Tildaleins in Ratingen

Im Herzen barfuß

Martina Zoske begrüßt Kundinnen und Kunden nach vereinbartem Termin an der Theke im Vintage-Design. (Foto: Redaktion)
Martina Zoske begrüßt Kundinnen und Kunden nach vereinbartem Termin an der Theke im Vintage-Design. (Foto: Redaktion)

Martina Zoske ist überzeugte Barfußschuhträgerin und verkauft sie mit ihrem Geschäft Tildaleins online und offline. Sie erklärt, wie die Online-Beratung funktioniert und warum sie im Laden nur Termine vereinbart.

Wie viele Menschen hatte auch die 42-jährige Martina Zoske die längste Zeit ihres Lebens mit Fußproblemen zu kämpfen. Als gelernte medizinische Fachangestellte die meiste Zeit in OP-Schuhen und auf der Arbeit pausenlos unterwegs, bekam sie immer größere Probleme mit ihren Füßen. Es war Arthrose. Nach dem sie sich mit Alternativen befasste, entdeckte sie die Barfußschuhe für sich: „Seitdem hatte ich nie wieder Probleme oder Schmerzen an den Füßen“, ist sie vom Konzept überzeugt – so überzeugt, dass sie vor dreieinhalb Jahren den Online-Shop Tildaleins eröffnet hat, mit dem sie seither Barfußschuhe für Kinder und Erwachsene verkauft.

Verkauf aus der Wohnung

Heute zumindest im Kinderschuhbereich nicht wegzudenken, waren Barfußschuhe vor wenigen Jahren noch ein Nischenthema. Marken behandelten das Thema stiefmütterlich und die meisten spezialisierten Barfußschuhmarken waren in Deutschland nicht aktiv. Martina Zoske wollte es Gleichgesinnten in Deutschland möglich machen, diese Marken bequem für sich und die Kinder zu bestellen. Sie begann mit dem Verkauf aus ihrer Wohnung und machte aus einem 30 qm-Zimmer ihr Schuhlager – ihre erste Marke war der slowakische Hersteller Baby Bare Shoes und bis heute kommen noch viele Barfußschuhmarken aus Tschechien oder der Slowakei, z.B. Fare, Beda und Pegres. Sie erklärt: „Das Thema ’gesundes Schuhwerk‘ ist dort noch viel präsenter als bei uns.“ Bis heute ist sie auf der Suche nach Marken, die in Deutschland oder auch in Europa noch nicht bekannt sind und schreibt diese direkt an. So habe sie die australische Marke Paperkrane gewinnen können, die jedes Schuhmodell nur einmal produziert und mit kindund erwachsenengerechten Motiven versieht. Die steigenden Transportkosten machen diese Art von Einzelbestellungen mittlerweile aber komplizierter und immer weniger rentabel. Als Barfußschuhmarken für Erwachsene hätten sich Blifestyle und Koel europaweit etabliert.

Als sich die Schuhkartons in ihrer Wohnung stapelten, erwarb sie gegenüber ihrer Wohnung in Ratingen-Breitscheid ein leerstehendes ehemaliges Geschäft für Alarmanlagensysteme als sogenanntes Lager-Wohnzimmer, zugleich Lagerplatz als auch Geschäft und beschäftigt ein vierköpfiges Team. Die mittlerweile rund 2.500 Schuhe, die Zoske gleichzeitig im Lager hat, stapeln sich auch hier, und dennoch herrscht eine einladende Atmosphäre. Obwohl nur wenig Platz vorhanden, lassen eine massive Theke, alte Sessel und Sofas das Geschäft gemütlich wirken. Aufgelockert werden die Schuhkartons durch bunte Socken und Taschen sowie durch Blickfänge wie die Schuhbeutel, in denen die Schuhe von Baby Bare verkauft werden. Eigentlich um Gewicht beim Transport zu sparen.

Der Laden ist nur nach Terminvereinbarung geöffnet. Auf der Website können sich Interessierte einen Terminslot über 45 Minuten buchen. Gerade Kinder bräuchten die Ruhe, um sich im Laden wohlzufühlen und sich darauf einzulassen, dass die Füße angefasst, gemessen und in immer neue Schuhe gesteckt werden, um festzustellen, welche von ihnen denn passen. „Und dann wird gerannt“, beschreibt Zoske, wie schnell die Kinder sich im Laden dann doch wieder wie zuhause fühlen. Während der Dreiviertelstunde werden die Füße vermessen und Schuhe gesucht, die zur Form des Fußes passen. Wie muss ein guter Barfußschuh aussehen? Besonders wichtig sei die dünne, weiche Sohle und vor allem eine ergonomische und ausreichend große Zehenbox: „Die Studien zeigen, dass ein Fuß im Schuh vom längsten Zeh ab nach vorne gemessen 12 Millimeter Platz haben sollte. Bei 10 Millimetern und weniger steigt das Risiko deutlich an, einen Hallux valgus zu entwickeln. Bei Kindern rechnen wir, je nach Alter des Kindes, einen sogenannten Abrollspielraum von etwa 2-4 Millimetern dazu.“ Problematisch sei, dass kleine Kinder noch nicht merken, wenn mit den Füßen was nicht stimmt, weil das Nervensystem noch nicht vollständig entwickelt ist. Außerdem würde die Absatzhöhe von Schuhen bei Kindern unterschätzt, weil das Verhältnis zum Kinderkörper nicht mitgedacht wird: „2,5 Zentimeter Absatz sind bei einem Kind im Verhältnis zum Körper so hoch wie High Heels bei Erwachsenen.“

Finde deinen Schuh

Das Lager-Wohnzimmer gibt es nun seit Mai 2021, davor war Tildaleins nur als Online-Shop aktiv. Doch wie funktioniert der Online-Verkauf von so beratungsintensiven Schuhen, bei denen es besonders wichtig ist, dass sie gut passen?

Zunächst gibt es für jedes Modell eine eigene Größentabelle, sodass sich die Kundinnen und Kunden nicht auf die nicht-genormten Standardgrößen verlassen müssen. Darüber hinaus gibt es die Funktion „Finde deinen Schuh“, in der jeder die Fußlänge, Fußbreite und die Altersgruppe angibt und nur die Schuhe angezeigt bekommt, die tatsächlich passen werden. Für die weitere Beratung schicken Kundinnen und Kunden Fotos vom Fuß von vorne, von hinten und von der Innenseite, damit die Expertin die Form des Fußes von allen Seiten sehen kann. Viele schreiben, in welchen Schuhen sie sich sonst wohlfühlen, sodass Zoske einschätzen kann, welche Schuhe passen werden. Diese systematische Beratung würde deutlich schneller gehen und bessere Ergebnisse hervorbringen als der Versuch, das Offline-Beratungsgespräch über Teams oder Zoom zu imitieren. Dennoch hätten sich viele auf die Eröffnung der Filiale gefreut und würden Fahrten bis zu zwei Stunden auf sich nehmen, um die Barfußschuhe vor Ort zu kaufen: „Viele waren dankbar für die Möglichkeit, sich vor Ort beraten zu lassen, weil sie sich doch unsicher sind, Barfußschuhe online zu bestellen.“ Die gute Verkehrsanbindung von Ratingen-Breitscheid, gelegen an zwei Autobahnen, mache den Laden auch für längere Anfahrten attraktiv. Der stationäre Verkauf macht rund 10% des Umsatzes aus.

Keine Nische mehr

Heute, dreieinhalb Jahre nach dem Zoske den Online-Shop startete, kann sich kaum ein Kinderschuhhersteller mehr leisten, das Thema Barfußschuhe, nicht zu bespielen und zehn Gehminuten vom SOC Breitscheid entfernt, kann sich Martina Zoske regelmäßig die neusten Barfußschuhmodelle und Weiterentwicklungen der konventionellen Schuhhersteller ansehen, die den Markt für sich entdeckt haben. Zu ihrem Sortiment zählen mittlerweile auch Froddo, Lurchi und Superfit. Durch die gewachsene Auswahl könne sie den Kindern und den Eltern nun modisch einiges bieten. „Vor drei Jahren gab es teilweise nur ein Modell in fünf Farben“, erinnert sich Martina Zoske. Einen höheren Bedarf gebe es jedoch noch bei den angebotenen Größen: „Vor allem Sechs- bis Siebenjährige haben oft schon sehr große Füße und es ist schwierig, kindgerechte Modelle für sie zu finden.“

Mit der wachsenden Popularität wird das Thema auch immer stärker kontrovers diskutiert. Während viele auf den natürlichen Gang schwören, geben einige auch zu bedenken, dass die meisten Menschen heute auf anderen Untergründen laufen als früher. „Der Boden in der Savanne ist auch nicht viel weicher als Asphalt“, merkt Zoske an. Gerade Erwachsene müssten sich mit Barfußschuhen erst einmal einen anderen Gang angewöhnen als sie ihn mit konventionellen Schuhen gelernt haben und dazu mit dem Fuß weiter vorne auftreten. Bei ihnen haben sich die Sehnen schon so zurückentwickelt, dass die Barfußschuhe schaden würden, wenn sie zu schnell und zu lange versuchen, darin zu laufen. „Wir raten dazu, erst einmal langsam mit dem Tragen zu beginnen, etwa 20 Minuten am Tag. Der Körper, bzw. die Sehnen und das Knochengerüst, müssen erst einmal langsam in ihren natürlichen Zustand zurückfinden“, rät die Händlerin, die sich autodidaktisch in das Thema eingearbeitet hat und immer auf der Suche nach neuen Studien und Erkenntnissen zum Thema Fußgesundheit ist. Sie schickt die Kundinnen und Kunden im Zweifelsfall auch zum Arzt, bevor sie falsche Schuhe verkauft. Sie zeigt, dass sie das Thema nicht aufgrund der Nachfrage bedient, sondern weil sie Menschen mit Fußproblemen eine Alternative aufzeigen möchte. So wie sie selbst angesichts ihrer Fußprobleme mit dem Tragen von Barfußschuhen eine Lösung gefunden hat. 

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Christopher Mastalerz / 29.07.2022 - 11:57 Uhr

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