„Zwischen Resignation und Schockstarre“

Wie fühlen wir uns?

Stephan Grünewald, Gründer des Rheingold Instituts. (Foto: Rheingold Institut)
Stephan Grünewald, Gründer des Rheingold Instituts. (Foto: Rheingold Institut)

Die Deutschen fühlen sich angesichts des Kriegs in der Ukraine ohnmächtig und blicken wie paralysiert in den Abgrund. Zu dieser Einschätzung kommt das Rheingold Institut in einer aktuellen Studie.

Während die Politik Entschlossenheit und Tatkraft zeigt, fühlen sich viele Bürger ohnmächtig und blicken wie paralysiert in den Kriegs-Abgrund. Die Krisenpermanenz wächst sich zur albtraumhaften Dauerschleife aus. Dabei haben die Menschen das schwindelige Gefühl, dass ihnen der Boden unter den Füssen entzogen wird. Ihre Kriegs- und Untergangsängste kontrastieren dabei mit ihrem wie gewohnt funktionierenden Alltag und verleihen der Situation so eine Unwirklichkeit: „Ich fühle mich, als wäre ich Teil einer schlechten Serie.“ Dies ist das Ergebnis einer tiefenpsychologischen wie auch quantitativen Untersuchung des Kölner Rheingold-Instituts, das seit Anfang der Pandemie die Verfassung der Menschen intensiv und kontinuierlich untersucht. Anlässlich des Krieges in der Ukraine wurde die Studie aktuell um dieses Thema erweitert.

Ein wenig Zuversicht spenden die Einigkeit der Weltgemeinschaft, die Handlungsfähigkeit der europäischen und deutschen Politik und der als heldenhaft empfundene Mut der Ukrainer, insbesondere ihres Präsidenten. Trotzdem gleicht die Befindlichkeit der Deutschen einer Schockstarre – „sie fühlen sich paralysiert wie das Kaninchen vor der Schlange“, sagt Stephan Grünewald, Gründer des Rheingold Instituts. Mit unterschiedlichen Strategien werde versucht, der Ohnmacht zu begegnen. Dazu gehörten zum Beispiel Solidaritätsbekundungen, Hilfsbereitschaft, Ablenkungsmanöver oder ständiges Updaten der Nachrichtenströme. Die extremen Ohnmachtsgefühle verstärkten die Zermürbtheit, die die Menschen nach zwei Jahren Pandemie empfinden würden. Jenseits der Kriegsangst reagieren die Deutschen laut der Studie zunehmend resigniert, antriebslos und entnervt auf ihre Lebensumstände und haben trotz Lockerungstendenzen den Wunsch verloren, zu ihrem früheren Leben zurückzukehren. In einer Art Enttäuschungs-Prophylaxe dampfen viele ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse ein, üben sich in Genügsamkeit und verharren in einer Abwarte-Haltung.

„Mitunter klingen die Befragten so, als befänden sie sich in einem Zustand der Melancholie. Sie fühlen sich häufig verzagt und mutlos, kreisen um sich selbst. Vor dem Einmarsch der Russen in die Ukraine hatten viele das Interesse an der Außenwelt verloren. Statt Optimismus hatte sich in Teilen der Bevölkerung eine Egal-Haltung entwickelt, die jetzt einer angstvollen Bestürzung gewichen ist“, teilt das Rheingold-Institut mit. Zudem hatten viele Angst vor einer weiteren Spaltung der Gesellschaft angesichts der latent aggressiven Stimmung im Hinblick auf Dauerthemen wie Masken oder Impfmoral. Viele retteten sich davor in eine schicksalsergebene Gleichgültigkeit, die sich zwischen Übervorsicht oder privater Anarchie manifestierte. Die Impfung hat ihr - den Schutz ergänzendes - Verlebendigungs-Versprechen aus dem Frühjahr 2021 eingebüßt. Sie wird jetzt eher als eine Beruhigungs-Spritze gesehen, die verspricht, dass eine mögliche Infektion wahrscheinlich einen milderen Verlauf haben wird.

„Die Menschen vermissen die frühere Unbeschwertheit und Selbstverständlichkeit, mit denen man dem Leben und seinen Verlockungen oder Herausforderungen begegnete“, sagt Stephan Grünewald. Die eskalierende Krisen-Spirale führe zu Bedrohungsgefühlen, Corona wiederum zu einer dauernden Übervorsicht. Lediglich ein knappes Viertel (22,6%) der Menschen wollen wieder zu der Lebensfülle und Risikobereitschaft der Vorcorona-Zeit zurückkehren. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung wollen hingegen einige Vorsichtsmaßnahmen beibehalten und 27% bekunden sogar, dass sie in Zukunft zudem im Umgang mit Menschen zurückhaltender sein werden. „Spontanität wird durch ständige Selbstkontrolle ersetzt, Schuldgefühle sind zum Alltagsbegleiter geworden – die Deutschen leiden an Melancovid.“

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Helge Neumann / 03.03.2022 - 11:01 Uhr

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