Interview mit Brigitte Wischnewski

„Mein Herz schlägt für schöne Schuhe“

Brigitte Wischnewski auf der BDSE-Pressekonferenz, die im August 2021 auf der Gallery Shoes stattfand. (Foto: Igedo)
Brigitte Wischnewski auf der BDSE-Pressekonferenz, die im August 2021 auf der Gallery Shoes stattfand. (Foto: Igedo)

Brigitte Wischnewski liebt und lebt Schuhhandel. schuhkurier sprach mit der langjährigen Präsidentin des Bundesverbandes des deutschen Schuheinzelhandels über Wurzeln, Veränderung und Chancen.

Frau Wischnewski, wann und wie sind Sie zum Schuhhandel gekommen?

Meine Eltern und Großeltern waren bereits Schuhhändler. Ich bin also buchstäblich im Schuhkarton großgeworden. Ich kann mich noch sehr gut an das Geschäft meiner Eltern in den 50er-Jahren erinnern. Damals wurden die Schuhe ausschließlich im Schaufenster gezeigt, im Laden standen nur Kartons in hohen Regalen, die Bedienungsintensität war enorm hoch. Im Jahr 1973 bin ich nach der Ausbildung und einigen weiteren Stationen in das elterliche Geschäft eingestiegen und habe das Unternehmen zunächst gemeinsam mit meinem Vater geführt. Ganz ähnlich, wie ich in den vergangenen Jahren auch mit meiner Tochter zunächst parallel gearbeitet habe. Aus meiner Sicht handelt es sich bei diesem fließenden Übergang um ein bewährtes System in einem Familienunternehmen.

War es früher einfacher, erfolgreich Schuhe zu verkaufen?

Die Strukturen in der Branche waren im Vergleich zu heute einfacher und übersichtlicher. Aber auch in den vergangenen Jahrzehnten musste sich der Fachhandel permanent mit Veränderungen auseinandersetzen. Zuerst kamen Filialisten auf, dann die Kaufhäuser mit ihren Schuhabteilungen und der Versandhandel, später Fabrikverkäufe, Outlets und Markenstores und zuletzt dann der Onlinehandel. Der Schuhhandel verändert sich kontinuierlich, das Rad der Zeit dreht sich immer weiter.

Was erfordert das von den Unternehmerinnen und Unternehmern?

Es war, ist und bleibt unverzichtbar, neue Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und sich darauf einzustellen. Es ist enorm wichtig, vorausschauend zuhandeln und nicht erst dann zu reagieren, wenn es schon fast zu spät ist. Der Wille zum Wandel ist die Voraussetzung.

Was machen Sie anders als Ihr Vater?

Mein Vater hat meine Schwester und mich stark in Richtung Schuhhandel gedrängt. Es lag ihm sehr am Herzen, dass wir eine Liebe zum Schuh entwickeln. Das habe ich durchaus als leichten Druck empfunden und mir daher fest vorgenommen, meinen Kindern niemals einen vergleichbaren Druck aufzuerlegen. Ich habe ihnen die völlige Freiheit gelassen, ihren eigenen Weg zu gehen, und lediglich vorgelebt, wie viel Spaß Schuhhandel machen kann. Es war ihre freie Entscheidung, ebenfalls in der Schuhbranche zu arbeiten: mein Sohn seit mittlerweile mehr als 20 Jahren bei der Firma Lloyd und meine Tochter hier in Lübbecke als Nachfolgerin in unserem Geschäft.

Ihre Schwester ist ebenfalls mit dem Schuhhandel verbunden geblieben, ihre Tochter ist Mitglied im ANWR-Aufsichtsrat, ihr Sohn Brand Manager bei Lloyd – wird bei Familientreffen nur über Schuhe gesprochen?

Nein, auf keinen Fall! Wir haben auch andere Themen. Natürlich reden wir auch mal über die generelle Marktsituation oder die aktuelle Umsatzentwicklung, aber das nur am Rande. Treffen im Kreise der Familie sind zu selten, um die Zeit fürs Business zu verwenden. Außerdem bringen die Lebenspartner auch immer Themen mit.

Wie hat sich das Aufgabengebiet eines Schuhhändlers bzw. einer Schuhhändlerin verändert?

Die Beziehung zwischen Händler und Kunde hat sich fundamental verändert. Als Händler müssen Sie heute auf allen Kanälen erreichbar und aktiv sein. Es gibt tolle Beispiele, wie das vorbildlich gelingen kann. Dazu zählen das Schuhhaus Darrè in Gießen oder auch The Wants Shoes in Köln. Diese Unternehmen zeigen, dass Schuhhandel heute auch ein Stück Entertainment ist – auf der Fläche oder online, sowie auf Social Media. Jedes Unternehmen ist gefordert, die Kundinnen und Kunden zu begeistern. Dieses Ziel gilt zwar seit je her, aber der Weg muss heute ein anderer sein, als noch vor fünf oder zehn Jahren.

Was fasziniert Sie an der Branche?

Das ist absolut das Produkt. Mein Herz schlägt für schöne Schuhe! Michael Michalsky hat kürzlich in einer TV-Sendung gesagt: „An den Schuhen erkennt man, ob jemand Stil hat oder nicht.“ Und genau so ist es! Schuhe sind für ein gutes Outfit das i-Tüpfelchen.

Wen bewundern Sie?

Ich liebe gutes Design. Bei meinem ersten Besuch in Florenz bin ich nicht etwa in die Uffizien gegangen, sondern in das Ferragamo-Museum. Auch die Schuhe von Manolo Blahnik finde ich faszinierend. Zudem schätze und bewundere ich seit Jahren die Arbeit von Andreas Klautsch bei Kennel & Schmenger, der die Marke mit seiner Kreativität enorm weiterentwickelt hat. Im Handel zeigt Michi Brandl mit The Wants Shoes in Köln beispielhaft, wie der Schuhhandel der Zukunft aussehen kann. Und ich habe auch enormen Respekt vor der Leistung von Dr. Dominik Benner, der ein beeindruckendes Unternehmen aufgebaut hat.

Gibt es einen Lieferanten, zu dem Sie eine ganz besonders enge Beziehung pflegen?

Wir arbeiten seit vielen Jahren mit zahlreichen Marken sehr vertrauensvoll und in einem sehr gutem Austausch zusammen. Allerdings habe ich den engsten Draht zu Rieker. Der Austausch mit Harald Riess und den jeweiligen Außendienstmitarbeitern war und ist immer sehr informativ und bereichernd.

Sie sagten, Schuhhändler müssen vorausschauend agieren. Wo lagen Sie richtig?

Wir haben uns schon 1997 mit Nachhaltigkeit befasst und haben die spanische Marke Snipe geordert. Damit waren wir allerdings viel zu früh dran, das gesellschaftliche Klima war vor 20 Jahren ein anderes als heute. Ich bin aber überzeugt, dass es mittlerweile unverzichtbar ist, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Nachhaltigkeit wird ganz sicher in den kommenden Jahren noch wichtiger werden – erst recht unter der neuen Bundesregierung. Der Handel darf sich dabei nicht von den Kunden überholen lassen. Wir müssen die ersten sein, die informiert sind und den Kunden ein Angebot machen. So haben wir für die kommende Saison unter anderem das neue Label Ella & Witt mutig eingekauft. Darüber hinaus haben wir die Chancen der Digitalisierung früh erkannt und davon insbesondere in den vergangenen Jahren sehr profitiert. Wenn man eine Entwicklung nicht aufhalten kann, muss man daran teilhaben. Wir haben anfangs allerdings nicht damit gerechnet, dass man mit dem Onlinehandel nur so geringe Margen erzielt.

Wäre das aber nicht ein Argument dafür, online keine Schuhe zu verkaufen?

Nein, es ist trotzdem wichtig, im Internet präsent zu sein, besonders zur Sichtbarkeit für unsere stationären Kunden. Wir haben daraufhin kürzlich sogar noch einen eigenen Onlineshop eröffnet. Es ist deutlich spürbar, dass sich immer mehr Kundinnen und Kunden vor dem Besuch im Laden online über das Angebot informieren. Unser gesamtes Marketing wird dadurch rund.

In der Corona-Krise gab es viel Kritik an der Öffentlichkeitsarbeit der Verbände. War das für Sie nachvollziehbar?

Der BDSE ist ein reiner Fachverband, der seine fachliche Kompetenz in den HDE einbringen kann, aber nicht für die politische Lobby-Arbeit des HDE als Spitzenverband des Deutschen Einzelhandels zuständig ist. Wir konnten nur zuarbeiten. Im Laufe der Krise sind wir aber dazu übergegangen, die Kanzlerin und die relevanten Bundesminister sowie die Landtags- und Bundestagsabgeordneten vor Ort anzusprechen und auf die Probleme der Branche aufmerksam zu machen. Damit waren wir insgesamt sehr erfolgreich und konnten für Aufklärung und Verständnis bei den politischen Entscheidungsträgern sorgen. Darüber hinaus engagierten sich auch unsere Landesverbände intensiv bei dieser politischen Lobbyarbeit, damit die restriktiven Maßnahmen in den Corona-Verordnungen der jeweiligen Bundesländer für uns stationäre Fachhändler möglichst erträglich ausfielen. Im Übrigen ist kein Amt nötig, um Kontakt zur Politik aufzunehmen. Und so gab es ja auch unterschiedliche Initiativen wie #handelstehtzusammen oder „Händler helfen Händlern“, die sehr viel in der Öffentlichkeit bewirkt haben. Nicht auf andere warten, sondern selbst machen, das war immer mein Motto. Und gemeinsam hatten wir auch Erfolg, sonst wären die staatlichen Hilfen bei weitem nicht in diesem Umfang geflossen.

Wie bewerten Sie rückblickend die Coronahilfen?

Je nach Größenordnung der Firmen sehr differenziert und in manchen Fällen auch ungerecht. Es sind auch Unternehmen durchs Raster gefallen und in Notsituationen geraten. Aber immerhin wurde noch Vieles im Nachhinein verbessert. Im Großen und Ganzen ist die Schuhbranche auch dank dieser Hilfen einigermaßen gut durch die Krise gekommen. Für die Branchen, die durch die Krise und die Maßnahmen der Politik so hart getroffen wurden, wie ja auch der Schuhhandel, muss es in den kommenden Jahren vom Staat Unterstützungen geben, z.B. durch steuerliche Erleichterungen oder durch Förderprogramme.

Welche Zukunftschancen hat der stationäre Schuhhandel wirklich?

Ich sehe für den Handel gute Zukunftschancen dank der Digitalisierung. Außerdem besteht die Chance, dass sich die Innenstädte neu erfinden. Daran müssen sich alle Akteure beteiligen: Handel, Gastronomie, die Gemeinden und auch die Immobilienbesitzer. Wir brauchen kreative Konzepte für eine Revitalisierung der Innenstädte. Die Stadt muss lebendig sein.

Was ist das größere Problem: Personalmangel oder Frequenzrückgang?

Der Frequenzrückgang ist ein Problem, das alle Innenstädte in gleicher Weise trifft. Der Personalmangel ist dagegen eine individuelle Herausforderung für jedes einzelne Unternehmen. Dass sich geringfügig Beschäftigte in den Phasen des Lockdowns andere Jobs gesucht haben, ist nachvollziehbar, da diese Mitarbeiter kein Kurzarbeitergeld bekommen konnten. Ein gutes, faires Gehalt ist immer unabdingbar, ebenso ein angenehmes Betriebsklima und einen Vorgesetzten, den man gerne zum Vorbild nimmt.

Viele Hersteller haben das Direktkundengeschäft zuletzt ausgebaut oder planen dies. Wie kann der Handel reagieren?

Ein gemeinsamer Boykott ergibt keinen Sinn. Allerdings war das Vorgehen von Giesswein wirklich krass. Die Firma selbst hat den Merino Runner im eigenen Onlineshop permanent unter Preis verkauft, während dies dem Handel zugleich untersagt war. Und dann wurde von jetzt auf gleich die Belieferung des Handels eingestellt. Nachdem wir fast 50 Jahre lang Giesswein-Schuhe verkauft haben, werden wir diese künftig nicht mehr führen. Weitere Lieferanten könnten diesem Beispiel folgen, darum ist es wichtig, als Händler Zeichen zu setzten. Der große Einsatz der Verbundgruppen und speziell von Fritz Terbuyken ist in diesem Zusammenhang wirklich hervorragend. So ist es gelungen, die Marken Adidas und Nike für den Schuhhandel zu erhalten.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Ich habe mich schrittweise aus allen Funktionen zurückgezogen. Und auch im Unternehmen ist die Übergabe an meine Tochter in den vergangenen zehn Jahren fließend erfolgt. Wir haben vereinbart, dass ich im Hintergrund weiter mitarbeiten werde. Meine langjährige Erfahrung ist bei meiner Tochter und unseren Mitarbeiterinnen immer noch willkommen.

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Helge Neumann / 06.01.2022 - 09:16 Uhr

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