Fashionsustain

Großes Thema auf kleiner Bühne

Die Frankfurt Fashion Week fand wieder überwiegend online statt. (Foto: Frankfurt Fashion Week/Lucas Christiansen)
Die Frankfurt Fashion Week fand wieder überwiegend online statt. (Foto: Frankfurt Fashion Week/Lucas Christiansen)

2022 fanden die meisten Veranstaltungen der Frankfurt Fashion Week gar nicht oder nur online statt. Auf der Nachhaltigkeitskonferenz Fashionsustain konnten Brancheninsider immerhin vor kleinem Publikum diskutieren.

Der Bericht über die Frankfurt Fashion Week und die Fashionsustain im Januar 2022 stammt aus der schuhkurier-Ausgabe 04/2022 zum Thema Nachhaltigkeit im Schuhbusiness. Nach der Frankfurt Fashion Week kündigte die Premium Group an, mit ihren Veranstaltungen zurück nach Berlin zu ziehen. Die Messe Frankfurt will weiterhin am Aufbau der Frankfurt Fashion Week festhalten.

Dieses Mal wirklich. 2022 sollte die Fashion Week auch physisch so richtig in Frankfurt ankommen. Noch Anfang Dezember beteuerte ein Sprecher der Messe Frankfurt, dass die Frankfurt Fashion Week im Januar wie geplant physisch stattfinden werde. Debütieren sollte die lifestylige Mainstream-Messe Value, die Branchengrößen, unabhängige Labels und Zulieferer zusammenbringen und laut Ankündigung einen „Schmelztiegel der Modewelt“ darstellen sollte. Mit der Endverbraucher-Veranstaltung The Ground sollte ein Fashion-Festival etabliert werden, in dem Mode gemeinsam mit der jungen Zielgruppe gefeiert wird. Alle Sparten der Mode sollten in Frankfurt zusammenkommen, die Stadt sollte ganz im Zeichen der Mode stehen.

Nun saß die Modebranche vorwiegend doch wieder vor dem Bildschirm und nahm an den virtuellen Veranstaltungen teil, anstatt an den Laufstegen und Messeständen mit Geschäftspartnern ins Gespräch zu kommen. Die Messeformate Neonyt, Seek, Premium, The Ground und Value wurden komplett abgesagt. Unter dem Label Aaarea wurden einige Veranstaltungen zusammengefasst, die unter 2G-Plus-Regeln physisch in Frankfurt stattfinden konnten und mit denen die Modewoche etwas Präsenz in der Stadt zeigen konnte. Auf der B-Ebene, dem unterirdischen Teil der Hauptwache im Zentrum von Frankfurt, wurden Fotos von 25 Modefotografinnen und Modefotografen ausgestellt. Im „Space“, dem Standort der E-Automarke Polestar, wurde ein Pop-Up-Showroom aufgebaut, wo regelmäßig auch Designerinnen und Designer zu Wort kamen.

 

Zwischen Haltung und Handlung

Die Nachhaltigkeitskonferenz Fashionsustain konnte immerhin vor einem kleinen Publikum stattfinden und wurde in der Veranstaltungslocation Danzig am Platz unter 2G-Plus- und Maskenbedingungen ausgerichtet. Anders als die dreitägige Online-Konferenz im Sommer 2021 dauerte die Fashionsustain dieses Mal nur etwas mehr als drei Stunden und war als eine kompakte Veranstaltung konzipiert. Die Programmpunkte wurden verknüpft durch die Moderation von Alex Bohn, Stildirektorin des Magazins FAZ Quarterly. Das zurückhaltende Bühnenbild vermittelte auch den per Livestream Zugeschalteten die intime Atmosphäre der kleinen Bühne vor überschaubarem Publikum. Drei Stühle, dazwischen ein Bildschirm für zugeschaltete Gesprächsteilnehmer vor schwarzem Hintergrund: kleiner Bühnentalk statt Fashion-Festival.

Unter dem Motto „Change the Set-Up“ sollte in Vorträgen und Diskussionen herausgearbeitet werden, wo die Modebranche bei der Entwicklung zu mehr Nachhaltigkeit gerade tatsächlich steht. Vor allem der sogenannte Attitude-Behaviour-Gap zog sich durch die Programmpunkte: In Umfragen äußern sich immer mehr Menschen dazu, dass ihnen Nachhaltigkeit wichtig sei, doch im Laden entscheiden sich trotzdem viele Kundinnen und Kunden für das günstigere und weniger nachhaltige Produkt. Warum handeln Menschen gegen ihre Überzeugungen und was kann die Modebranche dagegen tun?

 

Transparenz und Inspiration

Bei der Zusammenstellung der Talkrunden achteten die Veranstalter darauf, möglichst alle Perspektiven der Modebranche abzubilden. Neue und kleine Labels waren mit Tanja Kliewe-Meyer von Like a Bird und Hannes Weber von Fond of vertreten. Als Vertreter von Handelsverbänden waren Frederik Gottschling vom Handelsverband Hessen und Marco Schütte von EK Fashion eingeladen. Die Perspektive großer Unternehmen bildete Axel Schröder von Tchibo ab und Lutz Dietzold vom Rat für Formgebung und Christine Moser-Priewich vom Siegel „Grüner Knopf“ erzählten von ihren Nachhaltigkeitszertifikaten.
Karin Ziegler vom Label Blutsgeschwister sprach über den Zwiespalt, sich für weniger Konsum einzusetzen und für unternehmerisches Wachstum doch immer mehr verkaufen zu müssen. Das Label will über Social-Media-Marketing dazu inspirieren, der Kleidung ein zweites und drittes Leben zu schenken. Sie will ihre Kundinnen dazu bewegen, die alte Blutsgeschwister-Mode lieber an Freundinnen oder Verwandte zu verschenken, anstatt sie wegzuschmeißen. Unternehmen müssten nicht direkt alles richtig machen, doch Ehrlichkeit und Transparenz seien wichtig, waren sich die Debattierenden einig. Wenn öffentlich kommuniziert werde, welche Nachhaltigkeitsziele noch nicht erreicht werden konnten, stoße das auf Verständnis in der Kundschaft. Wer offen mit Fehlern umgehe, mache sich weniger angreifbar für den Vorwurf des „Greenwashing“, also dem Bewerben von Nachhaltigkeit, die so gar nicht nachweisbar ist. „Wenn man Fehler in der Supply Chain entdeckt, dann muss man das auch kommunizieren, um glaubwürdig zu bleiben“, erklärte Tanja Kliewe-Meyer, CEO des Modelabels Like a bird, und nannte ein persönliches Beispiel: „Man stößt bei der Recherche der Supply Chain auch an Grenzen. Man kann zum Beispiel nicht rückwirkend nachweisen, ob Kaffeekarbon wirklich aus Kaffeeresten besteht.“ Sie arbeitete zeitweise mit Lieferanten von Materialien aus Kaffeeresten. Als sie entschied, dass ihr der Prozess zu intransparent war, erklärte sie die Entscheidung öffentlich.

Es ist außerdem ein positives Signal gegen den Attitude-Behaviour-Gap. Wer die eigene Community auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit mitnimmt und auch von Rückschlägen berichtet, signalisiert ihr damit: Es ist okay, erst einmal mit einem nachhaltigeren Lebensstil anzufangen, auch wenn man nicht alles perfekt macht. Und auch wenn das Verhalten vieler nicht den Eindruck macht. Den Druck, nachhaltiger zu agieren, um im Wettbewerb zu bestehen, verspüren Modelabels auch jetzt schon konkret. Vor allem im Wettbewerb um die besten Arbeitskräfte, wie Hannes Weber vom Modelabel Fond of erzählt: „Man kriegt keine guten Leute mehr, wenn man das Thema nicht spielt.“

Verspieltes Vertrauen

Inwiefern sind Wirtschaft und Politik verantwortlich für den Attitude-Behaviour-Gap? Viele Verbraucherinnen und Verbraucher resignieren, weil sie sich allein gelassen fühlen bei dem komplexen Thema. Welche Unternehmen legen Wert auf ökologische Nachhaltigkeit, welche auf soziale Arbeitsbedinungen, ist „Made in Europe“ wirklich immer nachhaltiger und ist das teurere Produkt wirklich besser für die Umwelt, oder ist alles nur „Green- washing“? Viele Umweltsiegel und Zertifikate sollen Orientierung bieten, doch sind es schon wieder so viele, dass es mehr Verwirrung als Aufklärung stiften kann. Seit 2019 soll der Grüne Knopf des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen besseren Überblick über die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Textilprodukte in den Geschäften bieten. Auf der Fashionsustain wurde nach über einem Jahr zusammengefasst, wie gut das neue Siegel von der Kundschaft und den Herstellern angenommen wurde. In einer Umfrage erklärten 40% der Befragten, dass sie schon einmal vom Grünen Knopf gehört haben. Und auch Hersteller würden die Vorgaben des Grünen Knopfs langsam als Industriestandard annehmen, gerade in Vorbereitung auf die kommenden Lieferkettengesetze, wie Axel Schröder von Tchibo erzählte: „Der Grüne Knopf war für uns eine gute Lernreise in Vorbereitung auf die anstehenden Lieferkettengesetze.“ Viele Unternehmen meldeten sich für die Anerkennung durch den Grünen Knopf an, da er schon nach kurzer Zeit von mehr Verbraucherinnen und Verbrauchern erkannt werde als bereits etablierte Nachhaltigkeitslabels, fasst es Fond of-Vertreter Hannes Weber zusammen.
Dass der Vorwurf des Greenwashings seine Berechtigung haben kann, zeigt das vieldiskutierte Recherche-Projekt Sneakerjagd, das im Rahmen der Fashionsustain vorgestellt wurde: Viele Sneaker-Hersteller werben mit Rücknahmestellen, bei denen die alten Schuhe zum Recycling abgegeben werden können. Christian Salewski vom Recherche-Netzwerk Flip hat gemeinsam mit Prominenten wie Carolin Kebekus und Linda Zervakis ihre alten Schuhe – mit einem GPS-Tracker ausgestattet – an den Stellen abgegeben und überprüft nun, wo die tatsächlich gelandet sind. Gemeinsam mit dem NDR und der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurden die Ergebnisse in Video- und Podcastform aufbereitet. Carolin Kebekus‘ Nike-Sneaker sind in einer unscheinbaren Halle in Belgien landeten und gemeinsam mit nagelneuen Schuhen geschreddert wurden. Linda Zervakis‘ Puma-Sneaker wanderten vom Second-Hand-Container des Roten Kreuzes auf eine giftige Müllhalde in Nairobi. Es soll jedoch auch positive Beispiele gegeben haben, so Salewski, der damit auf ein kommendes „Sneakerjagd 2“ neugierig machen wollte. 

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Christopher Mastalerz / 01.02.2022 - 12:10 Uhr

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