Schuhhaus Schämann in Haltern am See

Neueröffnung im Lockdown

Der neue Concept Store von Christiane Schroer in Haltern am See. (Foto: Redaktion)
Der neue Concept Store von Christiane Schroer in Haltern am See. (Foto: Redaktion)

Im Frühjahr 2021 wagte die Schuhhändlerin Christiane Schroer einen mutigen Schritt: Sie baute einen zweiten Standort auf. Heute sagt die Unternehmerin: „Ich bin froh, dass ich dieses Projekt realisiert habe.“

Haltern am See ist in einer Zeit des massiven Strukturwandels im stationären Handel eine kleine Insel der Glück-seligen. Dank seiner Lage zwischen dem Ruhrgebiet im Süden und dem Münsterland im Norden verfügt der kleine Ort mit 38.000 Einwohnern über ein großes Einzugsgebiet. Inmitten eines Naherholungsgebiets mit mehreren Seen gelegen, lockt Haltern viele Touristen an; allein im Jahr 2019 kamen 95.000 Menschen, um Radtouren und Wanderungen zu unternehmen – oder in der Innenstadt zu shoppen. Weil Haltern am See Wallfahrtsort ist, gibt es regelmäßig verkaufsoffene Sonntage, bei denen fast alle Händler mitmachen. Stadtund Heimatfeste tragen ebenfalls dazu bei, dass viele Besucher nach Haltern strömen. Zahlreiche inhabergeführte Geschäfte reihen sich in der Innenstadt aneinander und sorgen für einen spannenden Branchenmix. Hier hat sich Christiane Schroer, Inhaberin des alteingesessenen Komfortschuhgeschäfts Schämann, mit einem neuen Laden einen lang gehegten Traum erfüllt: Leuchtend bunte Sommerkleider flattern vor dem Geschäft in der Fußgängerzone im Wind. Auf einem kleinen Bistro-Tisch vor dem Schaufenster stehen Kerzen in verschiedenen Farben. Im Laden eine vielfarbige Mischung aus Schuhen für Damen und einem kleinen Herrenschuh-Sortiment, Kleidung, Dekoartikeln und Accessoires sowie Spezialitäten wie das in der Region gebraute Craft Bier „Jupp“ und Sweatshirts mit „Haltern“-Aufdruck. Eine lederne Sitzecke lädt im hinteren Bereich zum Verweilen ein – es ist ein Geschäft, in dem es immer wieder Neues zu entdecken geben soll. Das Konzept ist einfach: Alles, was ein Preisschild hat, kann man kaufen.

Die Geschichte des Schuhhaus Schämann liest sich wie viele in der Schuhbranche. Angefangen hat alles mit einer kleinen Werkstatt, in der Wilhelm Schämann, der Vater der heutigen Inhaberin, vor 72 Jahren mit Schuhreparaturen begann. Die Mutter machte nach ihrer Ausbildung zur Fußpflegerin im Familienunternehmen mit und erweiterte das Angebot um diesen Service. Im Stammhaus des kleinen Betriebes fand alles unter einem Dach statt: vorne wurde gearbeitet, hinten gewohnt. Zum Handwerk kam mit der Zeit der Handel dazu, erst eine kleine Auswahl Solidus-Modelle, dann Ganter, Berkemann und später auch Kinderschuhe. Das Unternehmen etablierte sich in der Stadt, und das strahlte auch auf die fünf Kinder der Schämanns aus, die alle branchennahe Berufe erlernten, vom Orthopädieschuhmacher bis zur Fußpflegerin, jedoch in anderen Unternehmen. Schroer entschied sich für eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau im elterlichen Betrieb. Eigentlich, sagt sie, habe sie Friseurin werden wollen. Aber schon ein Tag Probearbeiten in einem Friseursalon hatte ihr klar gemacht: „Das ist nichts für mich.“
Nach der Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau schloss sie die Abendschule als Handelsfachwirtin ab. „Und dann hat das Ganze seinen Lauf genommen“, blickt die Unternehmerin zurück. Gemeinsam mit ihrem Vater führte Christiane Schroer zunächst das Geschäft weiter, entdeckte das Kinderschuh-Segment als ihr Steckenpferd und suchte sich weitere Bereiche, in denen sie sich ausprobieren konnte. Ihr Vater sei, so glaubt sie, mit ihr „ein bisschen strenger“ umgegangen als mit anderen Mitarbeitern. Auf der anderen Seite ließ er ihr Freiraum, sich zu entwickeln. So durfte sie früh im Einkauf mitwirken und Erfahrungen sammeln. 2016 schließlich zog sich der Vater aus der Firma zurück. „Seitdem führe ich das Unternehmen eigenverantwortlich“, berichtet die heute 52-Jährige. So schwer dem Senior das Loslassen fiel, so kraftvoll drehte die Tochter das Unternehmen: „Ich wollte frischen Wind und einen jüngeren Auftritt“, sagt die Händlerin. Das Orthopädie- und Komfortschuh-Segment hatte ihrer Ansicht nach zu Unrecht den Stempel, altbacken zu sein. „Orthopädie wird immer gleich mit krank gleichgesetzt. Diese Denkweise wollte ich ändern“, berichtet Schroer. Sie modernisierte das Beratungskonzept und ließ die Kinderschuhabteilung umbauen. Neue Marken wie MBT mit ihrem besonderen Sohlenkonzept wurden neu ins Sortiment aufgenommen. Und der Podologie-Bereich wurde unter Wellness-Gesichtspunkten weiterentwickelt. Das alles geschah, ohne die Stammkundschaft zu verprellen: „Wir sind bekannt für ein bodenständiges, solides Orthopädie-Angebot. Das sollte auch so bleiben. Die Seniorin aus dem Ort sollte weiter mit ihren Sorgen zu uns kommen können, um das Geschäft dann schmerzfrei wieder zu verlassen. Wir wollten aber auch jüngere Kunden erreichen“, blickt die Händlerin zurück.

„Die Menschen auf die Folter spannen“

Die Idee, dass es dafür womöglich einen zweiten Standort brauche, mit einem ganz eigenen, neuen Auftritt, reifte mit der Zeit in der Unternehmerin. „Ich habe immer schon die Idee gehabt, eines Tages einen Laden mit richtig ausgeflippten Schuhen aufzumachen“, berichtet Christiane Schroer. Und dann führte der Zufall sie zu dem freigewordenen Ladenlokal in der Halterner Fußgängerzone, wenige hundert Meter entfernt vom Stammhaus. Im Dezember 2019 kamen sie und ihr Ehemann beim Weihnachtsspaziergang durch die Stadt an den Schaufenstern des Geschäfts vorbei, in denen groß der Räumungsverkauf plakatiert war. Es sollte noch etliche Monate dauern, bis die Händlerin als neue Mieterin die Verträge unterzeichnen würde. Und dann begann peu à peu der Umbau, bei dem Christiane Schroers Ehemann als Elektromeister tatkräftig mithalf. Um die Neugier der Halterner zu wecken, wurden die Schaufenster zugeklebt. Mit einem Beamer wurden immer wieder neue Bilder auf die Fläche projiziert: eine Eisdiele, ein modisches Outfit und andere Motive. „Wir wollten die Menschen ein bisschen auf die Fol ter spannen“, schmunzelt die Händlerin. Erst im Februar 2021 habe man schließlich die Katze aus dem Sack gelassen.

„Wir wollen nicht vergleichbar sein“

Die Eröffnung, die Lockdown-bedingt keine war, stellte die Unternehmerin vor einige Herausforderungen. Aber sie entschloss sich, das Beste aus der Lage zu machen. Im Stammhaus mit dem orthopädischen Angebot war weiter der Verkauf möglich. Für den zweiten Standort mussten kreative Pläne her. Ein eigener Onlineshop war quick and dirty binnen weniger Tage aus dem Boden gestampft. QR-Codes im Schaufenster verwiesen auf die Internetseite des Unternehmens. Alle Schuhe in den Fenstern wurden mit Nummern versehen. Zum Anprobieren bekamen Kunden die gewünschten Modelle herausgereicht – mit einem kleinen Teppich, um sie auf der gegenüberliegenden Sitzbank anzuprobieren. Die Zusammenarbeit mit Online-Plattformen schloss die Unternehmerin von vornherein aus: „Wir wollten nicht vergleichbar sein.“ Geblieben sind aus den Lockdown-Phasen eine enge Bindung zu den Stammkundinnen und Stammkunden sowie viel Engagement auf Facebook und Instagram. Dort postet Schroer regelmäßig Produkte aus ihrem Sortiment „und nicht selten stehen morgens Kundinnen vor dem Geschäft und fragen nach dem Kleid oder den Schuhen, die ich am Vorabend gepostet habe.“ Auch ein Whatsapp-Newsletter gehört zu den Tools, die die Händlerin heute noch nutzt. Die stressige und belastende Lockdown-Zeit habe auch Gutes zu Tage gebracht, ist Schroer überzeugt: „Es waren auf einmal Dinge möglich, die vorher nicht denkbar gewesen sind. Dass man den Kunden die gewünschten Schuhe nach Hause bringt, zum Beispiel. Wir haben viele Ideen entwickelt. Für den Zuspruch, den wir erfahren haben, bin ich heute noch dankbar.“
Mit der Zweigleisigkeit ihres Konzepts ist die Unternehmerin zufrieden. Im Stammhaus kommen Komfortschuh-Kunden und Menschen mit anspruchsvollen Füßen auf ihre Kosten. Sie werden persönlich beraten und betreut, ebenso wie die jungen Familien, für die ein umfangreiches Kinderschuh-Angebot bereitsteht. Und im neuen Geschäft wird eine junge Kundschaft angesprochen, die zwar Wert auf gute und bequeme Schuhe legt, für die aber die Mode im Vordergrund steht. Nachdem die aktuelle F/S-Saison spät gestartet ist, zeigt sich Schroer mit dem Verlauf jetzt zufrieden. „Der Mai war wirklich gut. Und die Nachfrage nach Galanterie ist stark gestiegen. Man merkt, dass wieder Abibälle, Hochzeiten und Schützenfeste stattfinden.“

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Petra Steinke / 15.06.2022 - 20:46 Uhr

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