Die Nachhaltigkeitsstrategie von Berkemann

„So nachhaltig wie möglich“

Firmensitz der Berkemann-Gruppe in einer repräsentativen Villa in Zeulenroda (Foto: Berkemann)
Firmensitz der Berkemann-Gruppe in einer repräsentativen Villa in Zeulenroda (Foto: Berkemann)

Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt die Unternehmen der Schuhbranche. Es gibt unterschiedliche Strategien, damit umzugehen. Bei Berkemann in Zeulenroda wählt man einen ganzheitlichen Weg. Ein Ortsbesuch in Thüringen.

Der Termin, bei dem die Nachhaltigkeitsstrategie von Berkemann beleuchtet werden soll, beginnt kulinarisch. Es ist Ende Juni. Thomas Bauerfeind, Chef der Berkemann-Gruppe, hat gemeinsam mit Markenleiter Michael Zoller auf die Terrasse des Bio-Seehotels Zeulenroda eingeladen. Hoteldirektor Marco Lange, gelernter Koch und langjähriger Küchenmeister, erklärt das Konzept des Hotels bei Bio-Käse, Gemüse aus der Region und Fleisch aus kontrolliertem Anbau. Lange ist ein glühender Verfechter der gesunden Küche. Seit 2006 ist im Seehotel alles Bio. Es gibt eine eigene Fleischerei und eine Bäckerei. Von Räucherspeck über Salami bis hin zu Brötchen und Torte entsteht alles hier, aus möglichst gesunden und möglichst regionalen Zutaten. So nachhaltig wie möglich ist auch die Energiegewinnung für das Hotel: So wird das Schwimmbad von einem eigenen Blockheizkraftwerk geheizt.

Das Hotel am See ist eine beliebte Destination für Menschen, die die Umgebung rund um den riesigen Stausee Zeulenrodaer Meer lieben und sich nach langen Spaziergängen in der Sauna oder bei Massagen entspannen wollen. Auch Vertreter der Schuhbranche kommen regelmäßig hierher: Im Bio-Seehotel findet einmal im Jahr das Bequemschuh-Symposium der Berkemann-Gruppe statt. Zuletzt trafen sich Handel und Industrie hier Anfang Mai.

 

Wachstum für Berkemann

Warum hier? Das Bio-Seehotel gehört der Bauerfeind AG, ein Spezialist für medizinische Hilfsmittel, Kompressionsstrümpfe und orthopädische Einlagen. Das Unternehmen, 1929 in Zeulenroda gegründet, hatte 1949 Ostdeutschland verlassen, war nach der Wende hierhin zurückgekehrt und hat sein Headquarter heute im weithin sichtbaren Bauerfeind Tower in Zeulenroda. Hans B. Bauerfeind, Enkel des Firmengründers, hatte 1999 das vom Abriss bedrohte Gebäude am Ufer des Stausees, wenige hundert Meter vom Bauerfeind-Stammsitz entfernt, übernommen. Er investierte Millionen und machte aus dem ehemaligen Erholungsheim des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes ein Hotel mit hochmodernem Wellness-Bereich.
1994 übernahm Bauerfeind den Gesundheitsschuh- und Einlagenhersteller Berkemann. Thomas Bauerfeind, Urenkel des Firmengründers, wurde Geschäftsführer des Schuhbereichs. 2007 wurde Berkemann ausgegliedert und bezog als eigenständiges Unternehmen einen neuen Standort in Zeulenroda; seit 2011 sitzt der Schuhhersteller auf dem großen Areal eines ehemaligen Zeulenrodaer Möbelfabrikanten, das Thomas Bauerfeind erworben hatte.

International aufgestellt

Zur Berkemann-Gruppe gehören heute unter anderem die Marken Solidus und Marc. Berkemann-Schuhe werden in Deutschland und seit 25 Jahren im eigenen Werk in Ungarn hergestellt, die Solidus-Fertigung befindet sich in Kroatien. Marc-Schuhe werden weltweit gefertigt, unter anderem in Portugal und Italien. Am Standort in Zeulenroda befinden sich Buchhaltung, Einkauf, EDV, Innendienst und Marketing für die Berkemann-Gruppe – Standort ist die Villa des Möbelfabrikanten, die mit edlen Parkettböden, Stuckdecken und holzgeschnitzten Treppengeländern an prachtvolle Zeiten erinnert. In den riesigen Hallen auf dem Werksgelände, wo früher Schrankwände für die DDR-Haushalte gebaut wurden, ist heute die Logistik für alle Marken des Unternehmens untergebracht. 85 Mitarbeiter sind bei Berkemann am Standort Zeulenroda beschäftigt, darunter sieben Auszubildende in fünf Berufen. Weltweit sind rund 800 Menschen für das Unternehmen tätig.

Nachhaltigkeit, wo immer möglich

Wie geht man bei Berkemann mit dem Thema Nachhaltigkeit um? Unternehmer Thomas Bauerfeind hat eine klare Haltung: Nur weil man mal eine ökologische Kollektion auf den Markt bringt, ist man noch lange nicht nachhaltig.“ Es ärgere ihn, wenn „irgendeine Spreu“ in eine Gummisohle eingemischt werde, wodurch der fertige Schuh am Ende Sondermüll sei. „Eine reine Gummisohle hingegen kann man in der Regel sauber trennen.“ Gerade die Marke Berkemann habe viele nachhaltige Produkte im Programm. „Wir wollen aber einen Schritt weitergehen“, betont Bauerfeind. „Uns geht es darum, ressourcenschonend auch für die nächsten Generationen zu arbeiten.“ Vor einigen Jahren habe man den Status Quo analysiert. In der Folge begann ein Transformationsprozess, der noch nicht abgeschlossen ist – schon jetzt aber könne man, davon ist Bauerfeind überzeugt, einige erfolgreiche Umstellungen vermelden. 

Das beginnt bei Holzpellets, mit denen die Gebäude geheizt werden. Von den Öfen im Keller des Headquarters wird die Wärme über Ringleitungen weitergeleitet. Im Konferenzraum der Villa befindet sich ein Kamin, der auf ein wassergeführtes System umgestellt wurde. An kalten Tagen in Herbst und Winter, wenn Holzscheite im Kamin entzündet werden, heizen sich diese Wasserkissen, die seitlich in den Kamin eingelassen sind, auf. Auch von hier aus wird Wärme in andere Räume des Gebäudes geleitet. LED-Leuchtmittel sparen Strom, wo immer möglich.

 

Energie sparen und Wärme speichern

Am Standort Zeulenroda befindet sich die Sohlenproduktion für die Marken Berkemann und Solidus. Etwa 90% der Sohlen für die Gruppe werden hier hergestellt. Die Produktion, für die teilautomatisierte Rundläufer im Einsatz sind, benötigt ständig Strom und Wärme. Allein die Sohlenformen müssen ständig auf Temperaturen zwischen 60 und 65 Grad gehalten werden. Darum wurde ein Blockheizkraftwerk installiert; ein weiteres ist in Planung. Die Abwärme aus der Sohlenproduktion wird zudem auch in die Lagerhallen der Logistik geleitet. Im dritten Quartal diesen Jahres ist eine Solaranlage geplant, mit der Berkemann seine Autarkie im Energiebereich weiter ausbaut. Der Krieg in der Ukraine und seine Folgen haben Thomas Bauerfeind in dem Vorhaben bestärkt, sich unabhängig zu machen: „Zunächst produzieren wir Strom. Die Wärme ist dabei ein Abfallprodukt, das wir ebenfalls nutzen“, berichtet der Unternehmer. „Aktuell sehen wir, dass der Strompreis durch die Decke geht, auch die Gaspreise steigen. Gas könnte zudem knapp werden. Das ist eine Aufgabe, die ich lösen muss.“ Preissteigerungen gebe es auch beim Holz – jedoch nicht in vergleichbarem Ausmaß. Unser System spart Energie und Geld. Es wäre verrückt, diesen Weg nicht zu gehen.“

 

Umweltschutz in allen Bereichen

Auch die vier Produktionsstätten in Ungarn arbeiten laut Bauerfeind so nachhaltig wie möglich. Alle sind mit Solarzellen bzw. Photovoltaik ausgestattet. Die Holzsohlen für die typischen Clogs des Unternehmens werden in Eigenregie gefertigt. Holzstaub und Splitter werden wiederum für die Heizung verwendet. Durch moderne Hard- und Software versuche man, so Bauerfeind, den Lederverschnitt so gering wie möglich zu halten. „Wir sparen uns so die Herstellung teurer Stanzmesser und verringern trotzdem den Lederverbrauch“, so der Unternehmer. Sowohl in Zeulenroda als auch in Ungarn setze man, wo immer möglich, auf die Reduzierung von Lösemitteln; auch der verwendete Klebstoff sei wasserbasiert. In der Sohlenproduktion komme wassergetriebenes PU zum Einsatz, lösungsmittelfreie Trennmittel würden für die Sohlenformen am Standort Zeulenroda verwendet. Dabei geht man auch ungewöhnliche Wege: Um die Sohlen lösungsmittelfrei zu reinigen, werden teilweise natürliche Strahlmittel verwendet; darunter gemahlene Walnuss-Schalen. Im Logistikbereich hat das Unternehmen laut Thomas Bauerfeind ebenfalls in vielen Bereichen nachhaltige Prozesse eingeführt. „Wir wollen kein Plastik“, stellt der Unternehmer klar. Das umfasse plastikfreies Füllmaterial, Papierklebeband, selbstklebende Etiketten und die Vereinheitlichung der Umverpackungen. Kartonagen werden mehrfach genutzt und befinden sich im Rundlauf zwischen Produktion und Lager. Durch die Produktion in Europa sind kurze Transportwege garantiert. Sohlen werden beispielsweise mit dem LKW nach Ungarn und Kroatien gefahren.

Regelmäßig werden bei Berkemann Energie-Audits durchgeführt. Durch Optimierung der Druckluftanlage soll es zu erheblichen CO2-Einsparungen kommen. Eine E-Fahrzeug-Flotte wird zusammen mit einem intelligenten Ladesystem sukzessive aufgebaut. Für den internen Transport, etwa zwischen Verwaltung und Logistikbereich auf dem Werksgelände, stehen Lastenfahrräder und E-Bikes zur Verfügung. Und nicht zuletzt soll der Asphalt auf dem Firmengelände, wo immer möglich, durch ein versickerungsfähiges Pflastersteinsystem ersetzt werden. Thomas Bauerfeind sieht sein Unternehmen auf einem guten Weg. „Wir erfüllen die geltenden EU-Standards. Das Liefer- kettengesetz stellt für uns kein Problem dar. Und wir werden weiter an unserem Nachhaltigkeitskonzept arbeiten.“ 

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Petra Steinke / 15.07.2022 - 12:10 Uhr

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