Interview & Podcast

Berndt Hinzmann: „Nachhaltigkeit ist Zukunft“

Berndt Hinzmann, Inkota (Foto: Chr. v. Polentz/transitfoto.de)
Berndt Hinzmann, Inkota (Foto: Chr. v. Polentz/transitfoto.de)

Berndt Hinzmann ist Referent bei Inkota – Change your Shoes. Im Interview mit schuhkurier spricht er über die Arbeit seiner Organisation und über Mängel in der Schuh- und Lederbranche.

Was steht hinter Inkota – Change Your Shoes?

Hinzmann: Inkota ist ein entwicklungspolitisches Netzwerk. Wir haben uns vor 50 Jahren als unabhängiges Netzwerk in der DDR gegründet, weil wir den Anspruch hatten, über den Tellerrand, die Mauer, hinwegblicken zu wollen. Uns hat besonders die Frage angetrieben, was die Ursachen von Ungerechtigkeit und Armut sind, insbesondere in den Entwicklungsländern. Wieso haben nicht alle Länder und Menschen die gleichen Entwicklungschancen? Nach der Wende sind wir in die Entwicklungszusammenarbeit gegangen, haben aber auch gezielt Kampagnen wie Fair Trade entwickelt. Als Teil der Clean Clothes Campaign setzen wir den Fokus auf die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung von Produkten. Daraus ist dann Change Your Shoes entstanden. Wir sind Teil von verschiedenen Multi-Stakeholder-Initiativen und ich bin gewähltes Mitglied im Steuerungskreis des Textilbündnis.

Wie sieht die konkrete Arbeit der Initiative aus?

Hinzmann: Change Your Shoes ist im europäischen Kontext als Initiative verschiedener Akteure entstanden. Das Netzwerk befasst sich mit Fragen der Menschen- und Arbeitsrechte auf Grundlage der UN-Leitsätze für Wirtschaft und Menschenrechte sowie der OECD-Sorgfaltspflichten. Change Your Shoes arbeitet beispielsweise mit Partnern vor Ort in den Produktionsländern, führt Recherchen durch, um über den Austausch in einen Dialog zu treten und gemeinsame Expertise generieren zu können. Dabei möchten wir nicht nur über Probleme reden, sondern in eine Umsetzung von Lösungsansätzen kommen. Zu den Gesprächspartnern zählen Verbände wie der HDS/L, aber auch einzelne Unternehmen. Die aktuelle Entwicklung, die Corona-Pandemie und auch der menschengemachte Klimawandel, machen es notwendig, mit verschiedenen Akteuren in einen 
Dialog zu treten, um die Bedingungen, die schon seit Jahren bekannt sind, zu verbessern und Risiken zu beheben.

Gibt es da ein konkretes Beispiel?

Hinzmann: In den Recherchen, die wir in Indien zum Thema Umwelt- und Arbeitsbedingungen getätigt haben, konnten wir feststellen, wie wichtig es ist, dass Unternehmen ihre Lieferkette und die damit verbundenen Probleme kennen. Unsere konkrete Idee ist, eine gemeinsame Analyse der Ursachen für die Risiken und Missstände vorzunehmen. Darauf basierend können Schritte und Ziele für Verbesserungen vereinbart werden, um dann in die Umsetzung zu gehen. Für Deutschland sehen wir, dass noch nicht alle Unternehmen die verschiedenen Probleme als Bestandteile ihrer eigenen Einkaufs-praktiken und ihrer Lieferkette erkennen. Dennoch wissen viele Unternehmen, dass sie etwas ändern müssen. Die Probleme sind bekannt. Es scheint bislang aber noch das richtige „Pack-An“ zu fehlen, um gemeinsam etwas zu ändern. Wir sehen deshalb das Lieferkettengesetz als passenden Rahmen, wodurch die Notwendigkeit unterstrichen wird, gemeinsam zu handeln. Denn eine größere Zahl von Unternehmen ist von den Anforderungen betroffen. Wir sind sehr optimistisch, dass durch einen Dialog und gemeinsames Handeln verschiedener Anspruchsgruppen mehr gelingt als einzeln.

Welche häufigen Missstände gibt es noch in der Lieferkette?

Hinzmann: Das ist ein breites Spektrum. Deshalb ist es so wichtig, dass Unternehmen, wenn sie ihre Sorgfaltspflicht wahrnehmen wollen, diese Risiken und die Ursachen dieser analysieren müssen, um Probleme erkennen zu können. Dazu brauchen Unternehmen das Werkzeug der Risikoanalyse. Wir wissen von keinem Unternehmen aus der Schuh- und Lederwarenbranche, welches das als „Tool“ vorrätig hat. Unumstritten ist, dass bei den Umweltstandards oder der Sicherheit am Arbeitsplatz große Missstände bestehen. Es gibt das zentrale Problem, dass Arbeiter ihre Rechte nicht wahrnehmen können. Es gibt zum Beispiel keine Gewerkschaften oder Betriebsräte, mit denen Rechte geltend gemacht werden können: Das geht von der Sicherheit am Arbeitsplatz hin zu gerechten Lohnzahlungen. Ein großes Problem ist beispielsweise die Masse der Überstunden, die nicht vergütet werden. Nicht vorhandene Arbeitsverträge. Auch der Unterschied zwischen tatsächlich gezahltem Lohn, dem Mindestlohn, der gezahlt werden sollte, und dem was Menschen zum Leben benötigen, dem „existenzsichernden Lohn“, ist gewaltig. Es ist ein komplexes Feld.

Welche Chancen ergeben sich durch das Lieferkettengesetz?

Hinzmann: Dass die Bundesregierung einen gesetzlichen Rahmen geschaffen hat, um die Sorgfaltspflichten zu etablieren, bietet den Vorteil, dass eine größere Anzahl an Unternehmen nicht mehr „unter dem Radar“ fliegen kann. Der Kreis derjenigen Unternehmen, die die Sorgfaltspflichten umsetzen müssen, wird sich erweitern. Wir merken aber jetzt schon, dass auch kleinere Unternehmen diese Risikoanalyse durchführen müssen, da ihre Geschäftspartner die Anforderungen des Gesetzes weitergeben. Der Fokus des Gesetzes auf Risikoanalyse und den Nachweis darüber, wie Risiken minimiert und abgestellt werden, ist der richtige Ansatz, denn Unternehmen können darüber interne Abläufe und Prozesse verändern, wenn der Zusammenhang zu den eigenen Einkaufspraktiken hergestellt wird. Im Idealfall schließen sich dann Unternehmen in gemeinsamen Initiativen zusammen und schaffen ein Level-Playing-Field wie das Textilbündnis. 

Welche Chancen ergeben sich durch das Lieferkettengesetz?

Hinzmann: Dass die Bundesregierung einen gesetzlichen Rahmen geschaffen hat, um die Sorgfaltspflichten zu etablieren, bietet den Vorteil, dass eine größere Anzahl an Unternehmen nicht mehr „unter dem Radar“ fliegen kann. Der Kreis derjenigen Unternehmen, die die Sorgfaltspflichten umsetzen müssen, wird sich erweitern. Wir merken aber jetzt schon, dass auch kleinere Unternehmen diese Risikoanalyse durchführen müssen, da ihre Geschäftspartner die Anforderungen des Gesetzes weitergeben. Der Fokus des Gesetzes auf Risikoanalyse und den Nachweis darüber, wie Risiken minimiert und abgestellt werden, ist der richtige Ansatz, denn Unternehmen können darüber interne Abläufe und Prozesse verändern, wenn der Zusammenhang zu den eigenen Einkaufspraktiken hergestellt wird. Im Idealfall schließen sich dann Unternehmen in gemeinsamen Initiativen zusammen und schaffen ein Level-
Playing-Field wie das Textilbündnis.

Welche Tipps gibt es für Unternehmen zur Umsetzung?

Hinzmann: Die konkrete Ausgestaltung der Umsetzungsanforderungen des Lieferketten-Sorgfaltspflichten-Gesetzes findet aktuell in Zusammenarbeit den Ministerien und vor allem dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) statt. Diesen Prozess werden Inkota und die Zivilgesellschaft begleiten und mitgestalten. Ganz konkrete Tipps sind demnach noch nicht zu geben. Aber auch hier ist klar, dass ein Unternehmen, das einen risikoverhindernden Ansatz fährt und Teil einer Multi-Stakeholder-Initiative wie dem Textilbündnis ist, für die zukünftigen Herausforderungen gut aufgestellt sein wird. Ein weiteres wichtiges Element des Gesetzes ist, dass Unternehmen ein OECD- und UNGP-konformes Beschwerde- und Abhilfesystem innerhalb ihrer Lieferkette etabliert haben. Das gilt auch für Multi-Stakeholder-Initiativen. Jedes Unternehmen ist gut beraten, sich dafür externe Unterstützung ins Haus zu holen, zum Beispiel durch das Textilbündnis. Das Bündnis oder auch die Fair Wear Foundation bieten einen Rahmen für eine gute Umsetzungsinitiative. Die Branche sollte die Chance nutzen, die Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Dabei muss das Rad nicht neu erfunden werden. Unternehmen sollten schauen, welche Initiativen gute und passende Unterstützung für die eigene Situation anbieten. Denn auch die Initiativen haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert und an die neuen Herausforderungen angepasst. Wer sich mit der Materie detailliert beschäftigt, sieht die Herausforderungen und dass Weiterentwicklungen dennoch in bestehenden Initiativen unbedingt notwendig sind.

Welche Fortschritte haben die deutschen Schuhhersteller in den vergangenen Jahren erzielt?

Hinzmann: Bei Themen wie Transparenz und Nachvollziehbarkeit hat die deutsche Schuhindustrie eher noch einen großen Nachholbedarf. Es wird für die Endverbraucher nicht klar genug kommuniziert, was für positive Veränderungen im Verborgenen in der Lieferkette vollzogen wurden, insbesondere wo und wie die Menschenrechte bei der Arbeit eingehalten und Sorgfaltspflichten erfüllt sind. Das betrifft die Branche als Ganzes, aber auch einzelne Unternehmen sowie bezüglich eines konkreten Produkts. Dabei geht es nicht nur um die Umsetzung von Umweltstandards, sondern insbesondere auch bezüglich der Sozialstandards, der Arbeitsrechten und der Sorgfaltspflicht.

Was wünschen Sie sich von der Schuhindustrie?

Hinzmann: Ich wünsche mir eine Schuhindustrie, die weiterhin attraktive Produkte hat. Attraktiv deswegen auch, weil diese die Menschenrechte bei der Arbeit und Umweltstandards in ihrer Produktion umfassend einhalten. Ich wünsche mir, dass sie die Probleme und Herausforderungen in der Branche progressiv und ambitioniert angeht. Eine Multi-Akteurs-Partnerschaft und ein Pilot könnten Tatsachen schaffen, die belegen, dass Missstände und Risiken nicht nur bekannt sind, sondern Verbesserungen und positive Beispiele ein besseres Ansehen schaffen. Die Menschen warten darauf. Das Lieferkettengesetz gibt einen Rahmen vor, es gibt Initiativen wie das Textilbündnis, dass sich mit Unternehmen den Anforderungen stellt. Positive Tatsachen können zeigen, dass die Missstände der Branche gelöst werden können. Die Krise zeigt doch auch, es ist Zeit, nicht länger zu warten. Probleme werden nicht verschwinden, sondern eher größer werden. Nachhaltigkeit ist Zukunft.

Setzen Sie in Ihrer Kampagne bewusst auf Verkürzung und Zuspitzung, um für Empörung zu sorgen?

Hinzmann: Wir setzen darauf, dass gute Informationen die Ausgangsbasis sind, um einen konstruktiven Dialog zu führen. Wir haben uns mit verschiedenen Akteuren u.a. dem HDS/L und Cads auseinandergesetzt und haben Zusagen erhalten, dass man etwas machen will, wie zum Beispiel ein gemeinsames Pilotprojekt zu starten. Eingelöst sind diese Zusagen bisher jedoch nicht. Dass Medien dieses Thema weiter aufgreifen, ist durchaus der Fall. Da ist immer die Chance gegeben worden, die progressiven Schritte, die unternommen wurden oder einzelne Unternehmen machen, darzustellen. Mir ist nicht bekannt, dass diese Angebote angenommen wurden. Aber wer weiß. Und mit Sicherheit: Ich weiß nicht alles. Jedoch, wenn Dinge vorzuzeigen sind, kann dies doch auch transparent gemacht werden. Die Bevölkerung und Öffentlichkeit sind sehr interessiert, gute Nachrichten zu hören. Darüber wird ein Potential für Veränderung geschaffen. An der Stelle muss die Frage nach Transparenz vielleicht auch gestellt sein und nicht nur an NROs gerichtet werden. Mag sein: Manchmal wird in Medien ein Sachverhalt etwas verkürzt dargestellt, doch die komplexen Details sind dann vielleicht auch eher etwas für Experten-Workshops. In diesen bedarf es dann, die unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren und produktiv aufzugreifen – sowas wie eine Multi-Akteurs-Partnerschaft. Unser Anliegen ist es, dass unterschiedliche Perspektiven dazu führen, dass die jeweils vorhandene Expertise gemeinsam genutzt wird, um Verbesserungen und Fortschritte zu erzielen. Oft ist es jedoch so, dass eine öffentliche Aufmerksamkeit und Sensibilisierung für bestimmte Sachlagen oder Risiken bestehen muss, um dann auf Basis der Analyse und Fakten sich der Herausforderung zu stellen. Das ist dann keine Frage mehr von Campaigning.

 

Dies ist eine gekürzte Fassung des Podcasts, der im Rahmen der Nachhaltigkeits-Ausgabe erschienen ist.

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Laura Klesper / 31.01.2022 - 11:38 Uhr

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