Sicherheitsschuhhersteller aus Haltern

Nachhaltigkeit messbar machen

Mit PETer hat Lupriflex einen Sicherheitsschuh aus recyceltem PET auf den Markt gebracht. (Foto: Udo Geisler)
Mit PETer hat Lupriflex einen Sicherheitsschuh aus recyceltem PET auf den Markt gebracht. (Foto: Udo Geisler)

Der Schuhhersteller Lupriflex aus Haltern am See stellt Sicherheitsschuhe her: Eine Branche, in der es um exaktes Arbeiten geht. Auch beim Thema Nachhaltigkeit setzt das Unternehmen auf exakte Berechnungen.

1798 gegründet und seit insgesamt sieben Generationen aktiv, wird beim Halterner Sicherheitsschuhhersteller L. Priebs GmbH & Co. KG mit der Marke Lupriflex schnell deutlich: Beim Traditionsunternehmen herrscht die Kultur vor, sich immer weiterzuentwickeln und weiter an Stellschrauben zu drehen, mit der Zeit zu gehen. Hinter dem Eingangsbereich lädt daher auch der neue, moderne und geräumige Konferenzraum ein. Hier sind die neuesten Modelle der Marke ausgestellt und eine Wand so gestaltet, dass sie sich auch in einem Teams-Call sehen lassen kann.

Vor allem aber beim Thema Nachhaltigkeit wird sich beim Hersteller regelmäßig hinterfragt, ob wirklich genug getan wird. Jeder müsse seinen eigenen Beitrag leisten, anstatt nur auf andere zu warten, ist Geschäftsführer Markus Nelke überzeugt. 2018 wurde in dem kleinen Unternehmen die Position des Nachhaltigkeitsmanagers eingeführt, 2021 kam mit dem Sicherheitsschuh PETer ein Schuh aus recycelten Plastikflaschen auf den Markt und gewann den ersten Preis beim Deutschen Award für Nachhaltigkeitsprojekte.

Den Ist-Zustand kennen

Nachhaltigkeitsmanager und Schuhe aus Recyclingflaschen gibt es bei vielen Schuhherstellern. Doch Lupriflex zeichnet sich dadurch aus, dass jede Nachhaltigkeitsmaßnahme unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten auf ihren tatsächlichen Einfluss auf die Umwelt überprüft wird. Das eigene Klimaziel, die CO2-Emissionen des Unternehmens um 50% von 2018 bis 2030 zu reduzieren, wurde von der unabhängigen Initiative Science Based Target Initiative (SBTI) geprüft und offiziell anerkannt. Die Halbierung der Emissionen konnte bereits erreicht werden. Alle Aspekte bei der Produktion, beim Transport und bei der Recyclingfähigkeit sollen beachtet werden, um zu ermitteln, wie umweltfreundlich die Schuhe tatsächlich sind. Denn um Nachhaltigkeit garantieren zu können, müsse ein Unternehmen erst einmal konkret feststellen, welches Produkt eigentlich wie viele CO2-Emissionen ausstößt, macht Markus Nelke im Gespräch immer wieder deutlich: „Um Nachhaltigkeit messbar zu machen, ist es hilfreich, mit Kennzahlen zu arbeiten, wie dem CO2- oder Wasser-Fußabdruck und auch der Landverbrauch. Erst wenn ich diese Zahlen – also meinen Ist-Zustand, kenne – kann ich den Impact für die Umwelt verbessern, also senken.“ Diese Kennzahlen seien nur mit viel Aufwand, Zeit und Geld zu ermitteln. An jedem Kettenabschnitt von Produktion über die Nutzung bis zum Recycling lassen sich Optimierungen in Sachen Nachhaltigkeit vornehmen, doch es müsse darauf geachtet werden, dass die Optimierung an der einen Stelle nicht den CO2-Ausstoß an der anderen Stelle erhöht. So werben Hersteller von Sicherheits- und Laufschuhen häufig mit leichten Carbon-Komponenten, die durch die Gewichtsersparnis CO2-Emissionen beim Transport sparen. Bei der Produktion eines Schuhs mit Carbon-Komponenten wird jedoch rund ein Kilogramm mehr CO2 pro 100 Gramm ausgestoßen als bei einem Schuh ohne Carbon-Komponenten. Diese Aspekte müssten gegenübergestellt und dabei ausgerechnet werden, welcher Schuh mit allen Nebeneffekten und Produktionsschritten zusammengefasst am nachhaltigsten ist. Eine ähnliche Verwissenschaftlichung müsse zukünftig auch im Bereich des Wasserverbrauchs folgen. Auch soziale Gesichtspunkte müssten beachtet werden.

 

Emissionen auf 100 Gramm

Die Berechnungen werden immer auf 100 Gramm normiert, damit der ökologische Fußabdruck eines Stiefels mit dem eines Halbschuhs verglichen werden kann, ohne automatisch wegen dem Mehr an Material als schlechter für die Umwelt eingestuft zu werden. Für die Berechnungen arbeitet Lupriflex mit dem Münchner Beratungsunternehmen Climate Partner zusammen. Dabei kann auch die auf den ersten Blick weniger nachhaltige Lösung bei genauer Betrachtung besser für die Umwelt sein. Eine Produktion in Europa kann durch den hohen Emissionsausstoß von LKWs weniger nachhaltig sein als eine Produktion in einem effizienten Werk in Ostasien mit im Vergleich sparsamem Transport über Containerschiffe, so Nelke: „Pauschal kann man nicht sagen, ob eine Produktion in Europa gegenüber Asien nachhaltiger ist. Es geht bei Schuhen schwerpunktmäßig um das eingesetzte Material und den Transport. Wenn ich das Material mit dem LKW transportiere, kann eine europäische Produktion einen höheren CO2-Ausstoß haben als ein baugleicher Schuh aus Asien, welcher mit dem Schiff transportiert wird und nur regionale Materialien verwendet. Das soll heißen, dass der Herstellungsort nicht generell gut oder schlecht ist.“ Schließlich verursacht ein LKW pro Kilometer 15-mal so viel CO2 wie ein Containerschiff.

Als Hersteller von Sicherheitsschuhen müssen die Nachhaltigkeitsmaßnahmen natürlich auch mit den hohen Qualitätsstandards in Einklang gebrachtwerden, die an die Schuhe angelegt werden. Bei den hohen Vorgaben könnten keine Abstriche bei Recyclingmaterial gemacht werden – Sohlen lassen sich zum Beispiel zurzeit nur schwierig mit recyceltem Material in der benötigten Qualität produzieren.

Zukunftssicher aufgestellt

Dass sich der Aufwand lohnt, davon sind die Verantwortlichen bei Lupriflex überzeugt – nicht nur aus moralischen und umweltbewussten Gründen, sondern auch als Wettbewerbsvorteil. „Viele wissen nicht, wie groß der Berg ist, vor dem man da steht. Und wenn immer mehr gesetzliche Vorgaben kommen, ist es wichtig, den ersten Schritt zu machen, bevor man von ihnen überwältigt wird“, so Markus Nelke. Deswegen ist es wichtig, sich jetzt schon auf kommende Vorschriften wie den digitalen Produktpass vorzubereiten. Auch für den European Green Deal und die Ziele, bis 2045 Emissionsneutralität zu erreichen und die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist ein geringer CO2-Ausstoß ein Wettbewerbsvorteil. Der Konzern Priebs hat sich zur Emissionsneutralität, dem sogenannten Net Zero, bis 2050 verpflichtet.

 

Was macht die Industrie?

Mit Blick auf die gesamte Branche führt, davon ist Markus Nelke überzeugt, kein Weg an der Kreislaufwirtschaft vorbei. Es werde in Zukunft zur Normalität werden, dasselbe Material immer wieder neu zu verwerten und im Loop zu behalten: „Es ist der effizienteste Weg zum Einsparen von Ressourcen wie Wasser- und Landverbrauch, wenn die Materialien immer wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden und CO2-neutral recycelt werden können.“ Damit Recycling wirklich gut funktioniert, müsse es jedoch auch branchenweite Lösungen geben, damit die Konsumentinnen und Konsumenten wissen, wo sie ihre alten Schuhe abgeben können, um das Material wieder dem Kreislauf zurückzuführen: „Man muss fürs Recycling ein gemeinsames System schaffen, anstatt dass jeder Hersteller und jedes Geschäft seine eigene Suppe kocht.“ Glücklicherweise gebe es Branchenakteure, unter anderem die Cads-Arbeitsgruppe Umwelt, die sich für allgemeine Lösungen einsetzt.

Im Sinne der Kreislaufwirtschaft ist Nelke skeptisch – aber auch gespannt – welche Zukunft das Leder als Material in der Schuhproduktion hat: „Ich habe etwas Angst um das Leder, muss ich sagen. Es ist ein tolles Material. Aber das Ziel muss sein, jedes Material in den Kreislauf zurückzubekommen und wiederzuverwerten. Dafür gibt es Stand jetzt beim Leder industriell keine Möglichkeit“, Leder lasse sich anders als Kunststoff nicht neu einschmelzen und in Formen gießen, damit auch nicht so leicht für die Kreislaufwirtschaft verwerten“, erklärt Nelke: „Ich hoffe, dass die Industrie Wege findet, Leder wiederzuverwerten.“ 

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Christopher Mastalerz / 15.07.2022 - 15:24 Uhr

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