Damenschuhmarke im Portrait

NeroGiardini setzt auf „Made in Italy“

Enrico Bracalante, Gründer der Marke NeroGiardini (Foto: NeroGiardini)
Enrico Bracalante, Gründer der Marke NeroGiardini (Foto: NeroGiardini)

Der italienische Damenschuhhersteller NeroGiardini produziert große Mengen für sein eigenes Lager. Ein Risiko, das sich aus Sicht von Firmenchef Enrico Bracalente ausgezahlt hat. Gerade in der Pandemie.

„Ich bin überzeugt, dass nur die Unternehmen eine Zukunft haben, die bereit sind, in Service, Qualität und Transparenz zu investieren. Die anderen werden es schwer haben.“ Das sagte Enrico Bracalente, Gründer von NeroGiardini, im Interview mit schuhkurier – im Jahr 2018. Zu diesem Zeitpunkt hatte die B.A.G. S.p.A, die Produktion, Vertrieb und Marketing der Schuhmarke Nero-Giardini mit Firmensitz in Monte S. Pietrangeli verantwortet, eine groß angelegte Neuausrichtung absolviert und dabei u.a. massiv in Logistik und Vertrieb investiert. Das sollte sich als gute Basis erweisen für das, was zwei Jahre später kommen sollte. Trotzdem war die Corona-Pandemie anfangs ein Schock für den Unternehmer. „Als wir im Februar und März 2020 verstanden, was passiert war, haben wir uns die Zeit genommen, um in Ruhe zu überlegen, wie wir weiter machen wollen“, blickt Bracalente zurück. Als Italien unter massiven Infektionszahlen litt und in praktisch allen Bereichen die Räder stillstanden, setzte das Führungsteam von NeroGiardini auf strategische Planungen. Gemeinsam mit externen Beratern wurden Kosten reduziert, um drohende Umsatzausfälle zu kompensieren. Zugleich wurde an der Strategie gefeilt, um die Pandemie gut durchzustehen – und für die Zeit danach gut gerüstet zu sein.

Unterm Strich stand Ende 2020 ein Umsatzrückgang um 31%. Dieses Niveau hielt das Unternehmen auch 2021. Für das laufende Jahr will man wieder ein deutliches Wachstum erreichen: „Wir haben in Know-how investiert, unsere Vertriebsstruktur weiter verfeinert und neue Vertreter ins Team geholt. Und wir haben uns die Expansion nach Kanada und in die USA auf die Fahne geschrieben“.

Erfolg in der Pandemie

Keine Messen, kaum physische Kundenkontakte – dass NeroGiardini trotzdem verkaufen konnte, verdankt das Unternehmen mehreren Faktoren. Zum einen sei die noch relativ neue B2B-Plattform vom Handel sehr gut genutzt worden, berichtet Firmenchef Bracalente. Viele Kunden hätten das Angebot genutzt und bauten weiterhin darauf. Hinzu kommt das dynamische Lager, welches das Unternehmen seit 2019 in Italien betreibt. „Wir produzieren nicht auftragsbezogen, sondern für unser flexibles Lager. Alles, was sich an Ware in diesem Lager befindet, ist innerhalb von zwei, maximal drei Tagen auf der Fläche im Handel. Was wir nicht am Lager haben, können wir nachproduzieren und binnen zehn Tagen nachliefern“, schildert Bracalente das Konzept. Dank einer vollständig in Italien beheimateten Produktion in insgesamt 15 Fabriken, darunter drei eigenen Werken, sei man extrem flexibel. Allerdings ist eine solche Strategie für den Lieferanten riskant, während sie das Risiko für den Handel minimiert. Sorge, dass sich hieraus Nachteile für sein Unternehmen ergeben könnten, hat Bracalente nicht: „Ein Kunde hat z.B. vergangene Saison 600 Paar in der Vororder bestellt. Am Ende der Saison hatte er 2.500 Paar gekauft – 1.900 Nachbestellungen, das ist ein großartiger Erfolg.“ Um trotzdem eine gewisse Planbarkeit zu erreichen, empfiehlt der italienische Schuhhersteller seinen Kunden, in Summe 70 bis 80% der Order der Vorsaison zu planen. „Auf dieser Basis arbeiten wir mit unseren Kunden im Handel sehr langfristig und vertrauensvoll zusammen“, so Bracalente. 

Für den Hersteller ergibt sich aus dieser Systematik trotzdem die Notwendigkeit, in großem Stil Materialien und Komponenten zu bevorraten, um zunächst die Vororder zu produzieren und dann im Saisonverlauf auch die Nachbestellungen schnell herstellen zu können. Die Auswirkungen der Pandemie auf die Lieferketten sind für NeroGiardini laut dem Firmenchef gut verkraftbar. „Wir haben kein großes Problem, weil alles, was wir verwenden, aus Italien und vorrangig aus unserer Region kommt. Wir arbeiten mit vielen Zulieferern zwischen Fermo und Macerata zusammen – bis hin zur Gerberei in der Nähe von Florenz. Natürlich müssen wir die Materialien großzügig im Voraus bestellen, aber dieses Risiko gehen wir ein“, so Bracalente. Während Verfügbarkeiten bei Materialien und Komponenten kein Problem seien, könne er allerdings Preissteigerungen nicht verhindern. „Wir sehen derzeit eine geringe Preissteigerung von 7 bis 8%. Wie sich die Preise in Zukunft entwickeln, müssen wir abwarten.“

Galanterie nimmt an Bedeutung zu

Auch bei NeroGiardini sieht man eine Tendenz hin zu mehr Eleganz in der Damenschuhmode. „Wir sind mit diesem Thema sehr erfolgreich. Viele Kunden haben in der aktuellen Saison femininere Styles geordert und bestellen sie jetzt schon nach“, berichtet der Unternehmer. Der Trend, neben sportlichen Styles auch wieder klassischere Schuhe zu tragen, mache sich deutlich bemerkbar. „Zugleich ist eine Lücke im Markt entstanden, weil sich einige Marken zurückgezogen oder neu sortiert haben.“ Hinzu komme ein anderer Aspekt: „Sneaker herstellen, das ist kein großes Problem. Die Fertigungsstätten in Vietnam, China und Indonesien sind unter anderem darauf spezialisiert. Für Galanterie aber braucht man handwerkliches Können. Diese Schuhe müssen mit Liebe gemacht werden. Wir arbeiten mit einer Fabrik zusammen, die auf Galanterie spezialisiert ist und auch weiß, wie man Eleganz und Komfort kombiniert. Dort werden feminine Schuhe nur für uns produziert. Deshalb sind wir mit Galanterie erfolgreich. Und wenn die Menschen jetzt wieder mehr Anlässe haben, Hochzeiten feiern und Theater besuchen, dann werden diese Schuhe gebraucht.“

 

Zahlen & Fakten zu NeroGiardini

Enrico Bracalente arbeitete als 14-Jähriger in seinem Heimatort Monte San Pietrangeli in der Provinz Fermo in den Marken in einer Schuhfabrik. Mit 18 Jahren kaufte er von seinen Ersparnissen Werkzeug, um eigene Schuhe herzustellen. Heute gehört Bracalente mit seiner Schuhmarke NeroGiardini zu den größten Arbeitgebern in der Region. Im Umkreis von 30 Kilometern rund um die Unternehmenszentrale beschäftigt er rund 2.500 Menschen. Seit Ende der 90er-Jahre stieg der Umsatz von 6 Mio. auf rund 200 Mio. Euro. Nach Italien sind für NeroGiardini Belgien und Irland relevante Absatzmärkte. Aktuell will das Unternehmen seine Position in Frankreich, Spanien und Deutschland ausbauen. Hinzu kommen Märkte wie die Niederlande, die Schweiz, Österreich und Großbritannien. Das Unternehmen präsentiert seine Kollektionen auf verschiedenen internationalen Messen, u.a. in Paris, London, Kanada und den USA. Die stärkste Messe ist die Micam in Mailand, gefolgt von der Shoes in Düsseldorf. In Deutschland betreibt NeroGiardini Showrooms in München, Sindelfingen, Breitscheid und Hannover.

Herr Bracalente, Sie haben drei Wünsche frei. Was wünschen Sie sich?

  1. Ein zweistelliges Wachstum, wie wir es vor der Pandemie hatten.
  2. Dass wir einen Umsatz von 400 bis 500 Mio. Euro erreichen. 
  3. Immer in Italien weiter produzieren können, um den Menschen hierzulande Arbeitsplätze zu geben.
Login für Abonnenten
Sie möchten alle Inhalte lesen?
  • Website-Login
  • E-Paper-Zugang
  • Alle Newsletter
Petra Steinke / 07.04.2022 - 08:57 Uhr

Weitere Nachrichten

Die TheMicam verzeichnete einen Besucherrückgang

Weniger Besucher auf TheMicam

Die Mailänder Schuhmesse TheMicam hat im Vergleich zum Vorjahr einen Besucherrückgang verzeichnet. Insgesamt kamen zur Veranstaltung, die am 3. September endete, 34.176 Besucher.