Verkehrsberuhigte Friedrichstraße

Was wurde aus der Flaniermeile?

Ein Abschnitt der Friedrichstraße wurde zur autofreien Zone erklärt. Radwege und eine gute Bahnanbindung sollen dafür sorgen, dass die Flaniermeile gut erreichbar bleibt. (Foto: Unsplash/www.reiseuhu.de)
Ein Abschnitt der Friedrichstraße wurde zur autofreien Zone erklärt. Radwege und eine gute Bahnanbindung sollen dafür sorgen, dass die Flaniermeile gut erreichbar bleibt. (Foto: Unsplash/www.reiseuhu.de)

Im August 2020 wurden die Autos aus einem Abschnitt der Berliner Friedrichstraße verbannt. Wie hat sich das auf die Frequenzen ausgewirkt? Stadt und Handel ziehen Bilanz.

Statt Staus und Verkehr Pflanzen am Wegesrand und ein separater Fahrradweg. Mit der Verbannung der Autos auf der Friedrichstraße zwischen der Französischen Straße und der Leipziger Straße sollte die Hauptstadt mehr Lebensqualität in ihrem Zentrum hinzugewinnen. Als Treffpunkt und „Flaniermeile“ sollte auch die Frequenz gesteigert werden, was wiederum zu mehr Kundschaft im Einzelhandel führen sollte. Doch viele Händler sind unzufrieden und auch Berliner Bürgermeisterin Franziska Giffey meint, dass man nicht von einer „Flaniermeile“ sprechen könne: „Ich bin – so wie es im Moment ist – nicht zufrieden. Ich höre von Gewerbetreibenden, dass sie weniger Kundschaft haben. Wir haben als Weltstadt die Verantwortung, die Friedrichstraße so zu gestalten, dass Menschen angezogen werden“, erklärte sie im 100-Tage-Interview mit dem Radiosender Spreeradio 105,5.
Auch gegenüber schuhkurier gab es unzufriedene Stimmen aus dem Handel. Zwar seien die Frequenzen aufgrund der Lockdowns und der Pandemie nicht komplett auf die Straßensperrung zurückzuführen, doch der Versuch, Menschen mit weniger Verkehr und mehr Lebensqualität in die Straße zu locken, sei nicht aufgegangen. „Der Plan ist nach hinten losgegangen. Es hat sich für die Aufenthaltsqualität auf der Friedrichstraße eigentlich wenig verändert“, schildert ein Verkäufer eines Schuhgeschäftes auf der Friedrichstraße: „Statt Autofahrer sind jetzt Fahrradfahrer auf der Fahrbahn, die wenig Rücksicht auf die Fußgänger nehmen. Der Straßenabschnitt ist eine Radrennbahn geworden.“ Entspannt von Straßenseite zu Straßenseite zu flanieren sei also immer noch nicht möglich. Es seien zwar auch viele Kundinnen und Kunden mit dem Auto angereist, doch der Straßenabschnitt ist auch sehr gut an die U-Bahn angeschlossen, sodass der Verkäufer die Idee einer verkehrsberuhigten Zone nicht grundsätzlich unsympathisch findet: „Es ist eigentlich eine schöne Sache. Ich weiß nicht, ob zum Beispiel eine reine Fußgängerzone besser für die Frequenz wäre als früher, aber es wäre definitiv eine bessere Lösung als jetzt.“
Es gibt jedoch auch positive Stimmen aus dem Handel. „Für mich fällt die Umstellung sehr positiv aus“, berichtet beispielsweise Ute Leder, selbstständige Storebetreiberin von Joe Nimble an der Friedrichstraße. Die höhere Lebensqualität habe sich positiv auf Frequenz und Verweildauer ausgewirkt: „Unsere Stammkunden berichten, dass sie nun gerne ohne Auto kommen, um nach dem geplanten Einkauf über die Friedrichstraße zu schlendern. Die Verweildauer der Laufkundschaft ist auch gestiegen.“ Gewerbetreibende hätten nun die Möglichkeit, auf der freigewordenen Flaniermeile Vitrinen aufzustellen und Kundinnen und Kunden erzählen Ute Leder fast täglich, dass sie dadurch auf den Joe Nimble-Store aufmerksam geworden sind.

 

Statistische Auswertung

Nun hat der Umweltsenat der Stadt Berlin die Auswirkungen der Verkehrsberuhigung auf die Frequenzen untersucht und kommt zu einem grundsätzlich positiven Ergebnis, was die Frequenz auf der Straße angeht. Im Vergleich zur Fußgängerfrequenz vor der Verkehrsberuhigung wurde am 26.11.2020 – kurz nach der Sperrung – noch eine niedrigere Frequenz gemessen. An den Stichtagen 2021 am 12.08. und 16.09. war jedoch bereits eine deutlich höhere Frequenz messbar. Unter den Passantinnen und Passanten geben 82% an, eine dauerhafte Verkehrsberuhigung zu befürworten. Im Senatsbericht wird aber auch ein eher negativer Einfluss auf den Handel sichtbar. Von 17 Gewerbetreibenden gaben neun an, keinen Unterschied bemerkt zu haben, sieben hätten negative Auswirkungen festgestellt und ein Unternehmen habe nun mehr Kundschaft als zuvor. Auch das Analyseunternehmen Whatalocation hat die Auswirkungen des verkehrsberuhigten Straßenabschnittes auf die Frequenzen untersucht und konnte erheben, dass sich die Frequenz seit der Autosperre leicht erholt. Im ersten Quartal des aktuellen Jahres wurden im Straßenabschnitt durchschnittlich täglich 31.432 Aktivitäten gemessen. Der Tagesdurchschnitt im ersten Quartal des Jahres 2019 betrug 30.333 Aktivitäten. „Das Ökosystem der Friedrichstraße lebt“, stellt CEO Henning Haltinner in einer Präsentation der Ergebnisse grundsätzlich fest. Tendenziell kommen auch mehr Menschen zum Konsumieren und Verweilen zur Straße. Beim Vergleich der Besuchergruppen nach Verweildauer steigt der Anteil derer, die 60 bis 240 Minuten bleiben, also vermutlich zum Bummeln und Shoppen kommen und gleichen die sinkende Anzahl an Langzeitbesuchern aus – vor allem Büroangestellte, die nun im Homeoffice sind.
Festgestellt wurde dabei auch, dass nun mehr Berliner und weniger Auswärtige kommen, was eventuell auch die Unzufriedenheit im Handel erklären könnte, ordnet Haltinner ein. Es verweilen zwar wieder mehr Menschen in der Friedrichstraße, es sind aber andere Personen mit einer anderen Kaufkraft: „Wir konnten aufzeigen, dass Leute kommen und sie auch länger bleiben, aber es kommen jetzt andere Menschen in das Quartier, die unter Umständen eine andere Kaufkraft mit sich bringen, wenn auch nicht zwangsläufig eine geringere.“ Möglicherweise geben die Besucher eher Geld für Speisen und Kultur aus als für Schmuck, Kleidung und Schuhe. Das müsste in weiteren Analysen herausgearbeitet werden.

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Christopher Mastalerz / 17.05.2022 - 12:06 Uhr

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