Vortrag beim Bequemschuh-Symposium

Generationswechsel wirklich zulassen

Andy Paulig teilt seine Erfahrungen über die Übergabe des Familienunternehmens. (Foto: Volkmer Heinz)
Andy Paulig teilt seine Erfahrungen über die Übergabe des Familienunternehmens. (Foto: Volkmer Heinz)

Zu den Themen des Bequemschuh-Symposiums in Zeulenroda zählen traditionell auch sehr persönliche Berichte von Unternehmern über Erfolge und Stolpersteine in der Entwicklung ihres Familienbetriebes. Andy Paulig von Laufgut Paulig Hamburg erzählte, wie der Generationswechsel gelingt.

Damit alle im Auditorium eine Vorstellung von seinem Unternehmen haben, beschrieb es der 36-jährige Orthopädieschuhmachermeister und einer der aktuell drei Geschäftsführer relativ ausführlich. So umfasse das Angebot von Laufgut Paulig neben einer Auswahl an Damen- und Herrenkomfortschuhen auch Einlagen und orthopädische Maßschuhe, Kompressionsstrümpfe nach 3D-Messung, Schutzschuh-Versorgung für Diabetiker, orthopädische Kinderfußanalyse, Schuh- und Lederwarenreparatur sowie Podologie. Das Unternehmen ist an zwei Standorten präsent: Seit 1995 als Schuhmacherei und seit 2010 als Schuhfachhändler in Hamburg-Volksdorf sowie seit 2018 in Ahrensburg. „Exklusiv in Ahrensburg führen wir auf rund 80 qm das Kinderschuhgeschäft Laufgut for Kids und bieten hochwertige, nachhaltig produzierte Kinderschuhe an.“ In den beiden Filialen und der Werkstatt sind insgesamt 25 Mitarbeiter tätig. Eine weitere bemerkenswerte Zahl: 1.200 bis 1.300 Schuhreparaturen stehen – in Zeiten ohne Corona – monatlich zu Buche.

Umwege erlauben

Interessant war auch Andy Pauligs Blick in die Chronik des Familienbetriebs, insbesondere auf die Jahre seines Hineinwachsens in die Branche. Schon als Schüler half er dem Vater und verdiente sich so sein erstes Motorrad. Später hatte der ihm eine 10 qm große Ecke in seiner Werkstatt eingeräumt, wo er seine ersten Schritte gehen konnte.
Was machte sein Vater sonst noch richtig? „Meine beiden Geschwister und ich durften Praktika in all den Berufen machen, die uns reizten. Ich war zum Beispiel bei einem Zweiradmechaniker. Meine Schwester – heute als Podologin bei Laufgut Paulig – hatte sich in eine Lehre als Konditorin gestürzt.“ Inzwischen sind alle drei wieder im Familienbetrieb angekommen. Jeder hat seine klar umrissenen Aufgabenbereiche.

Sicherheit für die Älteren

Und was machen die Eltern? Das war der Punkt, an dem der Redner seine Mutter Maike Paulig auf die Bühne holte. Er stellte sie vor als Managerin, Streitschlichterin, „Kleber des Unternehmens“ und vieles mehr. Sie sprach davon, dass es ein Leben außerhalb der Arbeit gebe und sie sich gemeinsam mit ihrem Mann darauf freue. Ihr Credo: Man muss Generationswechsel zulassen. Aber um das ehrlichen Herzens tun zu können, braucht die ältere Generation Sicherheit. Das beginne bei der finanziellen Sicherheit; das Einkommen nach dem Ausscheiden müsse präzise festgelegt sein. So könne eine Betriebsrente diese Klarheit bringen. „Manchmal hilft es schon, den Steuerberater zu wechseln und sich einen heranzuholen, der einen nicht durch jahrzehntelange Zusammenarbeit verstellten Blick auf die Situation hat.“

 

Am Ende sehr glücklich

Bei Pauligs jedenfalls hat die Amtsübergabe längst begonnen „…und ich kann Ihnen sagen“, so Maike Paulig, „als ich aus dem Urlaub kam und nicht wie früher eine lange Liste Mails zu beantworten hatte, war ich für einen Augenblick verstört – und dann sehr glücklich.“ Der Sohn wendet allerdings vorsichtig ein: „Auf manches Problem werde ich erst einmal keine Antwort wissen, wenn die Eltern nicht mehr im Betrieb sind“. Die Reaktion der Mutter: „Wenn ihr wollt, sind wir da. Und wenn nicht, sind wir auch glücklich.“

 

Nicht zwischen Tür und Angel

Andy Paulig hatte auch eine lange Liste mit Risiken, Fehlern und möglichen Lösungen beim Generationswechsel parat. Ein paar Punkte aus dieser Liste:

  • Besprechen Sie nichts – weil es ja Fa- milie ist – zwischen Tür und Angel. Setzen Sie sich gemeinsam hin und erfassen alles, was festgelegt wurde.
  • Akzeptieren Sie kein Rumdrucksen, nicht das der Eltern, wie lange sie viel- leicht noch arbeiten möchten, nicht das der jungen Generation, ab wann sie zur Verantwortung bereit ist. Legen Sie alles lange im Vorfeld fest, auch die Abgren- zung der Arbeitsgebiete und die eventu- elle Arbeitszeitreduzierung der Älteren.
  • Legen Sie fest, welche Gesellschafts- form das Unternehmen nach dem Aus- stieg der Eltern und möglicherweise nach dem Einstieg anderer Familien- mitglieder haben wird.

Ohne die Last der Tradition

Einen Fakt gab Andy Paulig seinen Zuhörern noch mit auf den Weg: Nur 3 % aller Familienunternehmen überleben bis zur vierten Generation oder länger. Hier hatte er zwar politische Systemwechsel nicht im Auge, aber für die Gegenwart traf er sicher den Nagel auf den Kopf, als er meinte: „Die meisten Übergaben scheitern nicht an wirtschaftlichen, sondern an zwischenmenschlichen Problemen.“ Und dann war da ein Denkan- stoß, vor allem für stolz auf ihr Lebens- werk rückblickende Unternehmer: „Es hat mir eine große Last erspart, dass mein Vater mir immer zu verstehen gab: ‚Wenn Du jemals aufgeben willst oder musst, tu es ohne Rücksicht auf mich‘.“

Übrigens: Das nächste Bequemschuhsymposium ist vom 23. bis zum 25. April 2023 geplant und soll wieder im Seehotel Zeulenroda stattfinden. Anmeldungen sind bereits jetzt auf der Website des Symposiums möglich.

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Marlis Heinz / 05.08.2022 - 13:27 Uhr

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