Wünsche an die Industrie

Das fordert der Handel

Zu den Orderterminen für Frühjahr/ Sommer 2023 kommt der Handel mit einer konkreten Erwartungshaltung. (Foto: Igedo Company)
Zu den Orderterminen für Frühjahr/ Sommer 2023 kommt der Handel mit einer konkreten Erwartungshaltung. (Foto: Igedo Company)

Die Probleme der aktuellen Saison haben den Handel an seine Grenzen geführt. Nun fordert er marktgerechte Ordertermine, Verbindlichkeit bei den Auslieferungen und Augenmaß bei Preiserhöhungen.

Rupert Lipp, Schuh Lipp, Eching

Ich wünsche mir mehr Realitätssinn von den Herstellern. Die Industrie versucht derzeit, den Handel vor sich her zu treiben – und das geht völlig an der Realität vorbei. Ich nenne mal ein Beispiel: Da werden Skonti mal eben von drei auf ein Prozent zusammengestrichen. Angesichts der steigenden Kosten braucht der Handel stattdessen dringend eine Margenerhöhung. Auch der Versuch, eine frühere Ordervergabe einzufordern, ist mit der Realität nicht vereinbar. Das ist eine ungeheure Ignoranz von der Industrie. Von Partnerschaft kann hier keine Rede sein. Dabei geht es doch jetzt um die Frage, wie man diese schwierige Zeit gemeinsam bewältigt. Mit steigenden Preisen ist jedenfalls niemandem geholfen, denn die werden eine sinkende Mengennachfrage nach sich ziehen.

Anne Vospeter, Schuhhaus Potthoff, Gütersloh

Unser dringlichster Wunsch ist, dass wir das, was wir geordert haben, auch bekommen, denn Planungssicherheit ist äußerst wichtig. Die Lieferkettenprobleme der Industrie sollten also künftig behoben sein. Ein weiteres Anliegen ist, dass die Preissteigerungen nicht überhandnehmen. Eine Erhöhung um zehn Euro akzeptiert unsere Kundschaft meist noch, doch 20 Euro mehr für ein bereits bekanntes Modell – das ist einfach zu viel. Außerdem würden wir es sehr begrüßen, wenn die aktuell vorgezogenen Ordertermine

sich in Zukunft wieder normalisieren würden. Wenn wir die frühen Termine jetzt wahrnehmen – und bei wichtigen Lieferanten werden wir das zum Teil tun, sind wir gezwungen, ins Blaue hinein zu ordern. Dabei müssen wir – im Gegenteil – näher an den Markt heran und nicht immer weiter weg. In Bezug auf die Kollektionen hoffen wir auf viele flexible Böden. Denn wenn die Mode, wovon wir ausgehen, wieder etwas „angezogener“ wird, erleichtern flexible Sohlen den Umstieg vom Sneaker auf einen „normalen“ Schuh enorm.

Heinrich Zumnorde, Zumnorde, Münster

Wir hoffen sehr, dass unsere Lieferanten von übertriebenen Preissteigerungen absehen werden. Denn wer glaubt, jetzt auf den Inflationszug aufspringen zu können, wird erleben, dass unverhältnismäßige Preiserhöhungen am Markt nicht durchsetzbar sind. Auch in Bezug auf die vorgezogenen Ordertermine haben wir eine klare Erwartungshaltung: Wenn die Industrie eine verfrühte Auftragsvergabe verlangt, möchten wir auch pünktlich beliefert werden und erwarten diesbezüglich verbindliche Aussagen unserer Lieferanten. Wer trotz sehr frühzeitiger Auftragsvergabe zu spät liefert, wird von uns künftig bei der Auftragsvergabe sehr kritisch beurteilt werden. Denn wenn die Ware zum Zeitpunkt der Nachfrage nicht da ist und unsere Kundinnen und Kunden bei uns nicht bekommen, was sie suchen, dann haben wir das Nachsehen. Lieferpünktlichkeit ist daher unabdingbar. Eine um zwei bis drei Monate verspätete Auslieferung ist nicht länger akzeptabel, denn das ist wirtschaftlich nicht mehr zu verkraften. Man kann auch nicht immer wieder die Containerschiffe als Entschuldigung anführen, mittlerweile sollten die Probleme bewältigt sein. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen in der aktuellen Saison werden wir uns auf die Fabrikate konzentrieren, mit denen wir Erfolg hatten. Von einigen Anbietern werden wir uns verabschieden müssen.

Marc Neugebauer, Schuh Heinrich, Kiel

Gute Nachordermöglichkeiten sind extrem wichtig für uns, denn nur dadurch bekommen wir eine ordentliche Drehzahl. Auch bei Herrenschuhen sind wir darauf angewiesen. Bei vielen Herstellern klappt das recht gut, aber es kann noch besser werden. Auch das Logistik-Thema darf uns in Zukunft keine Sorgen mehr machen. Die Ware muss zum richtigen Zeitpunkt kommen. Man kann nicht alle Lücken, die durch Lieferausfälle entstehen, ausgleichen. Außerdem sollte Ware nicht geballt zu früh oder zu spät kommen, sondern so gestaffelt, wie sie geordert wurde.

Walter Kämpf, Mode + Schuhe Kämpf, Ditzingen

Mir ist durchaus bewusst, welche Schwierigkeiten die Industrie hat. Dennoch ist es mir ein großes Anliegen, dass die Hersteller die Auslieferung der Saisonware künftig besser bewältigen als in der aktuellen Saison. Fehlende Ware kostet uns nämlich tatsächlich Umsätze. Die guten Markenlieferanten waren durchgängig lieferfähig; daran sieht man, welche Vorteile die Produktion in Europa hat. Die Hersteller sollten in die Qualitäten investieren und nach Europa gehen. Hochwertige Ware, die auch langlebig ist, ist schließlich auch im Sinne der Nachhaltigkeit. Mein zweites Anliegen: Die Preiserhöhungen sollten im Rahmen bleiben. Unsere Kundinnen und Kunden merken nämlich durchaus, wenn versucht wird, die aktuelle Situation für kräftige Preiserhöhungen zu nutzen. Stattdessen ist eine moderate Preisentwicklung im Sinne aller Beteiligten, denn die Menschen werden künftig weniger Kaufkraft haben. Und noch einen Wunsch habe ich: Wir brauchen unbedingt gute Nachordermöglichkeiten. Ich verstehe ja, dass die Lieferanten nicht extrem ins Risiko gehen wollen, aber bei manchen Herstellern funktioniert der Nachkauf ja durchaus. Auch die Lieferung von Einzelpaaren muss grundsätzlich möglich sein.

Ralph Heinle, Schuh Geiger, Tübingen

Ich habe aktuell den Eindruck, dass die Lieferanten erheblichen Druck ausüben. Das zeigt sich beispielsweise an all den E-Mails, die wir laufend bekommen und in denen kommuniziert wird, dass man die Ware nur pünktlich bekommt, wenn man zu denjenigen gehört, die als Erste kaufen. Ich kann die Hersteller ja verstehen – aber wir wissen doch jetzt noch gar nicht, wo die Reise hingeht. Schließlich fängt der Abverkauf erst jetzt richtig an. Daher wäre es mein Wunsch, dass die Order vier Wochen später starten würde. Wie früher, Ende August, Anfang September. Das wäre ideal.

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Annette Gilles / 28.07.2022 - 09:22 Uhr

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