„Alle schätzen den Wert“

Warum Scheer pro Jahr nur 300 Paar Schuhe fertigt

Mitten in Wien: Das Taditionsunternehmen Scheer. (Foto: Scheer)
Mitten in Wien: Das Taditionsunternehmen Scheer. (Foto: Scheer)

Viel Liebe fürs Handwerk, das Material Leder und die Tradition verbindet Markus Scheer in Wien mit der Vergangenheit seines Familienunternehmens. Schaffenskraft und Kreativität sollen es in die Zukunft bringen.

Wer bei Scheer in Wien vorbeischaut, kommt nicht drum herum, die Geschichte des Ortes und des Unternehmens wahrzunehmen. Kaiserlichkönigliche Leisten begrüßen den Besucher in ihren Vitrinen. Urkunden und Auszeichnungen vergangener Schuhmachermeister hängen an der Wand. „Wir sind eine Erfolgsgeschichte in der siebten Generation“, schmunzelt der aktuelle Unternehmens-Chef Markus Scheer angesichts von so viel Geschichte. Scheer ist ausgebildeter Schuhmachermeister und Orthopädieschuhmeister – und hat sich der Aufgabe angenommen, das Familienunternehmen ein Stück weiter in die Zukunft zu führen. Sein Ziel dabei: die seit Generationen perfektionierte Handwerkskunst weiter voranzutreiben. Er fühle sich dem Bestreben seiner Vorfahren nach Gesundheit, Schönheit und Design verpflichtet, so der Unternehmer, der im firmeninternen Sprech als „Repräsentant“ bezeichnet wird. Der Gedanke hinter einer einzelnen Person an der Spitze sei so genial wie einfach: Bereits kurz nach der Gründung gab ein Generationenvertrag der Gründer zukünftigen Generationen vor, dass die Eigentumsverhältnisse nicht streuen sollten. „Unternehmen wie das unsere müssen einen hohen Grad an wirtschaftlicher Kompetenz haben, sonst ist die Kunst nicht erlaubt“, erklärt Scheer. Man habe deshalb schon immer versucht, aus Ideen Kapital zu schlagen.

Das neuste Projekt der Firma ist „Scheer Welt“. Neben Taschen und Führungen durch das Stammhaus in der Wiener Innenstadt bietet Scheer auch Interieur-Beratung sowie Designobjekte, in denen sich die Geschichte des Unternehmens widerspiegelt. Im Fokus des Unternehmens steht jedoch wie in den Jahrhunderten zuvor der Fuß. „Wir haben es mit einem unglaublich intimen Körperteil zu tun, manchmal kennen wir den Menschen vor uns besser als er sich selbst“, sagt der Orthopädieschuhmeister. Das sei auch der Grund, weshalb das Unternehmen seit seiner Gründung 1816 ein ausgesprochen kritisches Auge auf die verwendeten Materialien wirft. „Für uns kommen aktuell nur rund fünf Lederproduzenten in Frage, die unseren Qualitätsansprüchen genügen“, erläutert Scheer. „Darunter sind Unternehmen, die uns teilweise seit Generationen begleiten und unsere Zusammenarbeit als Anlass nehmen, ihre eigene Qualität kritisch zu hinterfragen.“

Aus Liebe zum Leder

Das Ziel von Markus Scheer ist es, den Menschen die Liebe zum Leder zu vermitteln. „Wir haben seit Jahrtausenden eine enge Beziehung zu Tieren, die in den vergangenen Jahrzehnten leider stark gelitten hat. Unser Auftrag ist es, diese Liebe zur Haut wieder zu wecken“, erklärt er. Dabei setzt das Unternehmen nach eigenen Angaben die Haut von zwischen 15 bis 20 unterschiedlichen Tierarten ein – Exoten wie Büffel, Elefant und Krokodil mit eingeschlossen. „Das sind sehr charakterstarke Qualitäten. Aber man muss es mögen.“ Es gebe immer noch den ein oder anderen Kunden, der exotische Leder für seine Schuhe wünsche. „Wir versuchen, daraus ein Produkt zu machen, welches möglichst lange hält. So erhält es seinen Wert.“ Zeit ist generell ein Faktor, der in der Werkstatt von Markus Scheer und seinem Team eine nicht unwesentliche Rolle spielt. „Die Kunden reservieren unsere Hände. Die Fertigung eines Schuhs dauert circa sechs Monate“, erklärt der Inhaber. Da alle Kunden ins Geschäft nach Wien kommen müssen, kann die Fertigung der Schuhe gerne auch einmal länger dauern als ein halbes Jahr. „Das gilt besonders für unsere Kunden im Ausland, die nicht einfach so nach Wien reisen können“, erzählt Scheer.

Von den rund 300 Schuhen, die pro Jahr das Geschäft verlassen, gehen rund die Hälfte an ausländische Kunden. „Zwar haben wir weltweit Kunden, aber der größte Teil stammt aus dem europäischen Ausland.“ Und wer kauft Schuhe bei Scheer? „Alle“, schmunzelt der Familienunternehmer: „Arm, reich, jung, alt. Alles, was man sich vorstellen kann. Vom Sammler bis zum Einzelpaarkäufer sind sie alle vertreten. Alle schätzen den Wert.“

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Laura Klesper / 25.02.2022 - 12:13 Uhr

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