Portrait: Think! Shoes

Warum Martin Koller keine Kunst machen will

Martin Koller, Gründer und Geschäftsführer von Think! (Foto: Think!)
Martin Koller, Gründer und Geschäftsführer von Think! (Foto: Think!)

Als Pionier startete Think! vor über 30 Jahren mit nachhaltigen Schuhen. Als Trendsetter sehe man sich jedoch nicht, sagt Geschäftsführer Martin Koller. Ihm gehe es um ehrliche Produkte.

Martin Koller war Mitte 20, als sein berufliches Leben eine neue Richtung nahm. Der Ur-Ur-Enkel einer Schuhfabrikanten-Familie aus Österreich stand 1990 vor der Frage, ob er das auf Herrenschuhe spezialisierte Familienunternehmen weiterführen sollte wie bisher oder ob ein anderer Weg mit neuer Strategie und neuen Produkten eingeschlagen werden müsste.
Er entschied sich für letzteres. „Ich habe mich damals gefragt: Was willst Du in Deinem Leben wirklich machen? Wenn Du Schuhe nur für Dich selbst fertigen würdest, wie würden sie aussehen? Welche Materialien würdest Du verwenden?“ Das war die Ausgangsbasis für Think! Die neue Marke war damals Pionier im Bereich nachhaltiger Schuhe aus vegetabil gegerbtem Leder. „Aber nicht, weil wir einen Trend erkannt haben, den wir für uns nutzen wollten. Sondern weil wir das für richtig und sinnvoll hielten. Daran hat sich bis heute nichts geändert“, stellt Firmenchef Koller klar.
Christoph Mayer, stellvertretender Leiter der Produktentwicklung, bringt die Philosophie des Unternehmens auf den Punkt: „Think!-Schuhe müssen sich gut anfühlen, nicht nur an den Füßen, sondern auch im Kopf. Das Gesamtpaket muss stimmen.“ Dinge, die gesund sind, müsse man schön verpacken, schildert Martin Koller. „Wenn das Endprodukt für die breite Bevölkerung zu speziell ist, dann ist es vielleicht ökologisch, aber man erreicht die Menschen damit nicht. Wir waren schon immer der Meinung, dass man maximal ökologisches Denken und das, was die Konsumentin will, in eine Balance bringen muss.“ Dieser Philosophie hat sich Koller verschrieben, mit Leib und Seele: „Ich könnte ohne das hier nicht sein. Und einen Job würde ich nie machen. Für mich ist es ein Beruf, und das kommt von Berufung.“

Während Think! viele Jahre lang weitgehend Einzelkämpferund Nischenanbieter auf dem Gebiet nachhaltiger Schuhe war, ist dieses Segment heute in der breiten Gesellschaft angekommen und beschäftigt alle Unternehmen der Schuhbranche. „Andere entdecken gerade das Thema Nachhaltigkeit für sich. Bei Think! war das schon immer Standard“, berichtet Christoph Mayer. Produziert werden die Schuhe der Marke ausschließlich in Europa (Ungarn, Rumänien, Bosnien, Italien). Auch die Materialien werden weitestgehend von Lieferanten auf dem Heimatkontinent bezogen. Und das bezieht sich auf sämtliche Schuhe der Marke. Verarbeitet wird pflanzlich gegerbtes Leder, und auch bei den Komponenten wird auf Nachhaltigkeit größter Wert gelegt. „Es ist unsere DNA, wir machen nichts anderes“, betont Koller. Die Ausrichtung auf ökologische Produkte engt in manchen Bereichen ein, denn nicht jedes Material ist für Think!-Schuhe verwendbar. Das sieht der Firmenchef als Chance: „Wer als Koch Zugriff auf alle Zutaten hat, kann relativ einfach ein tolles Gericht kreieren. Wenn man aber nur fünf Zutaten verwenden kann und daraus sogar noch ein besseres Gericht zaubern will, dann ist das eine große Aufgabe.“ Ausdrücklich sollen die Schuhe aus Kopfing lange getragen werden. Und sie können bei Bedarf zum Unternehmen geschickt und dort repariert und aufbereitet werden. Pro Jahr werden bis zu 1.000 Paar Schuhe so runderneuert – und danach weiter getragen.

Laut Christoph Mayer sind fast alle Think!-Produktionsstätten Fairwear-auditiert. 30 Modelle der Kollektion sind mit dem Österreichischen Umweltzeichen und dem Blauen Engel ausgezeichnet. Wünschen würde er sich ein einheitliches und übergreifendes Siegel für nachhaltige Schuhe: „Neben dem Grünen Knopf wäre ein Grüner Schnürsenkel toll. Daran könnten sich die Verbraucher gut orientieren.“

Das Design von Think! hat einen individuellen Touch, soll aber immer auch gefällig sein. „Wir machen keine Kunst, keine Schuhe nur um der Optik willen. Sie sollen schön sein und gut passen“, stellt Koller klar. Dafür, dass die Optik auch den Wünschen der Kunden entspricht, sorgt ein strenges Test-Regiment in Kopfing: „Ich habe eine Ehefrau, drei Schwestern und eine Mutter. Von ihnen und den Mitarbeiterinnen im Unternehmen bekomme ich immer ein ehrliches Feedback. Sämtliche neue Entwicklungen müssen immer auch einen Praxistest bestehen. Wenn ein Modell dabei durchfällt, wird es schwerlich in die Kollektion aufgenommen.“

Herausforderungen durch Corona

Die Corona-Pandemie stellte auch das Think!-Team vor neue Herausforderungen. „Ich leide körperlich mit unseren Kunden im Handel, die so viele schöne Schuhe gekauft haben und mit Lockdowns und sinkenden Frequenzen zu kämpfen haben“, blickt Koller zurück. Das Unternehmen sei „sehr stabil“ durch die Krise gekommen; dafür sei er dem Fachhandel dankbar. „Wir haben gemerkt, wie sehr die Händler hinter uns standen, wie treu und loyal sie waren. Diese Partnerschaft ist unglaublich wichtig für uns.“

Über Think!

Think! ist eine Marke von Legero United. Unter dem Dach des Unternehmens mit rund 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus über 42 Nationen und Headquarter in Graz, Österreich werden neben Think! auch die Kollektionen für die Marken Superfit und Legero gefertigt und in über 40 Länder vertrieben. Legero United hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 CO2 neutral zu sein. Nachhaltigkeit sei dabei mehr als eine ökologische Säule, sondern umfasse ebenso soziale Gerechtigkeit, faire Produktionsbedingungen und ökonomisches Wirtschaften. Mit der unternehmensweiten Legero United Nachhaltigkeitsagenda, kurz Luna genannt, wird Nachhaltigkeit in allen Bereich konsequent vorangetrieben.

Das Unternehmen nimmt an einer Reihe von wichtigen Branchen-Initiativen teil. So hat man sich zur Mitgliedschaft am HIGG-Index verpflichtet, der die Nachhaltigkeit entlang der gesamten Lieferkette bewertet und Hinweise für wichtige Maßnahmen gibt. Legero United ist außerdem Mitglied der CADS-Initiative, einem Zusammenschluss der größten deutschsprachigen Schuhhersteller und deren Lieferanten, und arbeitet zudem bevorzugt mit Lederlieferanten, die von der Leather Working Group LWG zertifiziert werden. Ebenso hat sich das Unternehmen verpflichtet, an der Science Based Targets initiative (SBTi) teilzunehmen und seine Standorte sukzessive der EMAS-Zertifizierung zu unterziehen. Aktuell sind 36 Artikel des Unternehmens Legero United mit dem Österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet und 22 mit dem Blauen Engel. „Bei all unseren Entscheidungen und Aktivitäten berücksichtigen wir stets die damit verbundenen ökologischen und sozialen Auswirkungen“, heißt es von seiten des Unternehmens. „Unser Ziel ist es, den Verbrauch von Materialien, Wasser und Energie an all unseren Standorten zu miniminieren, den Einsatz erneuerbarer Energie zu forcieren, Abfall konsequent zu trennen und wenn möglich einer Wiederverwertung zuzuführen und die Emissionen in Luft, Wasser und Boden möglichst gering zu halten.“

Dieser Artikel ist in schuhkurier Ausgabe 4, Schwerpunkt Nachhaltigkeit, erschienen.Hier geht es zum ePaper der Ausgabe

Login für Abonnenten
Sie möchten alle Inhalte lesen?
  • Website-Login
  • E-Paper-Zugang
  • Alle Newsletter
Petra Steinke / 30.01.2022 - 17:50 Uhr

Weitere Nachrichten

Zur Fashion Revolution Week sollen bei Deuter die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Fabriken im Mittelpunkt stehen. Long Anh Tuan arbeitet als Schneider. (Foto: Deuter)

Deuter und die Revolution

Statement

Deuter möchte auf die soziale Verantwortung der Textilindustrie aufmerksam machen und macht auf die Initiative Fashion Revolution Week aufmerksam.