„Massive und umfassende Veränderungen“

Ist die Innenstadt noch zu retten?

Große Leere – große Chancen? Auch die Handelslandschaft in den Innenstädten steht vor Veränderungen. (Foto: Ben Garratt/Unsplash)
Große Leere – große Chancen? Auch die Handelslandschaft in den Innenstädten steht vor Veränderungen. (Foto: Ben Garratt/Unsplash)

Wie kann es gelingen, dass Menschen auch in Zukunft gern und häufig in die Innenstadt gehen? Im Rahmen des Frequencity-Kongresses gab Prof. Thomas Krüger von der Hafencity Universität Hamburg Antworten.

Die Digitalisierung ist schuld. Sie sorgte in den zurückliegenden Jahren – auch schon deutlich vor Corona – für fundamentale Veränderungen auch in den Innenstädten. Onlineshopping und ein wachsender Anteil an Homeoffice-Arbeit haben erheblichen Einfluss auf Besucherfrequenzen. Mit der Pandemie nahm diese Tendenz dramatisch an Schärfe zu – und mit der Schließung von Gastronomie und Museen sowie der Absage von Veranstaltungen kamen weitere enorme Einschnitte – ein Weg zurück zur Normalität, wie sie früher war, ist zumindest aus Sicht von Thomas Krüger keine Option: „Die vier tragenden Säulen der europäischen Innenstadt, Einzelhandel, Büroarbeit/Dienstleitung, Gastronomie und Kunst/Kultur sind in der Pandemie sehr zurückgeworfen worden und werden ihren Weg ändern müssen“, stellte der Stadtplanungsexperte in seinem Vortrag fest. „Damit sind die Fundamente der Innenstädte stark in Veränderung begriffen. Es sind massive und umfassende Veränderungen, die viele Prozesse parallel umfassen. Sie sind vielfältig, tiefgreifend und unübersichtlich.“
Hinzu kommt aus Sicht des Experten ein weiteres Problem: Man könne diesen Veränderungsprozess nicht im betriebswirtschaftlichen Sinne planen. Möglich sei es nur, Szenarien zu entwickeln. „Das führt dazu, dass Innovationsbereitschaft und -fähigkeit gering sind. Den Sprung nach vorne von denen zu erwarten, die gerade in der Krise sind, ist eine sehr große Herausforderung. Wir brauchen daher möglicherweise neue Akteure.“

Vorerst werde sich die dramatisch negative Entwicklung der Innenstädte fortsetzen, prognostiziert Krüger: „Geschäftsaufgaben und Verkleinerungen, der Rückzug von Kaufhäusern und Filialisten – dies prägt das Bild der Innenstädte. Hinzu kommt der Rückgang des selbstständigen Einzelhandels.“ Zugleich wird immer mehr online geshoppt – lediglich der Lebensmittelhandel ist aus Sicht des Experten noch eine sichere stationäre Bank mit nur geringem Online-Anteil. Krug: „Ich glaube nicht daran, dass das noch viel mehr werden wird.“ Im Gastronomie-Sektor verschwinden inhabergeführte Restaurants vom Markt und es gibt laut Krüger ein starkes Vordringen von Fast Food-Konzepten. Auch Kultureinrichtungen ziehen sich teilweise aus den Innenstädten zurück. Und die Menschen arbeiten häufiger von zuhause und verbringen weniger Zeit in der Innenstadt.

Was muss passieren?

Wichtigste Maßnahme ist aus Sicht des Experten die Zusammenarbeit aller Akteure, vom Gewerbetreibenden über Kultureinrichtungen bis hin zum Immobilienbesitzer: „Die Stadt ist ein soziales Ereignis, sie ist schon lange nicht mehr Konsum und Gastronomie alleine. Es geht um Austausch und Erlebnis. Shoppen ist schön, essen ist nett – aber wir brauchen Kultur, Technologie und Inspirationen.“ Die Akteure sollten dabei ein Bündnis für die Innenstadt bilden: „Man muss die Ressourcen der Kommune bündeln und gemeinsam Maßnahmen entwickeln. Das muss jemand organisieren.“ Man brauche Personen, die Handel, Gastronomie und Kultur sowie die Organisation und Entscheidungsprozesse in der Stadtverwaltung verstehen. Es gelte, Schnittstellen zu finden und eine Infrastruktur zu bilden, in der neue Projekte entstehen können.

 

Mögliche Maßnahmen:

• Umbau von Ladenflächen für neue Nutzung (Angebot regionaler Produkte, Repair-Cafés u.a.)

• Umbau Büroflächen für neue Nutzung

• Schaffung und Verbesserung von Aufenthaltsqualität

• Bereitstellung Flächen für Veranstaltungen

• Mehr soziale Begegnung z.B. über Märkte und Straßenveranstaltungen ermöglichen

• Präsenz öffentlicher Einrichtungen in der Öffentlichkeit

• Nutzungsmischung

• Kombination aus Gastronomie, Kultur und Handwerk

• Wenn vorhanden, Einrichtungen von Universitäten in die Innenstadt holen

Thomas Krüger ist überzeugt: „Die Stadt ist soziale Begegnung, sie ist nicht nur Konsum. Sie ist Entspannung, Feiern, Kontakt mit Neuem, Kontakt mit anderen, mit Fremdem. Sie ist tolerant und offen, sie bietet Überraschung und Innovation, sie ist Geschichte, sie hat Symbole, sie ist gelebte Politik, sie ist Diskurs, Kontroverse und Öffentlichkeit.“

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Petra Steinke / 12.05.2022 - 13:29 Uhr

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