Antrieb und nicht etwa auf Druck von außen haben die Unternehmen bereits viele Verbesserungen angestoßen, das reicht von der Reduzierung von Verpackungsmüll über die Elektrifizierung der Lieferfahrzeuge bis hin zu möglichst effizienten Retourenprozessen. Wir alle im Einzelhandel müssen gemeinsam noch besser werden und einen größeren Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz leisten, das steht außer Frage. Der E-Commerce geht diese Aufgabe allerdings von der Pole Position an. 

Was tut der BEVH für ein besseres Image des Onlinehandels?

Wir haben ganz aktuell eine Kampagne gestartet, in der wir unter dem Hashtag #gesichterimecommerce Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Onlinehandel zeigen. E-Commerce-Unternehmen werden oftmals als unterkühlte Technologiekonzerne betrachtet. Wir zeigen mit unserer Kampagne, dass es auch hier Menschen sind, die Innovationen vorantreiben und kreative Arbeit leisten. Darüber hinaus wollen wir mit Sachargumenten überzeugen und aufzeigen, dass unsere Branche einen positiven Beitrag zur Gesamtwirtschaft leistet. Immerhin beschäftigen unsere Mitglieder mittlerweile mehr als 1,2 Mio. Menschen.

Wie sehen die Innenstädte der Zukunft aus?

Lebendige Innenstädte erfordern moderne Konzepte. Das Angebot muss den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden entsprechen. Das sollte unbedingt auch digitale Elemente einschließen. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es gelingt, die Mietpreise von Innenstadtlagen wieder auf ein reelles Niveau zu bringen. Nur wenn die Mieten sinken, kann es künftig ein Nebeneinander von Gastronomie, Kultur und erlebnisbasiertem Einkaufen als Bestandteil einer digitalen Wertschöpfungskette geben.

Wie kann es gelingen, für sinkende Mieten zu sorgen?

Ich bin ein großer Anhänger des Marktes. Und wir sehen aktuell auch eine Marktreaktion, die zu sinkenden Mietpreisen führt. Es gibt darüber hinaus nur wenig Möglichkeiten, z.B. über Satzungen, für vielfältigen Einzelhandel zu sorgen.

Abschließend ein Blick in die Zukunft: Welche Trends werden den E-Commerce künftig prägen?

Der klassische Webshop hat ausgedient. Das digitale Einkaufen findet zunehmend in unterschiedlichen Lebenssituationen und über verschiedene Interfaces statt. Durch Künstliche Intelligenz wird es viel mehr maßgeschneiderte Angebote für die Kundinnen und Kunden geben und wir werden noch viel mehr Informationen zu den einzelnen Produkten bereitstellen. Auch das Cross-Border-Business wird zunehmen und die Logistikunternehmen werden weiterhin an einer Optimierung des Zustell-Erlebnisses arbeiten. Es wird aber auch viele Innovationen geben, die uns überraschen werden und die heute noch gar nicht absehbar sind. Genau diese Dynamik macht den besonderen Reiz des E-Commerce aus!

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Helge Neumann / 01.12.2021 - 10:06 Uhr

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