Liegestütz, wenn die Füße schmerzen?

Was ein Sportmediziner zu Bequemschuhen sagt

Sportwissenschaftler Dr. Dr. Homayun Gharavi aus Lüneburg bei seinem Vortrag während des Bequemschuh-Symposiums in Zeulenroda. (Foto: Volkmar Heinz)
Sportwissenschaftler Dr. Dr. Homayun Gharavi aus Lüneburg bei seinem Vortrag während des Bequemschuh-Symposiums in Zeulenroda. (Foto: Volkmar Heinz)

Mit seinem Vortrag auf dem Bequemschuhsymposium in Zeulenroda ging Arzt und Sportwissenschaftler Dr. Dr. Homayun Gharavi die Thematik weiträumig und erfrischend provokativ an.

„Da bist du platt. Über Reduktion und Immersion der Fußfunktion – ein systemtheoretischer Ansatz zur Funktion der Füße im Gefüge des Gesamtsystems menschlicher Körper“ hatte der Inhaber einer privatärztlichen Praxis für Sportmedizin und Sportlerbetreuung in Lüneburg seinen Vortrag genannt. Sein Ausgangspunkt: Ein Viertel aller Knochen gehört zu den Füßen, deshalb bilden die Füße auch die wichtigste Ebene, um den Menschen in Funktion zu halten. Einige von Gharavis Thesen in Stichworten:

„Unser Körper ist auf Vielfalt angewiesen, auch auf die in der Bewegung. Das ist es allerdings, was uns anregen sollte, den Zustand der Bequemlichkeit kritisch zu betrachten.“ Zwar meinte er damit wohl weniger, man möge hochhackige oder zu enge Schuhe bevorzugen, aber er fand dennoch einen direkten Bezug zum Symposium: „Was wir hier tun – stundenlang nahezu regungslos auf Stühlen sitzen – ist krank.“ In Taiwan zum Beispiel würden die Teilnehmer einer solchen Veranstaltung am Boden hocken und ihre Position regelmäßig ändern. Dabei werde der Körper nicht geschont, sondern die Muskeln vielfältig angespannt und die Faszien immer wieder anders gedehnt. Als amüsanten Denkanstoß zeigte er ein auf einer asiatischen Toilette angebrachtes Piktogramm. Es fordert die Nutzer auf, sich nicht wie gewohnt hinzuhocken, in diesem Fall auf also den Beckenrand, sondern sich wie auf einem Stuhl zu setzen. „Das ist genaugenommen die Bitte um eine der Natur des Menschen widersprechende Position.“

„Wir sollten dem Schmerz nicht aus dem Wege gehen, sondern ihn als Kompass auf der Suche nach dessen Ursachen verstehen. Doch meistens beginnt der Teufelskreis aus Schmerz, Schmerzvermeidung, Bewegungshemmung und dann der Verstärkung der Schmerzursachen. Jetzt kommen Sie und verpassen dem Kranken zu alledem noch einen bequemen Schuh.“ Dies sei, sofern es eine isolierte Maßnahme bleibt, kontraproduktiv. Das maskiere den Schmerz nur.
Nun mochte mancher denken, der Berater erfolgreicher Sportler habe gut reden. Seine Patienten sind jung, athletisch, hochmotiviert und selten multimorbid. Doch anhand einiger Video-Beispiele aus seiner Praxis bewies Gharavi, dass das so nicht stimmt: Eine über Achtzigjährige erlernte anhand einer Art elastischer Schaukel, wieder in die Hocke zu gehen. Ein Mann – „den ich sozusagen vom OP-Tisch gerissen hatte“ – stieß während einer Fußmassage zwar Schmerzensschreie aus, „aber die dort völlig verklebten Faszien waren eine wesentliche Ursache seiner Hüftprobleme.“ Und schlussendlich zeigte das Video einen Patienten, der unterstützt von einer Schlinge im flachen Handstand auf seinen Händen ging. Die Umkehrung der Kraftachse trainiere die Wahrnehmung des Bodenkontaktes nunmehr mit den Händen, was die Sinne auch für die Füße stärken solle. „Wenn Sie mit einem Schmerz zu einem guten Physiotherapeuten gehen“, so verriet der Referent eine Faustregel, „wird der Experte die eigentlich schmerzende Stelle nur behutsam ertasten und seine Behandlung stattdessen meist an einem anderen Körperteil beginnen.“ 

„Prävention funktioniert nur problemorientiert. Wer sich scheut, mit einem möglichen Problem zu drohen, erzeugt keine Motivation.“ Der Arzt sei hier oft der falsche Ansprechpartner. Denn ohne ein bereits existierendes Problem kann der, im aktuellen (Gharavi nannte es Krankheits-)System eigentlich nicht aktiv werden. „Die moderne Medizin kann mit Gesundheit nicht viel anfangen. Die Physiotherapie oder besser der Trainer hingegen umso mehr.” Hinzu komme, so der Redner, dass Beschwerden nie einzeln auftauchen. Wenn ein einzelner Schmerz beklagt wird, erkennt kaum ein Mediziner das Wechselspiel zwischen einzelner Zelle, Symptom und dem ganzen Menschen – deshalb der Vortragstitel Reduktion und Immersion. „Bei orthopädischen Symptomen sprechen Sie zuerst mit dem Gesundheitsexperten in einem Fitnessstudio oder mit Ihrem Physiotherapeuten und schicken Sie Ihre Kunden und Patienten ebenfalls dorthin.“  

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Marlis Heinz / 02.06.2022 - 15:19 Uhr

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