Gastronomie im Schuhhandel

Sneaker und Snackbar

Schuh Körner bietet Qualitätswein aus Georgien an. (Foto: Schuh Körner)
Schuh Körner bietet Qualitätswein aus Georgien an. (Foto: Schuh Körner)

Viele Händlerinnen und Händler sehen sich auch als Gastgeber für ihre Kunden. Kaffee, Sekt oder kleine Köstlichkeiten werden immer häufiger angeboten. Ein Konzept, das auch auf kleiner Fläche funktionieren kann.

Eine Whisky-Verkostung in der Herrenschuhabteilung oder ein Gläschen Champagner kurz vor Geschäftsschluss am Samstagabend. So fühlen sich die Kunden und Kundinnen wie Gäste. Einkaufen wird immer mehr zum Erlebnis und bei einem guten Kaffee oder Getränk fühlen sie sich wohl im Geschäft. Gastfreundschaft erhöht die Frequenz und lässt sich mit kleinen Gesten im Schuhfachhandel auch auf kleinen Flächen umsetzen. Gastronomie-Konzepte im Einzelhandel wie die Sansibar von Breuninger oder das Gourmetrestaurant von Engelhorn über den Dächern von Mannheim sind sehr gelungene Vorzeigeprojekte. Aber es muss nicht unbedingt das erlesene Feinschmeckerlokal sein. Eine schöne Atmosphäre im Store lässt sich auch mit weniger Aufwand zaubern. Es geht darum, dass die Gastgeber ihre Kunden begeistern.

Beispiel Düsseldorf: Espresso und Snacks

Vorne im Kassenbereich im Marc O’Polo-Store im Herzen der Stadt steht eine schicke italienische Siebdruckmaschine und der Duft von frisch gemahlenem Kaffee macht Lust auf einen Espresso. Cola und Mineralwasser werden ebenfalls angeboten. Ein Mann, der seine Frau beim Einkaufen begleitet, sitzt an der kleinen Bar und gönnt sich einen Prosecco Marke Marc O’Polo. Und in einigen Stores gibt es zum Kaffee skandinavische Zimtschnecken auf Marc O’Polo-Geschirr. Der Coffee- und Kassentisch ist ein Blickfang aus schwarzem Holz. Das Café Konzept „The Scandinavian Studio“ wurde 2021 von der Marke lanciert und lädt an zentralen Plätzen im Store zum Verweilen ein. Ganz nebenbei werde dann die Ware verpackt und der Einkauf gezahlt, teilt die Marke mit. Ein paar Ecken weiter, auf einer großen Einkaufsstraße in der Düsseldorfer City, will der Flagship-Store von Görtz mehr als nur ein reines Schuhgeschäft sein: „Es ist ein lebendiger Ort zum Wohlfühlen. Mit unserem Konzept schaffen wir Aufenthaltsqualität und Wohlfühlatmosphäre“, sagt CEO Frank Revermann. „Der Schuh spielt natürlich weiterhin eine Hauptrolle, aber ohne bestbesetzte Nebenrollen wird heute kein Projekt mehr zum Hingucker. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, besondere Lifestyleund Gastro-Konzepte zu integrieren. Das Café in unserem Düsseldorfer Store wird vom lokalen Kaffeeanbieter „Mr. Bens Café“ geführt und ist direkt im Eingangsbereich angesiedelt, offen und modern gestaltet. Auf eine Grenze zum Verkaufsraum haben wir bewusst verzichtet. So dient das von außen ersichtliche Café als Kundenmagnet, lädt zum Verweilen ein und eröffnet bereits den Blick in eine spannende Welt aus den schönsten Schuh- und Accessoire-Styles.“ Das Besondere am Konzept sei zudem, dass Getränke und Speisen in den Verkaufsraum mitgenommen werden können. Ein Loungebereich im zweiten Obergeschoss wird ebenfalls vom lokalen Cafébetreiber mitbedient und fungiert als Relax-Zone beim Shoppingbummel. Im Angebot sind verschiedene Kaffeespezialitäten, gesunde Snacks und Softdrinks enthalten sowie selbstgemachte Torten und Kuchen.

Beispiel Bruchsal: Georgische Weine und Whisky

Alexander Körner, Inhaber Schuhe Körner, hat ein sehr persönliches Konzept entwickelt: „Wir verkaufen im Schuhgeschäft georgische Weine. Die Flaschen haben wir auf den Präsentationsflächen verteilt. Wir verkaufen das georgische Weinangebot auch in unserem Online- Shop und posten es auf Instagram.“ Zwei Flaschen habe man im Geschäft offen, „um mal mit unseren Kunden und Kundinnen ein Gläschen zu trinken“. Während der Corona-Zeit sei das nicht möglich gewesen, „aber jetzt fangen wir so langsam an und das gefällt den Leuten“, so Körner. Oben in der Herrenabteilung schenkt er zudem Whisky aus – die Sorte ist eine Rarität aus Deutschland, die der Händler durch Zufall entdeckt hat. „Der Whisky ist ein Unikat und am Samstagabend gibt es schon mal ein Gläschen für die Kunden. Von dem starken Whisky haben wir nur noch wenige Flaschen. Danach steigen wir um auf georgischen Schnaps. Die Produkte aus Georgien beziehen wir über meinen Bruder, der georgische Weine importiert. Ein Gläschen in geselliger Runde – wir bieten natürlich auch Kaffee und Wasser an – fördert die Kommunikation. Unsere Kundinnen und Kunden wissen das sehr zu schätzen.“
Wichtig sei ihm, sagt der Händler, mit Weinen und Spirituosen etwas ganz Spezielles zu bieten. „Es geht darum, eine Story rund um das Schuhsortiment zu erzählen. Es geht auch um Kundenbindung und eine längere Verweildauer. Die Frequenz wird nicht besser und da müssen wir uns was einfallen lassen und die Kunden begeistern. Jeder Kunde, der reinkommt, und selbst wenn er nur eine Flasche Wein für zehn Euro kauft, ist ein Kunde, der vielleicht ganz nebenbei Schuhe anprobiert und kauft. Einkaufen soll Freude machen und ein Erlebnis sein. Das müssen auch wir im Verkauf ausstrahlen.“

Beispiel Tübingen: Einkaufen mit Spaßfaktor

Das Modehaus Zinser hat in allen neun Filialen Gastronomieangebote integriert, allerdings sehr begrenzt. Jens Köhler, für das Marketing des Händlers verantwortlich, beschreibt das Konzept: „Es gibt Espresso, Café Creme, Wasser still und medium, jeweils in den Abteilungen in einer kleinen Ecke integriert, meistens im Umfeld der Umkleidekabinen. So können sich die Männer einen kleinen Espresso gönnen, während sie auf ihre Frauen warten. Oder umgekehrt. Das wird dankbar angenommen. Wir sehen das als Service und nette Geste für unsere Kunden und Kundinnen. Generell benötigt so ein Café allerdings mehr Fläche, weshalb wir uns in den Häusern auf eine kleine Ecke konzentrieren.“ Im Haupthaus in Tübingen, wo es auch eine sehr große Schuhabteilung für Damen und Herren gibt, steht dem Einzelhändler wesentlich mehr Fläche zur Verfügung. Hier wurde direkt bei den Sortimenten ein ca 30 qm großes Café eingerichtet - das Café Primo. Es wird von einem externen Dienstleister bewirtschaftet wird. Köhler: „Wir profitieren von der Frequenz. Wir laden unsere Kunden ein, verteilen Gutscheine für das Café, oder die Kunden kommen einfach so vorbei auf Kaffee und Kuchen oder Snacks. Das Café hat zu den üblichen Öffnungszeiten auf. Der Betreiber hat drei Mitarbeiter. Wir sind überzeugt, dass dieses Café unseren Standort in Tübingen stärkt. Einkaufen wird immer mehr zum Spaßfaktor - bummeln, einkaufen und dann einkehren. Wir haben den Unterschied schon gemerkt, als wegen Corona alle Lokale geschlossen hatten. Etwa seit April haben wir wieder geöffnet und die Kunden haben sich sehr gefreut, wieder ins Café gehen zu können.“

Beispiel Husum: Hefeteilchen über den Dächern der Stadt

CJ Schmidt präsentiert sich als Modehaus für die ganze Region. Auf Ebene 7 befindet sich das Utsicht Café und Restaurant. Über den Dächern von Husum sollen Konsumentinnen und Konsumenten vom Frühstück bis zum Nachmittagskaffee mit Köstlichkeiten versorgt werden. Das Restaurant bietet auf 220 qm Fläche Platz für 215 Besucherinnen und Besucher. Besonders großen Wert lege man auf regionale Produkte, die größtenteils von Betrieben aus Nordfriesland bezogen werden, teilt das Unternehmen mit. Zu den Highlights gehöre traditionelles Hefegebäck nach einem mehr als 50 Jahre alten Rezept.

Mit Gastro aus der Vergleichbarkeit

Für Olaf Hohmann, Leiter Forschungsbereich Handelsgastronomie beim EHI, steht die Bedeutung von Gastro-Konzepten im Handel außer Frage. Allerdings: „Sie sind sehr stark abhängig vom Standort und den Zielgruppen, die erreicht werden sollen. Ein Mode- und Schuheinzelhändler muss sich im Klaren sein, welche Ziele er verfolgt. Wie kann ich mich vom Wettbewerber abgrenzen? Wie kann ich ein attraktives Angebot auf die Flächen bringen? Und mit welchen Angeboten kann ich mir gegenüber dem Onlinehandel einen Vorteil verschaffen? Die Gründe für ein Gastronomieangebot können vielfältig sein: Frequenzsteigerung, Verweildauer erhöhen, Kundenbindung und -gewinnung, Wohlfühlatmosphäre, um einige zu nennen.“ Auf großen Flächen ließen sich professionelle Gastro-Konzepte naturgemäß besser realisieren: „Engelhorn in Mannheim, Hentschel in Darmstadt, Breuninger mit Sansibar, L + T in Osnabrück oder auch Galeria in Düsseldorf - das sind fantastische Locations, teilweise mit Dachterrasse, aber auch eine hohe Investition für den Einzelhandel.“ Und spätestens seit Corona auch kein Selbstläufer mehr. „In den Jahren 2020 und 2021 gab es coronabedingt Einbußen von 30 bis 55% gegenüber 2019. Das war für viele Händler sehr frustrierend“, sagt Hohmann. „Jeder Einzelhändler, der sich zu einem Gastrokonzept entschließt, muss sich über die Kostensituation vor allem im Bereich Personal und Wareneinsatz im Klaren sein.“ Ein Beispiel für Gastro-Konzepte auf kleineren Flächen ist aus Sicht des Experten das hochwertigere H&M-Konzept Arket. „Arket hebt sich mit speziellen Food-Angeboten von den Mitbewerbern ab. Der Einzelhandel hat generell gute Chancen, wenn er etwas anzubieten hat, was die Kunden und Kundinnen woanders nicht bekommen.“ Grundsätzlich empfiehlt Hohmann: „Man kann eine Kaffeemaschine auf die Fläche stellen, sollte dann aber auch einen besonderen Kaffee nehmen. Es geht darum, Besonderheiten zu bieten wie eine spezielle Kaffeemischung, um aus der Vergleichbarkeit herauszukommen. Das Gastronomiekonzept muss zur DNA des Geschäfts passen. Vor allem sollte es individuell sein und nicht auf Mainstream ausgerichtet.“ Beispielsweise könne sich der Einzelhandel mit der lokalen Gastronomie oder Bäcker zusammentun, und täglich eine bestimmte Sorte Gebäck oder andere Produkte produzieren lassen, die es nur bei ihm gibt. „Wichtig ist es, aus der Vergleichbarkeit herauszukommen.“

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Nina Ungerechts / 27.05.2022 - 10:54 Uhr

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