Persönlicher Austausch

ILM: „Weniger Besucher, die mehr ordern“

Die Lederwarenmesse ILM ist der Treffpunkt der internationalen Lederwarenbranche. (Foto: Messe Offenbach)
Die Lederwarenmesse ILM ist der Treffpunkt der internationalen Lederwarenbranche. (Foto: Messe Offenbach)

Ukraine-Krieg, angespannte Lieferketten aber auch die Aussicht auf verstärkte Reiseaktivitäten nach dem 20. März: eine ILM begleitet von Sorgen, Ungewissheiten und Hoffnungen.

War die Messe gut oder schlecht – wie bereits die vergangenen ILM-Veranstaltungen lässt sich auch die jüngste Ausgabe vom 5. bis 7. März nicht in einem Wort zusammenfassen. Einfache Bewertungen greifen zu kurz und spiegeln die komplexe Situation nicht wider. Daher nur so viel zur allgemeinen Situation: Trotz des Ukraine-Kriegs und wirtschaftlicher Herausforderungen setzte sich die Branche grundsätzlich zuversichtlich mit den Sortimenten für Herbst/Winter 2022/23 auseinander. „Was in diesen Zeiten mehr denn je zählt, ist das persönliche Gespräch. Und dafür bieten wir mit der ILM die perfekte Plattform“, ist Arnd Hinrich Kappe, Geschäftsführer der Messe Offenbach, darüber hinaus überzeugt.

Rund 230 Marken zeigten ihre Kollektionen und sorgten für eine Auslastung von rund 80 Prozent der Fläche. Ebenso wir die Anzahl der Austeller bewegt sich der Besucherzuspruch „natürlich noch nicht auf dem Vor-Corona Niveau“, weiß Arnd Hinrich Kappe. „Die allgemeine Planungsunsicherheit war hier ganz klar der Grund, da wir erst vor drei Wochen die Genehmigung erhalten haben, dass die Messe stattfinden darf.“ Zwar kamen laut Messe Besucher aus 36 Ländern nach Offenbach. Gleichwohl litt die Internationalität auf Seiten von Aussteller und Besuchern nach wie vor unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie.

Als „ärgerlich und kontraproduktiv“ bezeichnete Kappe außerdem die Überschneidung der ILM mit der Schuhmesse Shoes in Düsseldorf. Schließlich gehörten vor Corona rund 20 Prozent der ILM-Besucher dem Bereich Schuh/Textil an.

Aber auch wenn in den Gängen wenig Betrieb herrschte, zeigten sich die Aussteller zufrieden. „Die Frequenz ist ok“, fasst Dirk Schmidinger, General Manager von Samsonite Deutschland, seinen Eindruck zusammen. Nach den für den 20. März angekündigten Lockerungen erwartet er im Bereich Reisegepäck einen „Mini-Boom“. „Die Vorbuchungen stimmen optimistisch. Neue Regelungen bei den Airlines verlangen außerdem nach Koffern mit veränderten Abmessungen. Wir spüren hier eine erhöhte Nachfrage.“ Axel Bree vom Kofferspezialisten Stratic ist ebenfalls optimistisch. „Wir haben viel Zulauf und führen tolle Gespräche. Die Gepäckbranche steckte in einer Depression, aber jetzt geht es wieder los. Tui und Lufthansa starten wieder durch. Der Bedarf an großen Koffern steigt. Außerdem ist mehr Mobilität bei der Tasche, z.B. Aufsteck-Funktion, gefragt.“

 

Vororder schafft Sicherheit

 

Nicht nur veränderte Konsumentenbedürfnisse liefern dem Handel Gründe zu ordern. „Der Handel muss jetzt bestellen“, sagt Georg Picard. Aktuell sei es nicht möglich, die Schnelldreher immer verlässlich auf Lager zu halten. „Das schaffen wir logistisch nicht. Der Handel erhöht seine Vororder daher deutlich, um Sicherheit zu haben“. Das bestätigt indirekt auch Christiane Brunk von Braun Büffel. „Es sind weniger Besucher hier. Aber wer da ist, schreibt mehr.“ Dietmar Jost vom gleichnamigen Taschenlabel ergänzt: „Die Frequenz könnte etwas besser sein. Aber wir machen unsere Arbeit: Wir verfolgen Termine und schreiben in Offenbach viele Orders.“

Michael Genth vom Fachgeschäft Leder Spahn in Saarbrücken nutzte seinen ILM-Besuch wie immer daher auch für die Vororder. Hinzu kommt: Viele Produkte kenne er bisher nur als Bild bzw. PDF. „Als Händler müssen wir sie aber sehen und fühlen. Wie die Kunden, die zu uns ins Geschäft kommen.“ Ähnlich argumentiert Sybille Kienzlen von Lederwaren Reudanik in Rottenburg: „Für mich ist es unverzichtbar, die Produkte anfassen zu können, Farben und Materialien in ,echt‘ sehen und bewerten zu können. Das ist doch etwas ganz anderes als online zu ordern. Nicht zuletzt zählt für mich das persönliche Gespräch.“ 

Olaf Hrastnig (Koffer-Ecke, Ludwigsburg) stellt angesichts der unsicheren Situation die Abverkaufsquote in den Vordergrund. Aktuell fielen bei ihm keine Lieferungen aus. Die Ware komme höchstens einmal etwas später. Für sein Haus erkennt er „kein Warenproblem“. Für Herbst/Winter brauche es natürlich die Vororder und Mut, „aber nicht im bisherigen Umfang“.  Er werde daher „etwas vorsichtiger und mehr in Richtung Basics vorordern“. Das könne konkret z.B. so aussehen, dass er von einem Modell drei anstelle von fünf Farben bestelle. „Diese Konzentration bietet den Kunden dann auch mehr Übersicht.“ Gerhard Schröer von Leder Küpper in Bochum, ist überzeugt: „Wir kommen sehr gern zur ILM, weil wir hier in kürzester Zeit alles abarbeiten können. Dabei erhalten wir viele neue Inspirationen. Für uns ist der Besuch einer Messe unverbindlicher als die Termine im Showroom, die doch oft sehr verpflichtend sind. Und sowieso ist es viel besser, die neuen Kollektionen live auf der Messe als nur online oder im Katalog zu sehen.“

 

Je kleiner, desto farbiger

 

„Die Mode geht wieder auf die Straße, und dies mit voller Wucht“, fasste Modeexperte Martin Wuttke (Agentur Nextgurunow) die generelle Aussage der Saison Herbst/Winter 2022/23 zusammen. Nicht zuletzt zeichnen sich die Looks durch ihre geballte Farbkraft aus. Dabei gilt: „Je kleiner die Tasche, desto mehr Farbe darf sie haben.“ Neben felligen Oberflächen und Shearling zählten Puffer Bags zu den Musthaves. Aber auch standfeste Taschen haben ihren Platz im Sortiment.

Der Handel scheit mitzuziehen. „Vor allem die neuen gepaddeten Taschen aus hochwertigem Nylon kommen gut an“, bestätigt Dietmar Jost. Dave de Boer, der mit seiner Agentur Fashion Solutions u.a.| Coccinelle, Valentino und Guess, vertritt, sagt: „Wir stellen fest, dass die Kunden extrem aufgeschlossen sind. Sie haben Lust auf Neues. Wenn etwas gefällt, wird auch geordert.“

Auffällig: Das Thema Nachhaltigkeit hat in der Lederwarenbranche an Fahrt gewonnen. Viele Unternehmen arbeiten zunehmend mit recycelten Materialien oder achten bei Leder auf dessen Produktionsprozess. Nur zwei Beispiele: Georg Picard will seine Leder künftig ausschließlich bei Gerbereien beziehen, die von der Leather Working Group (LWG) zertifiziert sind. Die Umstellung sein in vollem Gange. Und die Steinmann Gruppe setzt beim Relaunch ihrer Marke 4You auf ein Verbundmaterial aus Bananenfasern und recycelten PET-Flaschen.

Abgerundet wurde die Veranstaltung mit einem Rahmenprogramm. Dazu gehörte neben den Modenschauen und Fachvorträgen erstmals ein Live Foto Shooting mit der Fotografin Christiane Baumgart und ihrem Visagisten-Team.

Die nächste ILM findet vom 3. bis 5. September 2022 statt. Arnd Hinrich Kappe rechnet dann übrigens wieder mit bis auf den letzten Quadratmeter gefüllten Messehallen. Ab Ende Juli/Anfang August will sich die ILM außerdem mit einer neuen Homepage präsentieren.

 
Ukraine-Hilfe von Picard
 

Die Firma Picard betreibt eine eigene Produktionsstätte in der Ukraine. Werksleiter Stanislav Didenko engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für eine kleine Hilfsorganisation namens Dobrotschynez in Mukatschewo. Die Organisation kümmert sich um notleidende Familien. Ganz aktuell vor allem um geflüchtete Familien, die jetzt in großen Scharen im Westen der Ukraine stranden. Mit den Erlösen sollen vor allem bedürftige und aus dem Osten des Landes geflüchtete Familien unterstützt werden.

Auf der ILM sammelte Picard bereits Gelder für die Organisation. Zuweisengen sind auch möglich über das Spendenkonto:
Picard Lederwaren GmbH & Co. KG - Spendenkonto Ukraine
IBAN: DE16 5065 2124 0001 1464 71
BIC: HELADEF1SLS
Sparkasse Langen-Seligenstadt
Überweisungszweck: „Spende für notleidende Menschen in der Ukraine“

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Tobias Kurtz / 07.03.2022 - 17:13 Uhr

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