Sven Hahn beim Bequemschuh-Symposium

Innenstädte: Trübsinn oder Trubel?

„Die Bereitschaft, sich über das eigene Geschäft hinaus zu engagieren, wächst.“ – Sven Hahn, City-Initiative Stuttgart (Foto: Volkmar Heinz)
„Die Bereitschaft, sich über das eigene Geschäft hinaus zu engagieren, wächst.“ – Sven Hahn, City-Initiative Stuttgart (Foto: Volkmar Heinz)

Es war kein reines Schuh-Thema und dennoch bewegte es die Teilnehmer des Bequemschuh-Symposiums Anfang Mai in Zeulenroda: Wozu braucht es heutzutage noch eine Innenstadt? Und welche Rolle kann der Einzelhandel dabei spielen?

„Wenn es nur mehr solcher City-Initiativen gäbe…“, war in der Kaffeepause nach dem Vortrag von Sven Hahn zu hören. Dieser Respekt galt der City-Initiative Stuttgart (CIS) e.V., dessen Geschäftsführer Hahn ist. Der ehemalige Journalist berichtete aus seinem Alltag als City-Manager und stellte zum Einstieg die CIS vor.

Vom Riesen bis zum Winzling

Der Verein hat 240 Mitglieder, Tendenz steigend, die das gesamte Spektrum der Innenstadt-Akteure abbilden: neben Händlern jeder Couleur und Preisklasse umfassen die auch Unternehmen von der Spitzengastronomie bis zum Imbiss, von Traditionsriesen wie Breuninger bis zum Startup-Winzling, von der Kulturszene bis zum Immobilienbüro. „Unsere Hauptaufgabe als Verein ist es, innerhalb und zwischen Branchen ein Netzwerk zu knüpfen, das es ermöglicht, mit- und nicht übereinander zu reden“, umriss Hahn das Herangehen. In der Praxis umfasst das Aufgaben wie die Organisation von Events, Krisenmanagement, wie vor allem während der Corona-Pandemie, und Lobbyarbeit in Richtung Politik, Verwaltung und Medien. Natürlich musste der Referent einige Aspekte nennen, die eine (Wieder-)belebung der Innenstädte bremsen: Amazon und Co. schöpfen inzwischen einen beachtlichen Teil der Kaufkraft ab; zumal der Einkauf vom Sofa aus in vieler Beziehung angenehmer wurde. Mehr denn je stopfte die Digitalisierung – forciert durch Corona – auch Arbeit, Kultur und Gastronomie in die eigenen vier Wände.

 

Traumland der Nostalgiker?

Sind es also genaugenommen die Zurückgebliebenen und Nostalgiker, die unbedingt an der City als einem überlebten Modell festhalten? Der Corona-Einbruch, der die Straßen und Plätze binnen Tagen entvölkerte und praktisch im Zeitraffer das zu befürchtende Absterben der Innenstadt vor Augen führte, lieferte Hahn reichlich Argumente für sein Plädoyer zugunsten belebter Citys: Es fehlten die Touristen und Geschäftsreisenden, es fehlten große Events und kleine Veranstaltungen, es fehlten Kunden und Gäste – kurzum: Es fehlte vor allem Umsatz. Mehr noch: „Es war kein Wunder, dass die Randale und Diebstähle gerade während der Lockdowns stattfanden. Es fehlte das soziale Korrektiv.“ Außerdem, so Hahn an späterer Stelle, änderte sich die Rolle der Stadt schon vor Corona: Aus der Struktur für den Shopping-Akt ist mehr denn je ein sozialer Raum geworden, ein Raum, in dem sich Menschen begegnen, etwas erleben. Aber gerade das sei für die Gesellschaft unverzichtbar. Und irgendwann sei dem Menschen der digitale Alltag auch zu genussarm.

 

Fakten als Entscheidungsbasis

Was also lässt sich für eine Innenstadt tun? Hahns Credo: Wer etwas für den lebendigen, geschäftsfördernden – also damit auch umsatzstarken – und kommunikativen Sozial- und Erlebnisraum Innenstadt erreichen will, „müsse in die Beschaffung von Zahlen und Daten investieren, denn nur auf Faktenbasis lasse sich agieren und gegensteuern.“ An dieser Faktenbasis ließ der Referent die Teilnehmer des Symposiums teilhaben. So hatte seine Analyse beispielsweise die Frage nach der regionalen Herkunft der City-Besucher von Stuttgart und nach den von ihnen für die Anreise genutzten Verkehrsmitteln gestellt. Das Ergebnis: Über die Hälfte kommt von außerhalb. Das Argument bei kommunalen Debatten, man tue ja alles nur für die Bürger der eigenen Stadt, sei also ziemlich wackelig. Eine nächste Frage der Untersuchung widmete sich den Verkehrsmitteln, mit denen die Besucher anreisen. „Ein Drittel kommt mit dem Auto“, so Hahn, „und zwar in weiten Teilen immer noch, weil sie einkaufen wollen. Mit dem Fahrrad kommen nur 4,9%, zu Fuß 10,6%.“ Es bringe also nichts, den privaten PKW als Relikt aus der Vergangenheit zu verurteilen. Die Rolle des Einzelhandels, der von einer belebten Innenstadt nicht nur profitieren will, sondern auch mitarbeiten muss, umriss Hahn so: „Händler, Kulturschaffende, Gastronomen und Veranstalter haben alle verstanden, dass jeder für sich allein nicht viel erreichen wird. Es geht nur im Verbund, und diesen Verbund versuchen wir so gut als möglich zu organisieren.“ Doch die Bereitschaft, sich über das eigene Geschäft hinaus zu engagieren wachse, so Hahn.

 

Ansatzpunkte: Anreise – Anreize – Anmutung

Angesichts dieser Fakten sieht die CIS drei Ansatzpunkte. Erstens die Anreise: Sie muss bequem, schnell und günstig sein, an speziellen Handelstagen könnte der ÖPNV sogar kostenlos einladen. In Stuttgart ist das in diesem Jahr auf Initiative der CIS erstmals an vier Samstagen der Fall. Zweitens Anreize: also eine verlockende Antwort auf die Frage „Warum soll ich eigentlich in die City fahren“. Und drittens die Anmutung, also die empfundene Sicherheit, Sauberkeit und das Gefühl, willkommen zu sein. Es fielen Stichworte wie die Verknüpfung von digitalen und stationären Angeboten sowie der entsprechenden Logistik und neue Nutzungsideen für alte, nicht mehr in die moderne Handelslandschaft passende Immobilien.
Zum Amüsement seiner Zuhörer beschrieb Sven Hahn auch noch ein paar Wunderlichkeiten aus dem Verwaltungsalltag; zum Beispiel, dass zur Bekämpfung Stuttgarter Ratten je nach deren Aufenthaltsort im Untergrund oder am Licht unterschiedliche Instanzen in den Kampf ziehen.

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Marlis Heinz / 08.07.2022 - 14:10 Uhr

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