Vortrag auf dem Bequemschuh-Symposium

Endet der Online-Boom?

Prof. Heinemann hielt auf dem Bequemschuh-Symposium einen Vortrag.   (Foto: Volkmar Heinz)
Prof. Heinemann hielt auf dem Bequemschuh-Symposium einen Vortrag. (Foto: Volkmar Heinz)

Dieser Frage widmete sich im Rahmen des Bequemschuh-Symposiums der E-Commerce-Experte Professor Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Und er lieferte auch die Antwort.

Zunächst zum Status quo: „Corona-Gewinner ist Online“. Das stellte Prof. Heinemann gleich zu Beginn seines Vortrags fest. Auch wenn es einen gewissen positiven Corona-Effekt im stationären Handel gegeben habe, lag dieser im vergangenen Jahr doch im Minus – bei gleichzeitigem Wachstum im Onlinehandel. „Wir werden trotz der Verwerfungen im ersten Quartal und Minusumsätzen seit Beginn des Ukraine-Krieges nach Aussage des Handelsverbands Deutschland noch 12,5% Onlinewachstum sehen“, so Heinemann. Besonders der stationäre Modehandel inklusive Mode ist laut Heinemann der große Verlierer des Onlinebooms. Per Ende 2021 wurden 53,7% aller Bekleidungs- und Schuhprodukte im Internet gekauft. „Ich befürchte, dass wir Ende diesen Jahres ein zweistelliges Onlinewachstum sehen werden“, so der Experte. Das habe nicht zuletzt auch mit Connected Retail von Zalando zu tun, mit dem der Onlinehändler „das Lieferkettenproblem umgeht, indem es einfach die Ware aus den stationären Händlern aussaugt und damit überproportional Marktplatz-Umsatz macht.“ Jeder Händler solle sich überlegen, ob er seine Ware weiter über Marktplätze anbieten wolle, mahnte Heinemann. Letztlich stärke man damit die übermächtige Internet-Konkurrenz. Wachstum kommt online auch aus anderer Richtung, weil immer mehr Hersteller eigene Onlineshops betreiben und dieses Segment massiv ausbauen: „Wer eine kultige Marke hat und begehrliche Produkte, wird diesen Weg gehen“, ist Heinemann überzeugt.

Die letzte Meile

Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus für den Handel? Wer online shoppt, Ware aber im Geschäft abholt und bezahlt, tätigt einen stationären Einkauf. Wer wiederum in einem Geschäft den Onlineshop dieses Händlers nutzt, um alternative Produkte zu kaufen, ist Online-Kunde. Am Ende spiele es keine Rolle, über welchen Kanal der Umsatz generiert wird, ist der Handels-Fachmann überzeugt. „Der Kunde kauft da, wo er am schnellsten und einfachsten an das gewünschte Produkt kommt. Das biete für den stationären Handel Chancen: Er sollte seine Kunden bei der Suche nach Produkten im Internet unterstützen – bis hin zur Auslieferung von Ware innerhalb einer Stadt. „Die Belieferung auf der letzten Meile würde ich nicht kampflos Amazon oder Zalando überlassen“, so Heinemann.

Shopping via App

Amazon – laut dem Experten größter Modehändler in Deutschland - wickelt mindestens 70% aller Transaktionen über das Smarktphone und mehr als 50% des Gesamtumsatzes über seine App ab. „Die Shopping-App ist das nächste Thema“, so Heinemann in Zeulenroda, „und sie kommt mit geballter Ladung.“ Die meisten aktuell heruntergeladenen Apps seien Shopping-Apps.
Heinemann riet den in Zeulenroda Anwesenden Unternehmerinnen und Unternehmern, sich mit Apps zu beschäftigen, dabei aber auch zeitgemäße Leistungen dieses Tools ins Auge zu fassen. So ergebe eine App beispielsweise vor allem dann Sinn, „wenn sie Kunden individuell und kuratiert die ersten fünf Artikel empfiehlt – dank eines speziellem Algorithmus.“ Hinzu kommen Funktionen wie Self-Checkout und nicht zuletzt auch die Digitalisierung des Ladenlokals, um nachvollziehen zu können, was der Kunde in welchem Bereich des Geschäfts macht, welche Produkte er sich anschaut und wann er die App nutzt, etwa um Informationen über Produkte einzuholen. Es gehe nicht darum, einfach nur eine App zu launchen, vielmehr gehe es um einen optimalen Online-Auftritt und auch einen mobil funktionsfähigen und gut bedienbaren Onlineshop. Hinzu kämen Multichannel-Services, Click & Collect und Investitionen in digitale Werbung.  „Der Kunde, der ins Geschäft kommt, hat sein Smartphone dabei und nutzt es. Er nutzt es vor dem Ladenbesuch und währenddessen. Das sollten wir akzeptieren“, fordert der Retail-Experte. „Die meisten heruntergeladenen Apps sind Shopping-Apps. Ich würde das Thema ernst nehmen.“
Endet also der Online-Boom? Nein, sagt Gerrit Heinemann. Er erwartet einen Onlineanteil von 50% – und das erfordere vom stationären Handel kluge Konzepte und Maßnahmen, um Antworten zu finden.

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Petra Steinke / 19.05.2022 - 11:00 Uhr

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