Die Herausforderungen der No Covid-Strategie

In China ist nichts planbar

Skyline in Shanghai. Aufgrund der Anzahl an Corona-Erkrankten musste die Shanghaier Modemesse Chic nach Nanjing verlegt werden. (Foto: Unsplash/Zhou Xian)
Skyline in Shanghai. Aufgrund der Anzahl an Corona-Erkrankten musste die Shanghaier Modemesse Chic nach Nanjing verlegt werden. (Foto: Unsplash/Zhou Xian)

Von einem Lockdown in den nächsten. Die No Covid-Strategie in China ist für viele Schuhproduzenten ein Kraftakt. Vor allem Lieferketten und lange Transportwege stellen die Unternehmen vor große Herausforderungen.

Die große Modemesse Chic Shanghai musste aufgrund der Pandemie mehrmals verlegt werden, fand aber immer unter größten Sicherheitsmaßnahmen statt. Die diesjährige Frühjahrsmesse wurde aufgrund des Lockdowns in Shanghai nach Nanjing verlegt und wird dort nun vom 20. bis 22. Mai abgehalten. Am 9. April zählte Shanghai insgesamt 9.336 Corona-Fälle; die Kontaktverfolgung wird sehr intensiv betrieben – auch für den Betrieb von Fabriken herrschen strenge Regeln, sie werden bei Aufkommen von Corona-Fällen geschlossen und die Menschen sollen zu Hause bleiben. Flüge von Deutschland nach China seien sehr limitiert und man könne nur mit Quarantäne einreisen. Viele Angestellte und Arbeiter müssten mit Schlafsack in den Werkshallen übernachten, damit die Arbeit weiterläuft, berichten die Tagesmedien.

In China hängt aufgrund der No Covid-Strategie alles am seidenen Faden, denn die Situation ändert sich permanent und die Produktionsbetriebe müssten sich immer wieder neu anpassen, erzählen Schuhhersteller. China ist für viele von ihnen der wichtigste Standort. Carl-August Seibel, Präsident des Bundesverbands der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L), betonte anlässlich der Messe Shoes in Düsseldorf: „China hat seine Bedeutung als wichtigstes Importland für Schuhe ausgebaut. 2021 ist der Anteil an importierten Schuhen aus China an allen nach Deutschland eingeführten Schuhen von 42,4 auf 44,8% gewachsen. Im Vergleich zu 2019 wurden in 2021 18,7% weniger Schuhe aus China nach Deutschland importiert.“ In der Wirtschaftsmetropole Shenzhen, einer der größten Städte des Landes, verhängten die Behörden Mitte März eine einwöchige Ausgangssperre für alle 17 Mio. Einwohner. Ab dem 21. März beruhigte sich die Lage. Jetzt läuft in Shenzhen – ein wichtiger Standort für die Schuhproduktion – fast wieder alles normal. Aber der Lockdown war ein weiterer Schlag für die weltweiten Importe und Exporte von Bekleidung, Schuhen und Textilien. Die finanziellen Schäden sind hoch. „Ich habe keinen Zweifel, dass dies ein Chaos bei Bekleidungs- und Schuhlieferanten verursachen wird“, äußerte sich ein Schuhlieferant gegenüber dem englischen Online-Portal Drapers. Die Zero Covid-Strategie der Chinesen verlangt von den Schuhproduzenten viel Flexibilität und Umdenken. Inzwischen sind die ewigen Lockdowns fast „Normalität“.

Giovanni Lacatena, Geschäftsführer der Wortmann-Gruppe, fasst zusammen: „Covid ist leider ein langwieriges Phänomen. Einzelne Produktionen in China sind regional von Covid betroffen. Eine kurzfristige Verlagerung ist in den meisten Fällen nicht machbar, wenn es einen Lockdown gibt. Problematischer ist jedoch bisher, die Liefertermine der Kunden zu halten. Aufgrund der logistischen Engpässe sind Lieferketten zur und aus der Produktionsstätte betroffen“. Die Transportwege könnten auch schon mal 30 bis 45 Tage länger dauern als üblich. Darüber hinaus komme es auch bei der Verzollung teilweise zu Verzögerungen. Giovanni Lacatena ergänzt: „Die Herausforderungen sind aktuell im Handel wie auch in der Produktion sehr groß, um so wichtiger ist dann ein enges und partnerschaftliches Zusammenspiel beider Partner“.

China ist auch für Dockers by Gerli ein wichtiger Produktionsstandort. Markus Römer, Leitung Marketing: „Durch die steigenden Kosten, insbesondere für Beschaffung und Logistik, sind die Margen stark gesunken. Die höheren Kosten führen zu notwendigen Budget-Korrekturen in anderen Unternehmensbereichen, wobei vor allem handelsorientierte Unternehmen und Marken im geringen und mittleren Preissegment betroffen sind“. Es sei schwierig, kurzfristig einen so viel höheren Preis durchzusetzen, wie ihn die aktuelle Lage erfordere. Römer: „Als Partner des Handels sind wir bemüht, die Kosten so zu optimieren, dass unsere Kunden innerhalb ihrer Kalkulation handeln können“.

Marc Bakowski, bei der Wünsche-Gruppe Hamburg zuständig für den Bereich Footwear, erzählt: „Ich war das letzte Mal in China im Dezember 2019“. Normalerweise ist er dort regelmäßig in den Herstellungsbetrieben und Agenturen zu Besuch. Für Ausländer sei es zurzeit nahezu unmöglich, ein Visum zu bekommen. Bakowski: „In China wird sich so schnell nichts ändern, solange an der Zero Covid-Strategie festgehalten wird. Die Maßnahmen sind rigoros. Sobald eine ansteigende Infektionszahl festgestellt wird, können ganze Provinzen in den Lockdown geschickt werden. Siehe aktuell Shanghai. Es wird alles geschlossen und die Straßen sind wie leergefegt. Wir kommunizieren fast ausschließlich über Teams.“ Materialkosten und Logistikkosten seien extrem gestiegen, die Lieferketten würden ständig unterbrochen und es verschiebe sich alles nach hinten. Mit diesen Problemen müssten alle Produzenten weltweit kämpfen. Bakowski erklärt weiter: „Früher kostete ein 40er Container ca. 2.000 Dollar, heute liegen

wir bei 10.000 bis 12.000 Dollar. Dazu kommt, dass die Schiffslaufzeit zurzeit eher 6 bis 8 Wochen beträgt, anstatt wie früher 4 Wochen. Wir versuchen mit unseren Handelspartnern, die Projekte früher zu planen.“
Gibt es Alternativen zu China? Als Produktionsland wird Bangladesch genannt. Trotzdem braucht die Schuhbranche China, da die meisten Materialien dort hergestellt werden. Europa sei für private Label Hersteller meist zu teuer, es fehlten auch die Kapazitäten. Wann geht es wieder zurück nach China? „Solange die chinesische Regierung am Zero Covid festhält, ist nicht absehbar, wann wir überhaupt wieder in China sein können“, meint Marc Bakowski.

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Lisa Dartmann / 14.04.2022 - 09:30 Uhr

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