Schuhhaus Leininger nach der Übergabe

„Übernehmt nicht zu spät!“

Stefanie Naun hat das Geschäft ihrer Eltern übernommen – und nach ihren Vorstellungen neu gestaltet. (Foto: Schuhhaus Leiniger)
Stefanie Naun hat das Geschäft ihrer Eltern übernommen – und nach ihren Vorstellungen neu gestaltet. (Foto: Schuhhaus Leiniger)

Wie der Generationswechsel in einem Schuhhaus im Norden Bayerns funktioniert hat und warum zum Neustart auch der neue Auftritt gehört: ein Ortsbesuch in Marktheidenfeld.

Marktheidenfeld, zwischen Aschaffenburg und Würzburg im Norden Bayerns gelegen, ist ein idyllischer Ort: 11.000 Einwohner, ein Marktplatz, Sitzbänke und ein von Bäumen gesäumter Radweg entlang des Mains. Vor allem im Sommer kommen viele Gäste über diesen Radweg hierher. Im Ortskern ein Wiener Café, ein Weinhaus, ein Fleischer, ein Schreibwarenladen und ein Bettenfachgeschäft. Und mittendrin: das Schuhhaus Leininger. Marktheidenfeld hat ein großes Einzugsgebiet und verfügt über eine hohe Kaufkraft; im Umland haben sich mehrere große Unternehmen angesiedelt. Andererseits gibt es mit dem Outlet Wertheim Village einen starken Mitbewerber um die Gunst der Kunden. Schon 1826 eröffnet, hat das Familienunternehmen Leininger Anfang dieses Jahres einen Schritt in Richtung Zukunft getan: Mit Stefanie Naun übernahm die jüngste Generation der Unternehmerfamilie das Vollsortiment-Geschäft. Die neue Inhaberin sagt: „Ich wusste früh: Das ist meine Branche.“ Im Schuhgeschäft groß geworden, habe sie jedoch nie den Druck verspürt, mal das elterliche Unternehmen übernehmen zu müssen. „Ich bin ganz offen an die Berufswahl gegangen und habe geschaut, was sich so im Schuhbereich ergibt.“ Was sich ergab, war die Lehre zur Industriekauffrau beim Rosenheimer Schuhhersteller Gabor. Anschließend studierte Naun an der LDT Nagold und arbeitete zwei Jahre im Einkauf der Verbundgruppe SABU, deren Gründungsmitglied die Familie Leininger vor 70 Jahren gewesen war. Und sie half nebenbei immer wieder im Schuhhaus mit.

 

Der Schock der Pandemie

Stefanie Naun wurde Mutter; das Familienschuhhaus blieb ein fester Bestandteil in ihrem Leben. Dann kam die Pandemie. „Nach dem ersten Schock haben wir erst einmal angefangen, Ware an unsere Kunden auszuliefern. Wir haben unser Schaufenster jede Woche neu dekoriert, um möglichst viel Auswahl zu zeigen“, berichtet Naun. Vor der Tür wurde ein Tisch mit Klingel aufgebaut. Eine Bank vor dem Schuhhaus wurde zur Probierzone. Stammkunden – immerhin 80% der Menschen, die im Schuhgeschäft einkaufen – wurden per Whatsapp über neue Angebote informiert. Und als dann wieder geöffnet werden konnte, war die Freude groß: „Überall hieß es: Schön, dass Ihr wieder da seid!“ Und auch für sie selbst sei das Wiedersehen überwältigend gewesen, berichtet die Händlerin. „Der Kontakt zu unseren Kunden hat mir am meisten gefehlt.“ Alle Mitarbeiterinnen, die zwischenzeitlich in Kurzarbeit gewesen waren, kamen nach dem letzten Lockdown zurück. Allerdings traf die Familie die Entscheidung, das kleine Modegeschäft unweit vom Schuhladen, das sie sieben Jahre lang geführt hatte, zu schließen und dafür Textilien zum Schuhsortiment zu ergänzen.

 

Die Entscheidung

Irgendwann sei ihr klar geworden, sagt Stefanie Naun, dass sie das Schuhgeschäft übernehmen wolle. Trotz Corona und allen Unsicherheiten. Die Verantwortung sei ihr immer bewusst gewesen. Angst habe sie aber keine gehabt, sagt die 37-Jährige. Die Familie nahm Kontakt zum SABU auf: „Die Serviceberater aus Heilbronn haben mich gut begleitet, das war sehr hilfreich“, berichtet Stefanie Naun. Klar war ihr auch: „Wenn ich neu starte, dann möchte ich für den Laden auch einen neuen Auftritt.“ Bei der Planung des Umbaus halfen die Experten in Heilbronn ebenfalls. Das zuletzt im Jahr 2003 neu gestaltete Geschäft habe einen ordentlichen Refresh gebraucht. Also setzte man sich zusammen. Im Juli 2021 gab es erste Gespräche. „Ich habe erst gedacht, ein neuer Boden und eine neue Beleuchtung würden reichen – aber so kam es dann doch nicht. Wir haben den Laden komplett neugestaltet. Und heute muss ich sagen: Es war richtig. Ich fühle mich wohl in diesem Geschäft, es ist meins“, ist Stefanie Naun überzeugt. Im modern gestalteten Schuhgeschäft ist nun wieder ein engagiertes Team aktiv: vier Teilzeitkräfte, drei Aushilfen, Stefanie Naun und ihre Mutter. Dieser falle das Loslassen nicht so schwer, berichtet die Tochter. „Das Geschäft ganz zu schließen, das wäre für sie deutlich schlimmer gewesen.“

Der Umbau

Ziel des Umbaus war ein komplett neuer Look, wobei die Grundfläche von 180 qm nicht verändert wurde. Die vormals etwas separierte Kinderschuhabteilung rückte nach hinten. Dafür mussten Rutsche und Bällebad weichen. Wo es früher Kinderschuhe gab, ist heute das Textilangebot zu finden – Umkleidekabine inklusive. Ein neuer Vinylboden wurde verlegt. Stahl, Holz und Glas dominieren das Ladenlokal. Helle, kühle Farben, der grau melierte Boden und salbeifarbene Wände, lassen die Ware wirken. Neu gestaltet wurde auch die Theke, über der transparente Lampen für ein angenehmes Ambiente sorgen. Die Kinderschuhabteilung wurde mit dunkler Wandfarbe gestrichen, ähnlich wie die Tafel im Klassenzimmer. Darauf hat ein Künstler mit Kreide kindgerechte Kunstwerke gezeichnet. Die Präsentationsflächen und Regalwände im ganzen Laden sind flexibel und können je nach Bedarf variiert werden.

 

Familienunternehmen durch und durch

Zu den praktischen Aspekten des Schuhhauses gehört, dass es nicht nur Familienunternehmen, sondern auch Familienwohnhaus ist. Stefanie Naun wohnt mit ihrer Familie über dem Laden. Eine kleine Tür im Lager führt nach oben. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, schauen sie im Geschäft vorbei und gehen dann über die Treppe hoch. Und es kommt auch schon einmal vor, dass Schularbeiten in einer ruhigen Ecke im Laden erledigt werden. „Dass ich Familie und Beruf so miteinander vereinbaren kann, ist ein enormer Vorteil“, sagt die Händlerin. Auf der anderen Seite bedeute das für sie aber auch, immer präsent und ansprechbar zu sein: „Auch wenn ich mal frei habe, trage ich nie einen Jogginganzug – es könnte ja sein, dass ein Kunde beraten werden möchte.“

 

Die Herausforderungen einer Schuhhändlerin

Zu den größten Herausforderungen gehört für die Unternehmerin, immer die richtigen Schuhe zum richtigen Zeitpunkt im Geschäft zu haben. Was einfach klingt, ist tatsächlich bisweilen schwierig. Zunehmend erhöhe die Industrie den Druck: „Sie wollen Auf- träge schon früh in der Saison. Wenn ich dem nicht folge, wird mir die pünktliche Lieferung nicht garantiert.“ Auf der anderen Seite sehe sie die Lieferschwierigkeiten der Industrie, sagt Naun: „Wir haben im Januar fast ohne Schuhe eröffnet.“ Lediglich Ware von Gabor und Tamaris sei vorhanden gewesen. Der Wind sei rauer geworden, der Schuhhandel vergleichbarer. Und hinzu komme, dass immer mehr Marken dem Fachhandel den Rücken kehrten.

Auf Messen fährt die junge Händlerin „immer mal wieder“. Auch die Ambiente in Frankfurt hat sie schon besucht. Für die Order nutzt sie aber vor allem aber die SOCs in Nürnberg und Mainhausen. Sie wünscht sich kurze Wege und möglichst alles unter einem Dach. „Wenn ich die eine Marke nur in diesem SOC ordern kann und die andere nur im anderen, dann ist das für mich eher kompliziert.“ Dafür hat sie – Stichwort Stammkundenanteil – bei der Sichtung neuer Kollektionen oft eine Kundin oder einen Kunden im Kopf, für die oder den sie gezielt Schuhe kauft.

Die Chancen des Generationswechsels

Naun engagiert sich im Kreis junger Unternehmer des SABU. Dort sind etwa zwanzig bis vierzig junge Menschen aus dem Schuhhandel dabei, die entweder das elterliche Unternehmen übernehmen wollen oder es schon übernommen haben. Man trifft sich regelmäßig. „Mir sind die Gespräche und der Austausch sehr wichtig. Wir sprechen offen darüber, was gut läuft und wo es Probleme gibt.“ Hat Stefanie Naun einen Ratschlag an jüngere Generationen, die den Einstieg ins elterliche Unternehmen erwägen? „Übernehmt nicht zu spät. Macht es, wenn die Eltern noch fit sind.“ 

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Petra Steinke / 01.08.2022 - 13:07 Uhr

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