Wie entwickeln sich die Frequenzen?

Die Angst vor der German Angst

Händlerinnen und Händler befüchten leere Einkaufsstraßen. Haben die Deutschen angesichts von Krieg und Krisen noch Lust auf Shopping? (Foto: Josh Taylor/Unsplash)
Händlerinnen und Händler befüchten leere Einkaufsstraßen. Haben die Deutschen angesichts von Krieg und Krisen noch Lust auf Shopping? (Foto: Josh Taylor/Unsplash)

Die Hoffnung auf erholte Frequenzen scheint bei vielen Händlerinnen und Händlern weiter weg denn je. Der Krieg trübt die Kauflaune noch mehr als die Pandemie. schuhkurier hat im Handel nachgefragt, wie sich die Frequenzen entwickeln.

„Die Frequenzen sind derzeit sehr enttäuschend. Ich muss sagen, so krass wie aktuell war es noch nie“, wird Thomas Zumnorde über die Situation in den Innenstädten deutlich. Der Krieg in der Ukraine vertreibt den Kundinnen und Kunden offenbar die Lust aufs Bummeln und so geht nur in die Stadt, wer wirklich Bedarf hat: „Wer kommt, kauft meist auch. Unsere Conversion Rate und die Bons sind gut. Was fehlt, sind die Menschen, die in den Städten unterwegs sind.“ In den sonst so starken Frühlingsmonaten erhofften sich Händlerinnen und Händler eigentlich endlich wieder einen Aufschwung nach schwachen Jahren. „Der Schub, den wir uns in der abklingenden Corona-Pandemie erhofft haben, bleibt derzeit aus. Der Krieg und die Inflation, das sind Themen, die die Menschen beschäftigen“, erklärt Marc Leinweber, Geschäftsführer von Aktiv Schuh. Haben die Menschen zu viele Bedenken, um Lust auf Shopping zu entwickeln? Thomas Zumnorde befürchtet, dass den Deutschen zu viel Angst gemacht werde: „Was wir erleben, hat auch etwas mit der berüchtigten ’German Angst‘ zu tun: Aldi verkündete Preiserhöhungen, von dort ging es nahtlos weiter zum vermeintlich knappen Raps- und Sonnenblumenöl. Es wird sogar von Politikern die Botschaft ausgegeben, die Spitze unseres Wohlstands sei erreicht.“ Und wenn man sich was gönnen möchte, dann lieber einen Urlaub, wie Leinweber feststellt: „Die Menschen wollen wieder raus, verreisen, sich frei bewegen. Wenn gleichzeitig die Preise steigen, ist nicht viel übrig für Produkte, wie wir sie anbieten.“

Wochentage gleichen sich an

Die fehlende Lust zum Bummeln und auch fehlende Touristen wirken sich auch auf die Frequenz an den Wochentagen aus, und über Jahrzehnte Gelerntes ist nicht mehr uneingeschränkt gültig. Die Unterschiede zwischen dem Samstag und den Wochentagen werden kleiner, viele haben es in den vergangenen Monaten sogar eher vermieden, am Samstag in die Stadt zu gehen, so dass sich die Frequenzen auf die Wochentage verteilt haben. „Unter der Woche läuft es noch recht gut, aber der Samstag wird zum Problem, vor allem in größeren Städten, die von Tages- touristen leben. Hier kommen die Samstage bei weitem nicht an das Vor-Corona-Niveau heran“, berichtet Zumnorde. Ähnliches haben die Verantwortlichen beim Sneaker- und Streetwear-Retailer Snipes zwischenzeitlich beobachtet, so Simon Bus, Head of Communication & Entertainment: „Das Geschäft hat sich zeitweise relativ linear über die gesamte Woche verteilt. Wir gehen davon aus, dass bewusst große Ansammlungen in Großstädten und vor allem an Wochenenden gemieden wurden. Mittlerweile sehen wir, dass das Geschäft am Wochenende wieder sehr viel stärker ist.“ Nora Johanna Werdich von Schuhhaus Werdich mit 37 Standorten in Süddeutschland sieht darin eine Veränderung des Freizeitverhaltens: „Am Wochenende fahren die Menschen ins Grüne und verlagern Einkäufe auf Werktage. Verstärkt wird der Effekt durch flexiblere Arbeitsmodelle, Homeoffice etc. – durchaus auch unabhängig der Pandemie.“ Sie beobachtet auch, wie die Geschäfte und Städte aktiv versuchen, die Lust auf den Besuch in der Stadt zu wecken: „Um die Frequenz zu erhöhen, veranstalten die Städte Frühlingsfeste und verkaufsoffene Sonntage. Wir arbeiten zusätzlich zum Saisonstart mit unserem Kundenbindungsprogramm und sprechen hier unsere Kunden direkt an.“ Bei perfekten Bedingungen habe man damit an manchen Tagen auch schon Frequenzzahlen auf dem Niveau von 2019 erreichen können. Auch Christian Hinkel, Leiter der Unternehmenskommunikation bei Deichmann, versprüht Optimismus: „Die Besucherzahlen in der Fußgängerzone nehmen nach unserem Eindruck allgemein wieder zu. Es gibt bei den Menschen weiterhin die Sehnsucht zu Bummeln, Shoppen, Kaffee trinken oder Leute treffen.“

Unterschiede zwischen Standorten

Die Entwicklung ist stark vom Standort abhängig. Großstädte und Innenstadtlagen haben mit mehr Frequenzausfällen zu kämpfen als äußere Stadtteile oder der ländliche Raum, wie Marc Leinweber beobachten konnte: „Besonders problematisch ist die Lage in innerstädtischen Centern, wo die Frequenzen um bis zu 60% unter 2019 liegen. Innerstädtische Straßenlagen bewegen sich im Schnitt bei -45% im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau. Center in Stadtteillagen liegen um die 40% unter 2019. Noch am besten schneiden Einkaufsstraßen in Stadtteillagen mit -15 bis -20% ab. Auch im ländlichen Raum stehen etliche Standorte mit -15% im Verhältnis recht gut da. Center im ländlichen Raum, die gut angebunden sind, liegen im Schnitt bei 29% unter 2019.“ Doch auch hier sind zurzeit starke Veränderungen zu beobachten: „Sobald solche Center auf der grünen Wiese liegen, sind deutliche Frequenzrückgänge um bis zu 50% zu verzeichnen. Hier wirken sich unmittelbar die gestiegenen Spritpreise aus.“ Auch bei Snipes hatten die Filialen in den Großstädten mit mehr Schwankungen in den Frequenzen zu kämpfen gehabt als die an kleineren Standorten, doch insgesamt erholen sich die Frequenzen wieder, sagt Simon Bus: „Innerhalb der letzten zwei Jahre konnten wir durchweg beobachten, dass die Frequenzen steigen, sobald Corona-Maßnahmen aufgehoben wurden. Auch aktuell, mit dem Wegfall der Maskenpflicht seit dem 03. April, sehen wir, dass sich die Frequenzen erheblich erholen und sind sehr positiv gestimmt, dass das auch so bleibt.“

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Christopher Mastalerz / 21.04.2022 - 16:23 Uhr

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