Kinderbarfußschuhe

Natürlich gesund?

Barfußschuhe sind im Kinderschuhhandel im Mainstream angekommen. (Foto: Superfit)
Barfußschuhe sind im Kinderschuhhandel im Mainstream angekommen. (Foto: Superfit)

Mit dem Versprechen, einen natürlichen und ursprünglichen Gang zu ermöglichen, wollen immer mehr Eltern ihren Kindern Barfußschuhe kaufen. Wie bedienen Hersteller die Nachfrage und was hält der Handel von dem Trend?

Einen natürlichen Gang entwickeln, die Muskulatur von Anfang an trainieren, sich bewegen, wie es die Natur vorgesehen hat. Viele Eltern möchten ihre Kinder von Beginn an mit Barfußschuhen ausstatten und sie gar nicht erst an „falsches“ Laufen gewöhnen. Der Auftritt des Start-Ups Filii in der Sendung „Die Höhle der Löwen“ im Jahr 2016 hat das Konzept der Barfußschuhe in Deutschland einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht und – auch wenn es in der Sendung nicht zu einem Deal kam – viele Eltern zum Thema hingeführt. Wie bedienen die Hersteller den Bedarf und was sagen Händlerinnen und Händler über den Trend? Sind die Barfußschuhe überhaupt so uneingeschränkt empfehlenswert, wie es das Versprechen des natürlichen Ganges suggeriert?

Die Marke Orangenkinder ist davon überzeugt, dass Barfußschuhe einen lebenslang anhaltenden Nutzen für den Körper haben. Schließlich habe es Barfußschuhe in der Geschichte schon immer gegeben, argumentiert Geschäftsführerin Verena Carvey: „Der klassische Barfußschuh ist der Mokassin der amerikanischen Ureinwohner. Barfußschuhe stärken die Fußmuskulatur und verbessern dadurch die gesamte Körperhaltung. Gerade in jungen Jahren fördert das die Entwicklung eines gesunden Bewegungsapparates.“ Damit soll schon früh Haltungsschäden und Knieproblemen vorgebeugt werden. Das wachsende Gesundheitsbewusstsein fördert ebenfalls die Nachfrage nach Barfußschuhen, weswegen Carvey davon überzeugt ist, dass Barfußschuhe mehr sind als nur ein Trend.
Ähnliches berichtet Kristin Käpplinger, Head of Business Unit Superfit: „Wir wissen, dass Barfußgehen gut für die Entwicklung von Kinderfüßen ist, denn so entwickeln sich die Sehnen und Muskeln auf natürliche Weise optimal. Die Barfußschuh-Modelle basieren auf einer asymmetrischen Leistenform, die sich an der anatomischen Passform eines gesunden Kinderfußes orientiert.“ Jasmina Geček, Froddo, glaubt daran, dass Barfußschuhe im Kinderschuhsegment langfristig wichtig bleiben werden: „Barfußschuhe sind kein vorübergehender Trend, sondern stellen eine völlig neue Kategorie von Schuhen dar, und wir erwarten für die Zukunft weiteres Wachstum und eine weitere Entwicklung des Marktes in diesem Segment.“

Auch Salamander-Vertriebsleiter Ralf Balonier sieht im Barfußschuh einen Schuhtypen, der sich etablieren wird und mit seinen Eigenschaften die körperliche Balance und Muskulatur stärkt. Jedoch betont er, dass jeder gute Schuh auch gut für die Fußgesundheit ist: „Auch hochwertige, herkömmliche Kinderschuhe unterstützen die Gesundheit der Kinderfüße, wenn sie kindgerechte Leisten haben und weich und flexibel sind.“

 

Nicht für jeden Untergrund

Peter Klan, Verkaufsleiter bei Däumling, stellt klar: Barfußlaufen ist das Gesündeste für die Fortbewegung des menschlichen Körpers: „Es wird allerdings meistens der wichtige Zusatz ’auf weichem Untergrund‘ vergessen. Wenn wir uns unsere Umwelt ansehen, fehlt dieser weiche Untergrund aber in den allermeisten Fällen. Die Barfußschuhe schützen die Füße vor Verletzungen, dämpfen aber den Auftritt fast nicht, da zwischen Fuß und Untergrund nur ein dünner Strobelstoff und eine ganz leichte und dünne Laufsohle liegt.“ Auf hartem Asphalt kann die dünne Schicht also auch negative Auswirkungen auf die Fußgesundheit haben, weswegen viele Händlerinnen und Händler differenziert mit dem Thema umgehen, wenn die Eltern mit dem Wunsch nach Barfußschuhen zu ihnen kommen. Es gebe zwar gute Eigenschaften, jedoch müsse ein Schuh am Ende zum Fuß passen, egal ob mit minimaler Sohle oder konventioneller Form: „Barfußschuhe werden immer mehr nachgefragt“, beobachtet Britta Flemming vom Kinderschuhladen Kleinschuh in Köln: „Oft haben Eltern aber zu hohe Erwartungen an den Barfußschuh und denken, er wäre automatisch bequemer. Es gibt natürlich auch gute Barfußschuhe, aber die müssen dann zum Kind passen.“ Häufige Probleme gebe es mit zu großzügigen Zehenboxen, bei denen der Kinderfuß nicht abrollen kann, oder Sohlen, die sogar härter sind als bei anderen Schuhen. Deswegen seien Kinder-Barfußschuhe besonders beratungsintensiv: „Mir ist es wichtig, das Kind mit Barfußschuh und mit normalem Schuh ein paar Schritte laufen zu lassen, dann sehen die Eltern meist auch als Laien, mit welchem Schuh das Kind besser laufen kann.“ Peter Zimmermann von Der kleine Draufgänger in Leipzig empfindet den Hype um das Thema in seinem Geschäft als abklingend: „Das Thema war besonders groß, als ein Start-Up im Bereich Kinderschuhe damit begann.“ Auch er legt Wert darauf, dass der Barfußschuh erstmal als Schuh gut sitzen muss, und empfindet Barfußschuhe nicht als grundsätzlich besser oder schlechter als andere Schuhe: „Es ist wichtig, darauf zu achten, dass die Passform stimmt und ob der Barfußschuh mit seinen speziellen Eigenschaften zum Kind passt. In der Stadt können zu dünne Sohlen zum Beispiel auch schlecht für den Fuß sein – auch sind manche dieser Schuhe auf dem Markt einfach zu breit.“

 

Eigentlich nichts Neues

Zimmermann berichtet, dass viele Kinderschuhe die positiven Eigenschaften wie dünne und biegsame Sohlen auch schon hatten, bevor es den Begriff der Barfußschuhe gab. Sybille Hasse, Marketingverantwortliche bei Ricosta, merkt an, dass das Thema eigentlich nicht neu ist, aber unter Eltern immer mehr in den Mainstream drängt: „Barfußschuhe sind aktuell sicherlich besonders im Trend, sie sind jedoch keine Neuheit, sondern es gab sie bereits vor Jahren. Nun sind sie aber in neue Zielgruppen vorgedrungen und haben sich für die Zukunft etabliert.“ Auch die Verantwortlichen bei Bundgaard haben gemerkt, dass sich der Barfußschuhtrend positiv auf die Verkäufe von Modellen auswirkt, die es schon vorher gab: „Eine als ’Barfußschuh‘ definierte Linie führt Bundgaard nicht. Wir sind allerdings bei den führenden Barfußschuhhändlern sehr erfolgreich vertreten, weil ein Großteil unserer Schuhe viele Elemente aus dem Barfußschuhbereich miteinbezieht“, erklärt Sales Manager Marta Koziol. Der Barfußschuh ist also weder eine neue Erfindung noch ein Wundermittel, um in jungen Jahren einen gesunden Gang fürs Leben zu sichern. Eltern, die sich damit befassen, in welchen Situationen der Barfußschuh geeignet ist, können ihren Kindern damit aber tatsächlich etwas Gutes tun. Hier lohnt es sich als Händler, sich weiterzubilden und den am Thema interessierten Eltern bei dem komplexen Thema zur Seite zu stehen. 

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Christopher Mastalerz / 24.06.2022 - 09:11 Uhr

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