Nachlieferungen

Liefertermin: vor drei Monaten

Wie lange wird der Handel verspätete oder ausgefallene Lieferungen, die etwa durch Logistikprobleme wie Containermangel oder Containerschiffstau begründet werden, noch hinnehmen? (Foto: Pixabay)
Wie lange wird der Handel verspätete oder ausgefallene Lieferungen, die etwa durch Logistikprobleme wie Containermangel oder Containerschiffstau begründet werden, noch hinnehmen? (Foto: Pixabay)

Stornieren, akzeptieren oder zurückschicken? Tag für Tag trifft noch immer Frühjahr/Sommer-Ware im Schuhhandel ein. Händlerinnen und Händler berichten, wie sie mit der Situation umgehen.

Die Saison Frühjahr/Sommer 2022 hat ihren Zenit überschritten, der Sale längst begonnen. Und noch immer ist zwischen 5% und 25% der georderten Ware nicht da, wo sie hingehört: in den Regalen des Schuhhandels respektive in den Einkaufstüten der Kundschaft. Im Umkehrschluss heißt das allerdings: 75% bis 95% der Ware ist da. Diese Zahl muss man jedoch einordnen. Denn wie gravierend sich die Fehlbestände in den einzelnen Häusern auswirken, hängt nicht zuletzt von der Geschäftsgröße, dem bisherigen Saisonverlauf und den Rahmenbedingungen am betreffenden Standort, aber auch dem Sortimentsschwerpunkt ab. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beurteilt nicht jeder Schuhhändler die mangelnde Auslieferungsquote als dramatisch. „Unter normalen Umständen würden uns die Lieferausfälle und -verspätungen natürlich in eine missliche Lage bringen“, sagt Stephan Alleborn von Schuh Haug in Konstanz, doch da die Menschen in Anbetracht der Inflation und steigender Energiepreise aufs Geld schauen, seien sie zu verschmerzen. „Die Lieferprobleme waren für uns nicht wirklich schlimm“, sagt Carmen Simon von Schuhmoden Simon in Ravensburg, „wir haben dennoch ein umfangreiches Sortiment.“ Auch Benjamin Wittstock vom Schuhhaus Wittstock in Berlin beurteilt die Lage wohlwollend: „Bestimmte Lieferanten hatten mehr Probleme als andere, doch grobe Ausreißer gab es eigentlich nur wenige, insgesamt gesehen war die Auslieferung weitgehend in Ordnung.“

 

Nachteil Fernost?

Doch da zum Stichtag unserer Recherche am 24.6. immerhin rund 5% bis 25% der bestellten Ware storniert, irgendwo auf dem Lieferweg oder im Ungewissen unterwegs war – nur sehr wenige Lieferanten haben ihre Handelskunden zufriedenstellend über den jeweils aktuellen Stand der Dinge informiert –, gab und gibt es natürlich Lücken. Und die machen sich an der Kasse schmerzhaft bemerkbar – mal abgesehen von der Tatsache, dass an zuverlässige Planungen nicht einmal zu denken ist. Denn wenn manche Händler auch von Ausfällen über alle Lieferanten und Warengruppen hinweg berichten, so kristallisieren sich doch bestimmte Lieferanten mit Ausfällen von bis zu 30% als besonders stark betroffen heraus. In der Regel sind dies Lieferanten, die in Fernost produzieren oder einzelne Komponenten, wie etwa Sohlen, daher beziehen. Und nicht selten sind es Lieferanten, die in vielen Sortimenten für sichere Bons stehen. So ist Waldläufer stark betroffen, auch Legero wird in Bezug auf Lieferprobleme oft genannt, ebenso Christian Dietz, Remonte, Tommy Hilfiger und häufig auch Skechers sowie Sportschuhlieferanten wie Nike und Adidas. „Große Probleme gab es aber vor allem bei Ecco und Clarks“, sagt Insa Uphoff vom Schuhhaus Bockstiegel in Leer. Doch es gibt auch eine positive Seite der Medaille: „Alle Hersteller mit Produktion in Europa haben gut geliefert“, sagt Stephan Alleborn. Insbesondere Gabor und Paul Green haben alle Aufträge, so die einhellige Auskunft, problemlos und pünktlich ausgeliefert. „Auch unsere modischen Italiener waren allesamt lieferfähig“, sagt Stephan Alleborn. Dennoch haben bei Schuh Haug bestimmte Highlights oder Farben gefehlt, „und das hat natürlich Auswirkungen auf das Warenbild im Laden, das dadurch in seiner Gesamtheit nicht so wirkt, wie man sich das im Einkauf gedacht hatte“.

 

Nun ist es natürlich nicht so, dass die Schuhhändler nicht versucht hätten, Sortimentslücken durch Nachkäufe zu schließen, mit unterschiedlichem Erfolg. Oft ist in puncto Lagerware bei den Herstellern reichlich Luft nach oben. „Nachorder war nur eingeschränkt möglich“, sagt Marcus Höhne, Hittcher Schuhe, Hamburg. Schließlich waren „nur wenige Lieferanten in der Tiefe der Artikel besser aufgestellt als in der Vergangenheit.“ Deutlich positiver ist dagegen die Erfahrung von Benjamin Wittstock: „Wir konnten wider Erwarten einiges nachbestellen, die Lieferanten waren besser sortiert als befürchtet.“ Insbesondere bei Finn Comfort, Ganter, Semler, Sioux und Pikolinos war der Wittstock-Chef erfolgreich. Auch Karl-Georg Reindl vom Schuhhaus Reindl in Rosenheim konnte nachbessern. „Es gab den einen oder anderen Lieferanten, der Lagerware angeboten hat“, so Reindl, „wir konnten beispielsweise Pumps nachziehen.“ Dennoch bleiben die Nachkäufe eine Lösung in der Not, denn „man muss die Dinge zweimal kaufen“, so Bernd Frölich vom Schuhhaus Frölich in Duderstadt: „und das ist kostentechnisch nicht unproblematisch.“

 

Rabatte sind ein Muss

Doch zurück zu den immer noch Tag für Tag mit bis zu vier Monaten Verspätung eintreffenden Artikeln: Wie geht der Handel nun damit um? Das wird bei jedem einzelnen Artikel individuell bewertet, denn hier haben verschiedene Faktoren Einfluss. „Ob wir einen Artikel akzeptieren oder zurückschicken, hängt maßgeblich davon ab, ob der betreffende Schuh noch eine Abverkaufschance hat“, sagt Benjamin Wittstock. Zudem wird ins Kalkül gezogen, ob und in welcher Höhe der betreffende Lieferant einen Nachlass gewährt. Vor einigen Wochen betrugen die Rabattierungen noch 5%, aktuell sind um die 20% üblich. Insbesondere durchlaufende Ware wie Schnürer und Halbschuhe von wichtigen Lieferanten wollen viele Händler tendenziell behalten. „Ware von Waldläufer beispielsweise werde ich eher nicht zurückschicken“, sagt Bernd Frölich, „schließlich weiß ich nicht, wann es von diesem Lieferanten wieder Ware gibt.“ Stephan Alleborn will zu spät gelieferte Ware mehrheitlich dann akzeptieren, wenn ein Nachlass gewährt wird. „Vieles kann man auch im nächsten Jahr noch verkaufen“, so Alleborn. Dennoch „ist es sehr wichtig, dass ein Nachlass gewährt wird.“ Eine Ausnahme bildet nur der Kinderschuhbereich: „Da nehmen wir jeden Schuh, den wir bekommen können“. Wer wie das Schuhhaus Hittcher mit seinem Online-Anteil von 45% eine virtuell erweiterte Reichweite hat, ist ebenfalls eher geneigt, Nachzügler zu akzeptieren – wenn die Konditionen stimmen. „Da wir stationär und online breit aufgestellt sind, nehmen wir die Ware in der Regel an; trotzdem wird jeder Artikel einzeln geprüft und mit den Lieferanten intensiv über fehlende Verkaufszeiträume gesprochen“, sagt Marcus Höhne.

Nächste Frage: Wird der Rabatt weitergegeben oder wird die Ware mit schwarzem Preis ausgezeichnet? Auch das wird unterschiedlich gehandhabt; entscheidend ist hier natürlich, ob es sich um einen eher klassischen oder sehr modischen Schuh handelt. „Wir geben die Ware mit regulärem Preis in den Verkauf“, sagt etwa Benjamin Wittstock. Insa Uphoff dagegen würde die rabattierte Ware zwar grundsätzlich mit Rotpreis auszeichnen, ist aber an weiteren Sale-Artikeln generell nicht interessiert. „20% Nachlass helfen mir nicht weiter, denn ich muss die Ware ja auch mit 20% in den Sale geben“, so Uphoff. „Wir haben aber ohnehin noch genug Ware vom Sommer.“

Lektionen für die Order

Grundsätzlich können allerdings auch Rabatte den Händlern nicht alle Sorgen nehmen, denn letztendlich bindet jeder Schuh, der im Lager überwintert, Kapital. Auch wenn die reduzierten Einkaufspreise bei Schuhen, die später regulär verkauft werden können, am Ende hier und da vielleicht hilfreich für die Deckungsbeiträge sind, muss man erst einmal genug Liquidität haben, um sich die erhöhten Saisonüberhänge leisten zu können. Haben die vielfältigen Auswirkungen der Liefermisere daher eine weitere Filterfunktion für den Markt? „Mit Sicherheit“, sagt Bernd Frölich, „die Situation wird zu einer weiteren Bereinigung führen, nicht nur auf Seiten des Handels.“ Bleibt die Frage, welche Konsequenzen die ausstehenden und verspäteten Lieferungen auf die Einkaufsstrategie haben. Werden sie womöglich zu einer veränderten Gewichtung oder Auslistung von Lieferanten führen? „Wir werden sicher den Anteil namhafter mitteleuropäischer Lieferanten erhöhen“, sagt Bernd Frölich. Auch bei Schuh Haug will man „die Partner stärken, die verlässlich sind“, so Stephan Alleborn. „Bei allen anderen müssen wir abwägen, wie wichtig das jeweilige Produkt für uns ist.“ Werden die Händler ihre Order reduzieren? Eher nicht. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Rahmenbedingungen sich weiter verschlechtern, das nächste Frühjahr wird eher noch schwieriger werden“, sagt Karl-Georg Reindl. Sein Ordervolumen wird er dennoch „nicht verändern“, weil er, wie andere Händler auch, davon ausgeht, dass es weiterhin massive Lieferprobleme geben wird. Würde er auch so agieren, wenn seine Lieferanten ihm eine hundertprozentige Auslieferungsgarantie geben würden? „Dann würden wir unser Auftragsvolumen reduzieren.“

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Annette Gilles / 08.07.2022 - 11:52 Uhr

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