Rückkehr der Galanterie

Das Ende des Sneaker-Hypes?

Alltagsschuh, Sammlerstück, Sportequipment: Sneaker sind allgegenwertig. (Foto: Unsplash/Stephan Schmidt)
Alltagsschuh, Sammlerstück, Sportequipment: Sneaker sind allgegenwertig. (Foto: Unsplash/Stephan Schmidt)

Löst Galanterie den Sneaker ab? Steigen Verbraucherinnen vom Lifestyle-Sportschuh wieder auf Pumps um? Expertinnen und Experten aus der Branche geben Antworten auf diese Fragen.

Adele trägt sie. Der Superstar wurde unlängst als Zuschauerin eines Basketballspiels in Los Angeles abgelichtet – passend zum Anlass mit dem Nike-Modell Jordan 1 Retro High Twist in schwarz-weiß an den Füßen. Zahllose Teenager weltweit bemühen sich regelmäßig, bei den neuesten Sneaker-Releases so schnell wie möglich zuzuschlagen. Und im allgemeinen Straßenbild hat sich unverkennbar die Sneakerisierung durchgesetzt: Sneaker beim Stadtbummel, beim täglichen Einkauf, beim Besuch im Kino und im Büro.

Die Corona-Pandemie hat dem ohnehin vorhandenen Trend zu legerer Kleidung und sportiven Schuhen enormen Auftrieb verliehen. Homeoffice, entfallende Dienstreisen, mehr Lust auf Freizeitaktivitäten in der Natur, mehr Begeisterung für Sport – all das sorgte für Höhenflüge im Sneakersegment. Laut dem Marktund Konsumforschungs-Unternehmen Statista betrug der Umsatz mit Sneakern im Jahr 2021 2,2 Mrd. Euro. Das ist allerdings weniger als vor Corona; die Pandemie drückte insgesamt auf die Konsumlaune. In den Jahren 2020 und 2021 waren die Umsätze mit Sneakern erstmals rückläufig gewesen. Im noch jungen Jahr 2022 wird das Geschäft mit Sneakern laut Statista voraussichtlich wieder über Vorkrisenniveau liegen. Erwartet werden Umsätze in Höhe von 2,8 Mrd. Euro. Im kommenden Jahr soll der Umsatz mit sportlichen Schuhen demnach die 3-Milliarden-Marke knacken. Laut Prognose wird im Jahr 2025 ein Marktvolumen von 3.356.794.163 Mio. € erreicht; dies entspricht einem jährlichen Umsatzwachstum von 6,48%. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl wurden in diesem Markt im vergangenen Jahr etwa 26,50 Euro pro Kopf umgesetzt. Im Jahr 2022 dürften es laut Statista 33,15 Euro pro Kopf sein. Etwa jeder zehnte Sneaker falle dabei in die Kategorie „nachhaltig“. Dies umfasse etwa Engagement in grünen Lieferketten, die Umsetzung von Sozialstandards, transparente Strukturen und weitere Faktoren. Die Schätzung bezieht sich dabei ausschließlich auf modische bzw. Lifestyle-Sneaker. Nicht enthalten sind laut Statista funktionale Sportschuhe (z.B. für Tennis, Basketball, Fußball, usw.) sowie Arbeits- und Sicherheitsschuhe.
Der weltweit größten Märkte für Sneaker sind die USA und China mit Umsätzen jeweils im zweistelligen Milliardenbereich. Viele Sneaker-Modelle erlangen heutzutage Kultstatus und erzielen im sekundären Markt auf Wiederverkaufsbörsen wie StockX Gebote, die zum Teil deutlich über dem Einzelhandelspreis liegen – siehe Adele.

„Sport neu gedacht“

Der Hype scheint ungebrochen. Zugleich mehren sich die Anzeichen, dass die Mode zumindest in Teilen von den sportiven Looks abrückt. In zahlreichen Kollektionen nehmen „Casual-Styles“ immer noch viel Raum ein, werden aber um elegantere Modelle und Styles ergänzt. So ist Modeexperte Martin Wuttke von Modeurop überzeugt: „Sport wird neu gedacht.“ Natürlich seien nach wie vor auch Sneaker wichtig, so Wuttke. Statt der „ewigen White Sneaker“ prognostiziert der Trendscout unter anderem Alloverpastellfarbene Sneaker als „heißes Thema“. Daneben würden aber auch neue Loafer, Schnürer und Langschaftstiefel auf die Modebühne zurückkommen: „mit Glam, Glanz, Silber und Schimmer.“ Auch Jörg Reichelt, Produktverantwortlicher bei Högl, sieht neben sportlichen Styles auch elegantere Schuhmode auf dem Vormarsch: „Wir haben nach wie vor Sneaker in unserer Kollektion, aber das ist nicht mehr der Hauptpart.“ Vielmehr sei spürbar, dass Konsumentinnen mehr Galanterie wollten, seien es Chelseaboots, Langschaftstiefel oder auch Loafer mit schönen, eleganten Details. Dagegen ist Friedrich Lüning von Apple of Eden überzeugt, dass gerade in der jungen Zielgruppe der Sneaker-Hype ungebrochen ist. „Speziell in den Monaten Juli bis September sind Sneaker enorm wichtig. Erst mit Herbstbeginn werden dann andere Themen wichtiger.“ Vor allem die neuen Chelsea-Boots auf markanten Böden seien ein starkes Thema für den kommenden Herbst und Winter.

 

Zugpferd Turnschuh

Der Bodelshausener Modeanbieter Marc Cain, der auch eine eigene Schuhkollektion entwickelt, sieht ebenfalls einen Nachholbedarf im etwas eleganteren, klassischen Bereich. Mit Chunky Loafern und College-Schuhen, Chelsea Boots und Schlupfstiefel will man dem gerecht werden – neben zahlreichen neuen Sneakervarianten. „Während Frauen vor Jahren eher zu einem feinen Heel griffen und Männer zu einem schlichten Anzugschuh, werden Businesslooks heutzutage mit einem Sneaker kombiniert. Er ist wie das kleine Schwarze zu betrachten und ist somit ein Allrounder für jeden Modeinteressierten“, sagt Christoph Gessner. Der Geschäftsführer des Tom Tailor Lizenznehmers Supremo ist von der anhaltend große modischen und kommerziellen Bedeutung des Sneakers überzeugt. „Der klassische Turnschuh ist nun schon seit vielen Saisons ein Zugpferd der Kollektionen und findet durch viele Weiterentwicklungen immer wieder Platz bei uns. Ob sportlich leichte Styles im Frühjahr- Sommer, Sneaker mit Tex-Membran im Herbst-Winter – für uns wird der Sneaker immer bedeutend sein“, so Gessner.

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Christopher Mastalerz / 21.01.2022 - 14:43 Uhr

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