Klassiker statt Sneaker?

Brown Shoes melden sich modisch zurück

Klassische Schuhe könnten vor einem Comeback stehen – wenn sie ausreichend Komfort bieten (Foto: Primeshoes)
Klassische Schuhe könnten vor einem Comeback stehen – wenn sie ausreichend Komfort bieten (Foto: Primeshoes)

Mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen bahnt sich ein Comeback für klassische Anzüge und Schuhe an. Aber was möchten Männer wirklich tragen? schuhkurier hat sich umgehört.

Federboas und Anzüge in leuchtenden Regenbogenfarben, so extravagant kleidet Alessandro Michele, Creative Director von Gucci, die Männer ein. Auch Spider-Man-Schauspieler Andrew Garfield, der einen rosafarbenen Gucci-Satinanzug mit übergroßen Stoffblumen trägt. „Werfen Sie Ihre Jeans und T-Shirts weg, eine neue Ära ist angebrochen“, betonte der italienische Designer im Gespräch mit The Interview People anlässlich der Ausstellung „Fashioning Masculinities“ im Victor & Albert Museum London, bei der Gucci Partner ist. Extravagant bedeutet für den Italiener, lebendig zu sein.
Der rosa Anzug wird sicherlich nicht das Straßenbild in Deutschland prägen und Sneaker verschwinden auch nicht von der Bildfläche: aber Fakt ist, dass die Männer wieder Lust haben, sich chic zu machen. Es sind vor allem die vielen Hochzeiten, Abschlussbälle und Partys, die den Umsatz mit eleganten Anzügen und Schuhen ankurbeln. Tatsächlich tauchen im Straßenbild immer mehr Männer mit Anzug und Mokassins oder braunen Schnürschuhen auf, hat nicht nur Niek Jansen, Geschäftsführer Rexor, Düsseldorf, festgestellt. „Eigentlich stehen die Zeichen auf Konsum, aber es scheint ein bisschen die Stimmung für frohe Feste zu fehlen“, so Jansen. Die Dominanz der Sportmarken sei vorbei. „Aber“, so Jansen, „Business ist nicht as usual im Vergleich mit früher. Die heutigen Businessschuhe haben sportive Features, sie sind nicht nur Schwarz, sondern vielfach Braun und Blau. Im Verkauf gefragt sind Schnürschuhe, Slipper und Penny Loafer, auch in Wildleder. Ein Bestseller sind hybride Schuhtypen wie Modelle mit traditionellem Upper, weißen Sneakerböden und super bequem“.
Hans-Georg Nestel, Schuhhaus Nestel, Reutlingen, sieht ebenfalls einen Lichtblick: „Business zieht etwas an und generell hat die Nachfrage zugenommen, aber wir haben noch lange nicht das Niveau von 2019 erreicht. Für festliche Anlässe sieht es anders aus, da liegen elegante Schuhe vorn und werden gekauft. Bestseller sind Modelle mit verrundeten Leisten in Schwarz und in mittleren Brauntönen. Gepflegte Upper aus Leder und bequeme PU-Sohlen verkaufen wir gut. Wenn Männer elegante Klassiker kaufen, spielt der Preis keine Rolle – egal ob 160, 170 oder 180 Euro. Wenn der Anlass da ist, wird gekauft“. Speziell fürs Büro werden eher Sneakertypen gesucht, da tun sich klassische Schuhe schwer, heißt es immer wieder.

Vor allem smarte junge Männer möchten wie aus dem „Ei gepellt“ aussehen und nicht so casual wie ihre Väter, bestätigen viele Gesprächspartner. Für Karim Choukair, Executive Partner, Melvin & Hamilton, steht fest: „Wenn bei einer Hochzeit heutzutage alle Männer im blauen Anzug mit weißen Sneakern gekleidet sind, finden das die heranwachsenden Jugendlichen uncool“. Mode verändert, entwickelt oder erneuert sich. Kreativität ist für Choukair der entscheidende Game Changer: „Schuhe passen sich dem Bedarf an. Mal sind sie weiß, mal sind sie braun oder bunt, mal bleiben sie länger, ein anderes gehen sie schneller.“ Ein neuer Schuh sei ein willkommener Anfang, das wiederkehrende Leben neu zu gestalten. Für den kreativen Schuhhersteller ist die klassische Mode nicht einfach so verschwunden, sondern im Umbruch, und gerade nehme dieser Bereich wieder an Fahrt auf.
Nach der Pandemie gab es auch einen Nachholbedarf. „Während der Corona-Krise saßen die Männer überwiegend im Homeoffice, da blieb neben der Kreativität oft auch der Dresscode auf der Strecke“, erklärt Markus Dietrich, Sales Director Digel. Jetzt kehrten die Männer in ihre Büros zurück und eine neue Kluft müsse her. „Ein neuer Anzug, dazu ein neues Paar Schuhe mit dem passenden Gürtel, der Bedarf ist da“, so Dietrich: „Wenn du als Mann etwas darstellen möchtest, gehört der Anzug einfach dazu.“ Ebenso stiegen bei Digel die Nachbestellungen der Handelspartner und innerhalb kürzester Zeit habe es kaum noch Ware an „unserem zuvor sehr gut gefüllten 22.000 qm großen Lager“ gegeben, ergänzt der Sales Manager. Der Einzelhandel hatte schlicht zu wenig vorgeordert.

 

Business muss bequem sein

Und wie kleiden sich die Männer? Die Businessanzüge der neuen Generation zeichnen sich vor allem durch Bequemlichkeit aus. Das erreicht der Anzugspezialist Digel durch flexible Materialien sowie eine softe und unkonstruierte Verarbeitung. Bei den Schuhen favorisiere Digel hybride Businesstypen, Chelsea Boots und moderne Slipper, alle ebenfalls sehr bequem mit leichten flexiblen Böden, bevorzugt in den Farben Cognac, Braun und in dunklen Grautönen. „Andersfarbige Details wie z.B. Schnürsenkel verleihen den Modellen einen modernen Look“, beschreibt der Sales Director den Style.
Auch für Sven Brüggemann, Head of Product und Marketing, Roy Robson, wird sich der Markt ein Stück weit erholen: „Offizielle Anlässe werden wieder zunehmen und damit kommt die Lust, sich wieder etwas formeller anzuziehen“. Trotzdem: Bequemlichkeit ist wichtig. Das Cosy-Feeling der Sneaker-Modelle darf sich auch in klassischen Modellen wiederfinden. „Aber auch beim Brogue, Plain-Derby oder Captoe ist es wichtig, dass die Schuhe nicht zu formell wirken und leichte und flexible Sohlen haben“, so Brüggemann.  „Trotzdem: Anzug und Sneaker schließen sich schon lange nicht mehr aus.“
Für Björn Wischnewski, Produktmanager Lloyd Shoes, ist der Markt auf hohem Niveau stabil: „Die Zeit der Zoom-Meetings ist vorbei. Business is back. Der Businessschuh hat viel an Wohlgefühl hinzugewonnen und der Tragekomfort spielt eine äußerst wichtige Rolle.“ Beim Look der Schuhe müsse das Prinzip „Athleisure“ auf den klassischen Schuh übertragen werden. Der Auftritt habe sich der Zeit angepasst, das reiche vom „White Cupsole“ bis zum klassischen Budapester. „Aber das Selbstverständnis des klassischen Schuhs hat sich verändert. Es ist nicht mehr ausschließlich der anzugtaugliche Ledersohlenschuh mit Flügelkappe, sondern sportliche Gene wie hybride Sohlen und Upper-Konzepte tauchen auch im formellen Gewand auf“, so Wischnewski. Nach langer Zeit der gelebten Casualität kommen die ersten Smart Preppies mit dem Brown Shoe zurück. Der habe in der Zwischenzeit von seinen Sneaker-Kollegen gelernt und sich deren Vorteile angeeignet.
 „Wir merken, dass der Markt langsam wieder anzieht und die Nachfrage sich verstärkt. Die Männer möchten sich wieder stylen. Mit einem smarten Anzug und guten Lederschuhen ins Büro gehen, das ist wieder angesagt. Auch wer in der Hierarchie nach oben kommen möchte, zieht sich korrekt an. Kleider machen Leute“, sagt Detlef W. Stichling von Prime Shoes. Optisch wird sich für ihn nichts am Businessschuh verändern. „Im Gegenteil. Gefragt sind die Klassiker wie Derby, Budapester und Captoe. Die Einzelhändler suchen keine neuen Leisten, sondern stocken ihre Sortimente mit den bewährten Modellen auf.“ Trotz des Lichtblicks werde aber der Markt das Niveau vor Corona erst in drei Jahren erreichen.
Floris van Bommel, Creative Director Floris van Bommel, erwartet kein großes Comeback für Business, aber „wir haben das große Glück, dass wir individuelle Handwerkskunst auch in unsere anderen Segmente einfließen lassen.“ Mit Floris van Bommel hat die niederländische Schuhmarke schon vor 25 Jahren eine jüngere Kollektion eingeführt. „Für uns ist die Nachfrage an formellen Fun-Businessschuhen als Alternative zu Brown Shoes also ein back to basic. Mit der traditionellen, 288 Jahre alten Marke van Bommel lieben wir es, auch weiterhin gut gemachte, klassische und konservative Styles zu präsentieren. Wenn sich neue Generationen für Brownshoes interessieren, dann für die echten klassischen Ikonen“, so das Fazit von Floris van Bommel.

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Lisa Dartmann / 14.04.2022 - 15:28 Uhr

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