Auswirkungen auf die Schuhbranche

Wie entwickeln sich die Rohstoffpreise?

Die steigenden Rohstoffpreise sind für die Schuhindustrie eine Herausforderung. (Foto: Covestro)
Die steigenden Rohstoffpreise sind für die Schuhindustrie eine Herausforderung. (Foto: Covestro)

Die Preise für Rohstoffe ziehen deutlich an. Welche Folgen hat das für die Schuhindustrie? Und könnte die aktuelle Situation sogar eine Chance für den Handel sein?

Alles wird teurer. Die Inflation hat im September laut Statistischem Bundesamt (Destatis) den höchsten Stand seit 1993 erreicht. Als Treiber erweisen sich neben den Auswirkungen der Mehrwertsteuersenkung im vergangenen Jahr vor allem die gestiegenen Energiepreise. Diese führten auch dazu, dass die Großhandelsverkaufspreise laut Destatis in den vergangenen Monaten um mehr als 13% stiegen – einen höheren Anstieg gegenüber dem Vorjahresmonat hatte es letztmalig im Juni 1974 gegeben. Auch in der Schuhindustrie sind die Auswirkungen deutlich spürbar. „Wir beobachten schon seit Spätsommer 2020 steigende Preise bei wichtigen Rohstoffen der Schuhindustrie, seit dem Jahreswechsel liegt die Entwicklung sogar deutlich über dem Vorkrisen- niveau. Tendenziell scheint sich die Preis- entwicklung momentan eher zu verschärfen“, berichtet Manfred Junkert, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L). Über die gesamte Rohstoffpalette hinweg seien fast alle Materialien wie Kunststoffe, Textil und Leder betroffen. Aber auch verschiedene Chemikalien, Klebstoffe und Färbemittel seien davon erfasst. Mit Beginn der Corona-Pandemie seien Produktionskapazitäten reduziert worden, weil aufgrund der Pandemie die Nachfrage eingebrochen sei, erklärt Junkert. Nun sei es schwierig, die Kapazitäten schnell wieder hochzufahren. Das Resultat: „Die Nachfrage übersteigt das Angebot.“ Lockdowns und Fabrikschließungen in wichtigen asiatischen Produktionsländern hätten zusätzlich zu Lieferengpässen bei vielen Produkten geführt. Auch das lasse die Preise steigen. „Außerdem beobachten wir eine Steigerung der Erdölpreise, was sich naturgemäß auf Kunststoffe auswirkt. Auch Kohle und andere Energieträger verzeichnen Preissteigerungen. Steigende Energiepreise wirken sich dann auf alle Produkte preissteigernd aus“, so Manfred Junkert. Auch die Wortmann-Gruppe in Detmold beobachtet die Preissteigerungen mit Sorge. „Insbesondere sind alle auf Öl basierenden Materialien von starken Erhöhungen betroffen“, sagt CEO Jens Beining. „Neben enorm gestiegener Erdöl- und Logistikkosten steigen die Preise aufgrund leerer Lager und hoher Nachfrage. In der Lockdown-Zeit letztes Jahr sind einfach zu viele Kapazitäten in diesem Bereich runtergefahren worden. Das Aufholen dauert einfach.“ Hinzu komme, dass die Wirtschaft in China derzeit boome und Kapazitäten abziehe. Eine höchst problematische Gemengelage.

 

„Leder wird nicht knapp”

Leder als wichtigstes Material für die Schuhindustrie ist nach Einschätzung von Experten aktuell weniger stark vom Anstieg der Preise betroffen. „Ich sehe keine Knappheit für Leder in den nächsten Jahren, auch wenn die Rohwarenpreise nach einer sehr niedrigen Phase nun wieder auf das Niveau der Vor-Corona-Zeit angestiegen sind“, erklärt Andreas Meyer, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Lederindustrie. Und Uwe Hutzler, Geschäftsführer der Gerberei Isa Tan Tec mit Sitz in Macau, ergänzt: „Seit rund einem Monat können wir einen Rückgang der Preise amerikanischer Waren und auch einen Stopp des Anstiegs brasilianischer Ware feststellen.“ Die USA und Brasilien gehören zu den wichtigsten Leder-Lieferanten der Welt. Auch Michael Jacobs von Jacobs Leder aus Eppertshausen zeichnet im Gespräch mit schuhkurier ein differenziertes Bild. „Die Preise für Rohware aus günstigen Provenienzen steigen zwar stark an, diese waren in der Corona-Krise aber auch deutlich gefallen. Gute Rohware hatte während der Krise nicht so stark nachgegeben und ist somit jetzt auch weniger stark von den Steigerungen betroffen.“ Anders stelle sich das Bild bei Chemikalien und den Energiepreisen dar. Michael Jacobs: „Zusätzlich kommt noch die Verknappung und damit der Mangel an Vorprodukten der Chemie hinzu, so dass wir zumindest mittelfristig mit knappen Ressourcen rechnen müssen. Die Verarbeiter werden im Verlauf der Saison sicher immer stärker mit den Steigerungen konfrontiert werden. Gut, wer als Unternehmen solide aufgestellt ist und langfristigere Bindungen hat und somit sich entsprechend bevorraten kann.“

Wie geht es weiter?

Steigende Rohstoffpreise werden die Branche auch im kommenden Jahr beschäftigen. Davon geht unter anderem auch Manfred Junkert aus. „Eine Entspannung ist derzeit für uns noch nicht absehbar. Solange die angespannte Liefersituation besteht und die Kapazitäten nicht vollständig auf Vorkrisenniveau laufen, wird sich an der Situation nichts ändern. Wir gehen davon aus, dass sich diese Situation auch 2022 fortsetzt.“ Bei Wortmann suche man ständig nach Lösungen und Alternativen, um die Preisaufschläge möglichst gering zu halten, sagt Jens Beining. „Ganz umgehen können wir die Problematik aber leider auch nicht. Wir werden uns langfristig auf höhere Durchschnittspreise einstellen müssen.“ Lloyd-Geschäftsführer Andreas Schaller sieht in dieser Entwicklung eine große Chance für den Fachhandel. „Wir müssen raus aus dem Preishaltemodus, der uns allen schon vor Corona durch nicht mehr mögliche Mengensteigerungen die Luft zum Atmen genommen hat.“ Eckpreislagen seien in der Vergangenheit zum heiligen Gral geworden, um den mit harten Bandagen gekämpft worden sei. „Mit dem fatalen Ergebnis, dass uns die Deckungsbeiträge zur Kostendeckung und für Investition fehlten und Schuhgeschäfte oftmals heute den Ansprüchen der Konsumenten nicht mehr genügen“, so Schaller. Jetzt würden die Preissteigerungen kommen, da ein Ausgleich durch Handel und/oder Industrie vielfach nicht mehr möglich sein werde. „Jetzt besteht die Chance, sich wieder über Qualität zu definieren und den Unterschied zwischen qualitativ aufwändigen Produkten und solchen, die dieses Prädikat nicht erfüllen, darzustellen“, so der Appell Schallers an den Handel. SABU-Geschäftsführer Stephan Krug nimmt den Ball auf: „Die steigenden Einkaufspreise können im Verkauf Preiserhöhungen von ein bis zwei Preislagen bedeuten. Das führt zu höheren Durchschnittspreisen, jedoch nicht konsequenterweise zu höheren Absatzmengen und somit zu mehr Umsatz auf der Handelsseite.“ Schließlich zeige sich zum jetzigen Zeitpunkt bereits eine Kaufzurückhaltung, die in stark steigenden Lebenshaltungskosten wie z.B. für Strom, Lebensmittel und Mieten begründet sei. Ausgaben für Mode würden bereits zurückgestellt. „Das aktuelle Problem sollte die gesamte Branche als Chance sehen, hier gleichzeitig auch über das Thema „Marge für den Handel“, die im Schnitt schon seit Jahren zu niedrig ist, nachzudenken. Die Aufschlagskalkulation zum empfohlenen Verkaufspreis muss dringend nach oben angepasst werden. Denn nur so kann der stationäre Einzelhandel das gewünschte bzw. notwendige Einkaufserlebnis und den vollumfänglichen Service und das Ambiente für den Endverbraucher bieten. Und das muss finanziert werden.“

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Christopher Mastalerz / 22.10.2021 - 09:51 Uhr

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