Industrie-Umfrage

Wann muss geordert werden?

Volatile Preise und keine Planungssicherheit. schuhkurier hat bei Herstellern gefragt, wie sie sich auf die komplizierte Produktion für die nächste Frühjahr/Sommer-Saison vorbereiten und in welchen Fällen der Einzelhandel sich auf frühere Ordertermine einstellen muss.

Order im Juli und August, Lieferung im Januar. Das Zusammenspiel aus Ordertermin, Lieferung und Saisonstart hat sich etabliert, doch lässt sich das angesichts von volatilen Preisen und unsicheren Liefer- und Lagersituationen für die nächste Frühjahr/Sommer-Saison durchhalten? Viele Schuhhersteller berichten davon, dass sie auf frühere Ordertermine angewiesen sind, weil sie wiederum früher Material und Lagerplatz ordern müssen, bevor sie teurer werden. „Wir brauchen dringend frühere Ordertermine, das heißt für H/W im Januar und für F/S spätestens im Juli. Wir brauchen mehr Zeit. Mir ist es wichtig, den Handel dafür zu sensibilisieren. Denn nur wenn früher geordert wird, können wir pünktlich zum Saisonbeginn Ware liefern“, mahnt Karim Choukair, Executive Partner bei Melvin & Hamilton. Dass die Schuhproduktion länger dauert, bestätigt auch Ara-Geschäftsführer Kresimir Zovak. Durch die weltweiten Störungen in den Lieferketten hat sich die Durchlaufzeit für die Schuhproduktion um 4-8 Wochen verlängert. Für Schuhe, die früh in der Saison benötigt werden, allen voran High Top-Sneaker, werde es bei Ara daher eine Vorabkollektion geben, die Händlerinnen und Händler ab dem 10. Juni ordern können. Nur wer zu dem Zeitpunkt ordert, könne garantiert bekommen, die Ware auch schon zu einem frühen Zeitpunkt in der Saison zu erhalten. Bei einer Order Ende August kann es durchaus bei einigen Artikeln zu Lieferterminen Ende März kommen.
Bei Waldläufer versucht man sich jetzt schon vorzubereiten, um dem Schuhhandel einen möglichst regulären Saisonablauf zu ermöglichen. Zuverlässigkeit sei in dieser Situation wichtiger als Vielfalt, deswegen werde die Kollektionsvielfalt etwas heruntergefahren, um dafür die Produktionskapazitäten besser koordinieren zu können. Waldläufer hat bereits neue zusätzliche Produktionsstandorte auf- und ausgebaut und führt diesen Prozess weiter fort, wie Sylvia Klemens, Verantwortliche für die Kollektionsentwicklung, zusammenfasst. Zusätzliche Läger für Vorräte im Leder- und Sohlenbereich werden angemietet und gefüllt, um im Ernstfall weiterhin produzieren zu können: „Wenn irgendwo irgendwas passiert, muss man in der Lage sein, umlagern zu können.“ Auch wenn die Hersteller stark ins Risiko gehen und extrem früh Materialien ordern müssen, müsse man auch Verständnis für die Situation der Händlerinnen und Händler haben, nicht noch früher ordern zu können. 
Friedrich Lüning, CEO von Apple of Eden, hält es daher nicht für sinnvoll, den Handel zu einer früheren Order bewegen zu wollen. Schließlich müssten diese auch erst einmal abwarten, wie sich das Kundenverhalten entwickelt: „Wir halten es in der momentanen Situation für wenig konstruktiv, die Kunden darum zu bitten, eine Order möglichst früh zu platzieren.“ Stattdessen müssten Händlerinnen und Händler im komplizierten Marktumfeld selbst entscheiden können, wann es ihnen möglich ist, die Ware zu ordern. Auch Joya hat sich frühzeitig darauf vorbereitet, die Produktion flexibel anpassen zu können: „Wir selbst produzieren in Südkorea, ein Land, welches zum Glück aktuell von der Pandemie verschont geblieben ist“, berichtet Geschäftsführer Claudio Minder: „Knapp sind einzig gewisse Rohstoffe und spezielle Materialien, welche wir ebenfalls von Drittpartnern beziehen. Wir sind aber zum Glück so aufgestellt, dass unser Team vor Ort auf Lieferanten in anderen Ländern zugreifen kann und jeweils blitzschnell entscheidet, den Beschaffungskanal zu verändern.“

Hersteller kämpfen mit steigenden Preisen

Die steigenden Preise setzen die Hersteller zunehmend unter Druck, wie es bei Gabor heißt. „Die Beschaffungspreise steigen weiter beständig, zum Teil sehr deutlich. Alle Komponenten sind betroffen. Auf Rohöl basierende Komponenten wie zum Beispiel Bodenteile, aber auch Papier und Pappe sind besonders stark steigend“, ordnet Kommunikationsleiter Markus Reheis ein. Wie Ara setzt auch Gabor auf Kapselkollektionen mit Produkten, die mehr Vorlaufszeit benötigen, um Preise und Lieferzeit besser kontrollierbar zu halten. Ara will den volatilen Preisen auf dem Weltmarkt will mit einer Mischkalkulation begegnen. Die Preise der Bestandsware sollen soweit möglich überhaupt nicht oder nur minimal erhöht werden, bei neuen Modellen gebe es etwas mehr Spielraum. „Problematischer wird es bei einigen wenigen Artikeln in Eckpreislagen, welche vorher schon sehr knapp kalkuliert waren. Hier können wir die gestiegenen Kosten nicht mehr auffangen und müssen die Preise dann eine Preislage erhöhen. Bei diesen Artikeln werden wir die Handelsspanne für den Handel gleichzeitig erhöhen und versuchen, den höheren Preis mit Innovationen zu rechtfertigen“, so Zovak, der angibt, dass Verkaufspreise der Schuhe durchschnittlich um rund 5 Euro steigen werden. Zwar produziert Ara rund 90% der Schuhe im eigenen Werk in Portugal, doch auch hier kommen einige wenige Komponenten der Schuhe aus Fernost. Da die steigenden Preise nicht zu verhindern sind, müsse man die Belastung auf alle Teilnehmer der Lieferkette vom Rohstoffproduzenten bis zum Händler und Endverbraucher verteilen, ist Nelson Gomes von Apple of Eden überzeugt. Wenn jeder ein bisschen mehr bezahle bzw. auf einen kleinen Teil der Marge verzichte, sei es für jeden noch leistbar. Die Preise für den Endverbraucher ins Unermessliche zu erhöhen, damit jeder seine gewohnte Marge bekommt, führe am Ende dazu, dass das Produkt gar nicht gekauft wird und niemand Umsatz mit dem Schuh macht. 

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Christopher Mastalerz / 05.05.2022 - 15:04 Uhr

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