Interview mit Dieter Fleischer

„Die Lederwarenbranche ist noch nicht transparent genug“

Dieter Fleischer ist Experte für die Supply Chain im Lederwarenbereich (Foto: Dieter Fleischer)
Dieter Fleischer ist Experte für die Supply Chain im Lederwarenbereich (Foto: Dieter Fleischer)

Dieter Fleischer macht sich für eine Kennzeichnungspflicht im Lederwarenbereich stark. Der Branchen-Experte wünscht sich mehr Produktion in Europa und Deutschland.

Herr Fleischer, Sie sind Experte im Bereich Supply Chain/Lederwarenindustrie. Welche beruflichen Stationen haben Sie bislang durchlaufen?

Dieter Fleischer: Ende der 90er-Jahre wurden viele Produktionen nach Asien ausgelagert und nach meiner beruflichen Ausbildung, die ich in Deutschland und Italien abgeschlossen habe, bin ich zunächst mit der Egana Gruppe als Qualitätsmanager vor Ort in die Nähe von Hongkong gegangen, wo ich auch mehrere Jahre wohnte. Später war ich dann im Supply Chain Management für eine Schweizer Lifestyle-Marke und verschiedene deutsche Firmen tätig, bis ich mich vor zwei Jahren in der Gerberstadt Reutlingen selbstständig gemacht habe und hier auch eine kleine Musterwerkstatt und ein Sourcing-Büro betreibe. In und um Reutlingen sind immer noch viele Gerbereien und Textilbetriebe ansässig.


Sie befassen sich aktuell mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Branche. Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Transparenz im Produktionsprozess ist heute ein viel diskutiertes Thema und ich finde es sehr wichtig, dass der Kunde weiß, wie das Produkt hergestellt wird oder wo es herkommt. Social Compliance spielt hier eine übergreifende Rolle. Das Lieferkettengesetz, das letztes Jahr verabschiedet wurde, ist ein Schritt in die richtige Richtung, dennoch ist die Lederwarenbranche noch nicht transparent genug, das fängt schon mit der Herstellungskennzeichnung an. Bei Textilien und Schuhen gibt es diese Kennzeichnung schon lange.

Welche Missstände sehen Sie insbesondere im Bereich Leder?

Da die asiatischen Leder qualitativ meist noch nicht dem Standard im hochpreisigen Segment entsprechen, werden Leder teils um die ganze Welt geschickt, z.B. von Italien nach China, um dann die halbfertigen Produkte wieder zurückzuschicken, um sie in Italien oder Osteuropa zu veredeln und dann wiederum auf die Geschäfte weltweit zu verteilen.
 

Was könnte dagegen unternommen werden?

Einfluss nehmen könnte man hier durch mehr Lohnveredlung und Zurückholen der Produktionen nach Europa, was auch seit letztem Jahr zu beobachten ist –
es wird häufiger zu 100% wieder in Europa gefertigt, vor allem in Portugal und Italien. Wenn man so will, ist das ein positiver Nebeneffekt der Pandemie.
 

Ist das Problem eher im Preiswert-Sektor vorhanden – oder gilt es branchenweit?

Ich finde, dass preiswerte junge Labels hier eher transparenter und offener sind als die preislich höher angesiedelten und länger etablierten Marken.
 

Was wünschen Sie sich von den Verbänden der Branche? Wer will, kann und sollte aktiv werden?

Es wäre wünschenswert, kurzfristig eine Kennzeichnungspflicht mit ’made in‘ und längerfristig eine Art Label einzuführen, sozusagen den ’grünen Knopf der Lederwarenindustrie‘. Federführend könnte hier der Bund der deutschen Lederwarenindustrie in Zusammenarbeit mit dem Zoll sein.
 

Ist es überhaupt möglich, in einer so global organisierten Branche wie dem Leder/Lederwarenmarkt wirklich nachhaltiger zu werden?

Ich sehe hier durchaus Potenzial. Aktuell wird auch versucht, Alternativen zu Leder anzubieten, davon halte ich allerdings nicht viel, da diese neu entwickelten Materialien auf PU-Basis hergestellt und nicht so langlebig sind.
 

Ist die aktuelle Störung der Lieferketten – auch im Bereich Leder und Komponenten – möglicherweise eine Chance, um vorhandene Probleme in den Griff zu bekommen?

Das ist eine sehr große Chance, um einerseits unabhängiger zu werden und hier eine stärkere Kontrolle zu haben. Vielleicht ist es bald auch wieder möglich, mehr Produktion in Deutschland zu etablieren, das würde ich mir wünschen.      


Das Interview ist erschienen in schuhkurier Ausgabe 4/Schwerpunkt Nachhaltigkeit.Zum ePaper der Ausgabe gelangen Sie hier.  

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Petra Steinke / 30.01.2022 - 18:26 Uhr

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