Interview mit Jutta Blocher

„Austauschbarkeit will niemand mehr“

„Essenziell, dass ein Haus die DNA des Unternehmens eindeutig verkörpert“: die neue Damenschuhabteilung bei Engelhorn in Mannheim (Foto: Blocher Partners)
„Essenziell, dass ein Haus die DNA des Unternehmens eindeutig verkörpert“: die neue Damenschuhabteilung bei Engelhorn in Mannheim (Foto: Blocher Partners)

Worauf es heute im Store Design und bei Umbauprojekten ankommt, weiß Jutta Blocher, Innenarchitektin und Geschäftsführerin des Stuttgarter Architekturbüros Blocher Partners.

Frau Blocher, Sie haben soeben die 1.000 qm große Schuhabteilung von Engelhorn in Mannheim neugestaltet und die Umsetzung pünktlich abgeschlossen. Wie schafft man das trotz Handwerkermangel und instabiler Lieferketten?

Materialien sehr frühzeitig zu disponieren, spielte hier eine große Rolle – und ebenso eine gute Zusammenarbeit mit den Handwerkern. Auf anderen Baustellen erleben wir es jedoch durchaus, dass beispielsweise Elektriker bis Jahresende nicht verfügbar sind. Darüber hinaus zeichnet sich eine weitere Problematik ab: Manche Handwerksbetriebe wollen keine Fixpreise mehr vereinbaren, sondern sogenannte Gleitpreisklauseln einfügen für den Fall, dass die Preise von Zukaufprodukten während der Bauphase steigen. Das erschwert es uns, einen Umbau zuverlässig zu kalkulieren.

Wie kann man, wenn man derzeit einen Umbau plant, den aktuellen Widrigkeiten als Bauherrschaft begegnen?

Hilfreich ist sicher, für den ganzen Prozess – von der Ausschreibung der Gewerke bis zur Fertigstellung des Projekts – mehr Zeit einzuplanen. Schnellschüsse – etwa im Frühjahr mit der Ausschreibung zu beginnen und für den Herbst die Neueröffnung zu planen – sind derzeit nur schwer möglich.

Was war die spezielle Aufgabenstellung bei Engelhorn?

Die Damenschuhabteilung, die zuvor aufgrund einer Trennung des Luxusbereichs von den mittleren Preislagen auf mehrere Ebenen verteilt war, sollten wir auf einer Etage zusammenführen. Das Resultat ist eine gemeinsame Welt für Luxus, Sneaker sowie Schuhe in moderater Preislage. Die Fläche ist jetzt sehr schön lesbar.

Gab es eine besondere Herausforderung?

Wir planen ja für Engelhorn schon seit mehr als 30 Jahren und kennen das Haus deshalb sehr gut. Und wir haben viel Erfahrung mit großen Schuhabteilungen, auch in dieser Spreizung der Sortimente; daher würde ich eigentlich nicht von Herausforderung sprechen. Ein Thema war jedoch die Integration von Bestand und das Upcycling, was mitunter nicht so leicht zu realisieren ist. Grundsätzlich ist unsere Architektursprache aber per se seit jeher stark von Nachhaltigkeit geprägt.

Mittlerweile ist das Stichwort Nachhaltigkeit allgegenwärtig. Welchen Stellenwert hat es im Storedesign tatsächlich?

Mit Nachhaltigkeit ist es ein bisschen wie mit Bio-Lebensmitteln: Man muss es sich leisten wollen. Wenn ein Bauherr entscheidet, dem Nachhaltigkeitsaspekt Priorität einzuräumen, genügt es nicht, dem Architekten zu sagen, ’mach es bitte nachhaltig‘. Man muss diesen Anspruch leben; und das heißt, alles im Haus muss darauf einzahlen.

Worauf kommt es bei der Innenarchitektur von Schuhhäusern heute grundsätzlich an?

Die Innenarchitektur sollte das Produkt widerspiegeln. Daher sehen beispielsweise unsere Sneaker-Abteilungen völlig anders aus als ein Luxusbereich. Die Kundinnen und Kunden sollten sehr bewusst durch die verschiedenen Bereiche geleitet werden. Zudem ist die Bedeutung der Tischpräsentation gewachsen und damit die Frage, wie die Ware hier wirklich interessant dargestellt werden kann. Übergeordnet geht es also um interessante Produktgestaltung in Verbindung mit interessanter Architektur. Bei Engelhorn haben wir vor diesem Hintergrund die Möglichkeit geschaffen, höhenverstellbare Tische in die Wandregale zu integrieren. Auch die digitale Aufladung, etwa durch Screenwelten, ist relevant.

 

Ist Tageslicht ein Muss?

Früher waren viele Wände ausschlaggebend, um dem Warendruck Stand zu halten. Heute geht es nicht mehr um die Unterbringung großer Produktmengen, sondern um Inszenierung. Da man das Stadtbild, die Jahreszeiten und den Tageszeitwechsel dabei idealerweise einbezieht, ist Tageslicht ein wichtiges Element. Berühmte Vorbilder sind hier übrigens die großen französischen Warenhäuser wie La Samaritaine.

Wie beurteilen Sie Farbe im Store Design?

Natürlich gibt es tolle farbliche Konzepte – beim Modehaus Garhammer in Waldkirchen haben wir beim jüngsten Umbau beispielsweise auf kraftvolle Farben gesetzt. Doch Farbe allein ist meiner Meinung nach kein Erkennungsmerkmal. Es geht um das Zusammenspiel von Form, Farbe und Material. Wir entwickeln oft Konzepte, bei denen viele Naturmaterialien zum Einsatz kommen und wir bewusst auf Brüche setzen, wenn wir etwa glattgeschliffene Edelstahlflächen mit Naturstein konfrontieren.

Nachhaltigkeit, Upcycling, Integration von Bestand, digitale Aufladung, inklusive Inszenierung – die Themen, die Sie bisher ansprachen, haben eher mit Bewusstsein als mit Dekoration zu tun. Ist die Zeit vorbei, da sich das Storedesign an Inspirationsthemen wie zum Beispiel „Wohnzimmer“ orientierte?

Im Moment beobachte ich, dass alles eher ein bisschen überdesignt und überdekoriert ist. Manchmal überwältigt mich der visuelle Eindruck im ersten Moment. Dann stelle ich mir die Frage, wie lange kann und möchte ich das tatsächlich anschauen? Wir sind Verfechter klarer Strukturen und Designaussagen und arbeiten situativ mit Teppichen, Sitzgruppen und ähnlichem. Ich finde, es kommt auf den richtigen Mix von Elementen an, die beständig sind, und jenen, die dem Wandel unterliegen.

Wie findet man zum richtigen Design-Konzept in der richtigen Ausprägung?

Wir halten es für essenziell, dass ein Haus die DNA des Unternehmens eindeutig verkörpert. Um hier unsere Bauherren optimal zu unterstützen, haben wir mit der Design Strategy einen neuen Bereich aufgebaut. Blocher Partners Sens entwickelt mit allen Nutzern zusammen in einem co-kreativen Prozess im Grunde das Briefing, weshalb wir hier auch von Leistungsphase Null sprechen. Worauf es in unseren Augen künftig ankommt? Das ist, sich abzuheben und gleichzeitig sich selbst treu zu bleiben. Das wird die große Aufgabe sein.

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Annette Gilles / 25.04.2022 - 11:57 Uhr

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