Interview mit Günter Althaus

„Man muss neugierig sein“

Günter Althaus sprach beim Bequemschuh-Symposium in Zeulenroda über die Chancen für den Schuhhandel mit orthopädischem Schwerpunkt. (Foto: Volkmar Heinz/Heinz Report)
Günter Althaus sprach beim Bequemschuh-Symposium in Zeulenroda über die Chancen für den Schuhhandel mit orthopädischem Schwerpunkt. (Foto: Volkmar Heinz/Heinz Report)

Der Unternehmer Günter Althaus über den Orthopädieschuh-Fachhandel, den Sinn von Reparaturen und die Frage, wieviel Digitalisierung tatsächlich sein sollte.

schuhkurier: Orthopädische Produkte bzw. Schuhe gelten gemeinhin als unsexy. In der Pandemie hat sich gezeigt: Gerade dieses Segment konnte weitgehend stabile Umsätze erreichen. Wie kann man die Attraktivität von Gesundheitsschuhen und -handel erhöhen? Braucht es neue Konzepte?

Günter Althaus: Zunächst einmal handelt es sich bei der Orthopädie im engeren Sinne aus meiner Sicht um Gesundheitshandwerk. Das ist schon ein gutes Stück von klassischem Schuhhandel und auch den landläufigen „Wellness-Angeboten“ entfernt. In diesem Spezialgeschäft ist die Entwicklung seit Jahren nachhaltig stabil mit auskömmlichen Margen. Und auch die Anwerbung von Nachwuchskräften scheint zu funktionieren. Mode steht hier nicht im Vordergrund. Dennoch ist ein deutliches Bestreben der Orthopäden festzustellen, orthopädisches Schuhwerk nicht „wie einen Klotz am Bein“ aussehen zu lassen. Dies hängt allerdings sehr stark von der Dimension des orthopädischen Eingriffs ab.
 

Wie schafft man es als Unternehmer, sich und die Firma neu zu erfinden? Gibt es dafür bestimmte Werkzeuge? Wie kann man vorgehen?

Ich halte sehr viel davon, sich als Unternehmer aktiv um Sparringspartner zu bemühen. Menschen, die den Unternehmer challengen, hinterfragen oder auch bestätigen, aber nicht versuchen, ihm zu sagen, wie sein Geschäft richtig funktioniert. Und dann empfehle ich gezieltes Abgucken. Neue Trends, neue Hotspots, neue Technologien. Dazu muss man neugierig sein und Lust auf Menschen und aufs Lernen haben.

Wie kann die Orthopädie-Sparte auch für jüngere Mitarbeitende attraktiver werden?

Ich glaube, das ist sie schon. Die Vermarktung der Orthopäden ist ein klein wenig dröge. Das war ja auch Thema beim Bequemschuh-Symposium in Zeulenroda. Ein bisschen frecher ist schon drin, schließlich muss man sich nicht verstecken.
 

Welche Services halten Sie für unverzichtbar?

Reparatur. Service. Schulung. Aus meiner Sicht wird die gute alte Schuhreparatur, neue Sohlen und Absätze, Reißverschluss-Reparatur u.ä. einen Relaunch erleben. Das ist ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit und verantwortungsvollem Konsum. Kinder und Erwachsene sollten wieder lernen, wie man einen Schuh putzt. Das verlängert die Lebensdauer deutlich. Und ein Holzleisten, auf den man ordentliche Schuhe aufzieht, erhält nun mal die Form.
 

Digitalisierung ist ein Muss – aber welche Elemente der Digitalisierung sind besonders wichtig – und unverzichtbar?

Aus meiner Sicht sind die Elemente digitaler Kommunikation von entscheidender Bedeutung. Insbesondere gegenwärtig, da Kunden auf die alten Kommunikationsmedien wie Prospekte kaum noch reagieren und Google die Preise für seine Dienstleistungen zur Erzielung größerer Awareness in astronomische Höhen treibt. Und auch digitale Instrumente und Analysetechniken für die Unternehmenssteuerung gewinnen an Bedeutung, zum Beispiel KI.

Nach Corona werden wir nicht mehr in die Situation vor der Pandemie zurückkehren. Das hat Folgen für die Innenstädte. Was raten Sie Händlerinnen und Händlern, die jetzt über neue Standorte nachdenken?

Vorsichtig sein mit schnellen Entscheidungen. Aus meiner Sicht ist im Moment noch nicht ausgemacht, was in den nächsten Jahren funktionieren wird und was nicht. Langfristige Standortbindung halte ich im Schuheinzelhandel für nicht mehr zeitgemäß.


Die Frequenzen sind rückläufig. Die Innenstädte verändern sich. Welche Konzepte werden auch in Zukunft in der City gebraucht?

Zunächst steigt der Aufwand, die Kunden ins Geschäft zu bekommen, deutlich. Und das in nahezu allen Lagen. Events, auch in Zusammenarbeit mit anderen Händlern und mittelständischen Service-Anbietern und insbesondere die guten alten Promotions am POS sind nicht zu unterschätzen. Ich denke, dass jeder Händler einmal im Monat minimum seine Kunden in sein Geschäft einladen muss. Mit attraktivem Content oder Angebot. Gerade hier wird die enge Zusammenarbeit zwischen Markenherstellern und Händlern entscheidend sein. Daneben sollten sich die Verantwortlichen für die Standortentwicklung, also Stadtverwaltung, Handel, Gastronomie und Immobilieneigentümer noch enger abstimmen und gemeinsam Standortentwicklung betreiben. Zudem würde ich mir mehr hochwertiges Angebot in den Fachgeschäften wünschen. Verdrängung über Qualität ist aus meiner Sicht die beste Antwort auf überflüssigen Schuh-Discount.

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Petra Steinke / 03.06.2022 - 12:25 Uhr

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