Veganliebe-Gründerin im Interview

Wie Katja Möller langfristig die Welt verbessern will

Katja Möller gründete 2014 ihre Plattform Veganliebe und empfiehlt Kleidung, Schuhe und Kosmetik. (Foto: Veganliebe)
Katja Möller gründete 2014 ihre Plattform Veganliebe und empfiehlt Kleidung, Schuhe und Kosmetik. (Foto: Veganliebe)

Mit der Plattform Veganliebe möchte Katja Möller vegane Produkte einem breiteren Publikum zugängig machen. Ein Gespräch über einen Lebensstil, den immer mehr Menschen in ihr Leben integrieren.

Frau Möller, was ist die Idee hinter Veganliebe?

Veganliebe ist eine Online-Plattform für den veganen Lebensstil und ist 2014 entstanden. Damals gab es zwar schon ein wachsendes Angebot an veganen Lebensmitteln, aber im Bereich Kleidung oder Kosmetik war es schwer, Produkte zu finden, die wirklich tierleidfrei und zudem noch nachhaltig waren. Aus diesem Grund habe ich die Plattform gegründet. Zum einen hilft Veganliebe Menschen, die sich für den veganen Lebensstil interessieren, wirklich gute Alternativen zu konventionellen Produkten zu finden. Zum anderen möchten wir besonders kleinen Labels und Shops helfen, ihre Angebote online besser zu vermarkten und so mehr Vielfalt und Nachhaltigkeit in die digitale Konsumwelt bringen. Heute ist das Herzstück von Veganliebe das Produktverzeichnis. Jedes Produkt wird händisch geprüft und katalogisiert. Anhand unserer Nachhaltigkeitssiegel können User auf einen Blick sehen, wie ökologisch und sozialverträglich ein Produkt ist. Gekauft werden können die Produkte dann bei den verlinkten Partnershops. Zusätzlich gibt es ein Shopverzeichnis, ein Gutscheinverzeichnis und ein Online-Magazin, in dem wir regelmäßig Neuentdeckungen vorstellen und hilfreiche Tipps und Hintergrundinformationen für ein nachhaltigeres Leben liefern.

Auf Veganliebe finden sich zahlreiche namhafte Hersteller. Wie setzt sich das Portfolio zusammen? Und wann wird eine Marke nicht gelistet?

Tatsächlich ist das Sortiment von Veganliebe sehr vielfältig. Neben bekannten und etablierten Eco Labels aus Mode, Lifestyle, Kosmetik und Ernährung finden sich auch zahlreiche Start-ups und kleine Manufakturen auf unserer Plattform. Wir überprüfen sehr genau, welche Marke unsere Ansprüche erfüllt und haben hier einen eigenen Kriterienkatalog aus 14 verschiedenen Faktoren entwickelt. So müssen Produkte auf Veganliebe nicht nur frei von tierischen Bestandteilen sein, sondern eben zusätzlich noch mindestens ein weiteres Nachhaltigkeitskriterium erfüllen – also etwa aus biologischem Anbau stammen, in der EU gefertigt werden oder beispielsweise aus recycelten Materialien bestehen. Bei der Vergabe unserer Kriterien setzen wir zum einen auf anerkannte Gütesiegel wie das GOTS-, das Fairtrade- oder das EU-Bio-Siegel. Zusätzlich führen wir noch eigene Hintergrundrecherchen durch. Nur wenn eine Marke uns die erforderlichen Informationen zu den ökologischen und sozialen Herstellungsbedingungen transparent und glaubhaft bereitstellt, erhält das Produkt das entsprechende Label und wird in unser Listing aufgenommen.

Welchen Stellenwert hat Veganismus in unserer Konsumgesellschaft?

Leider nach wie vor einen zu geringen. Es ist zwar erfreulich, dass es immer mehr vegane Produktangebote gibt, dennoch denke ich, dass wir als Gesellschaft hier noch besser werden müssen. Jeder, der sich einmal ernsthaft mit den Inhaltsstoffen und Produktionsbedingungen von Konsumgütern beschäftigt, wird schnell feststellen, dass Veganismus das einzige Konzept ist, das langfristig wirklich die Welt verbessert.

Sind vegane Produkte und eine vegane Ernährung nur etwas für einkommensstarke Haushalte?

Diese Behauptung höre ich immer wieder, sie stimmt allerdings nicht. Eine ausgewogene vegane Ernährung basiert zum großen Teil auf Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten, Körnern und einigen weiteren Grundnahrungsmitteln, die in der Regel deutlich günstiger sind als tierische Produkte. Im Bereich Non-Food sieht es etwas anders aus. Gerade vegane und nachhaltige Mode ist noch immer eine Nische. Die Produkte werden oft in kleinen Manufakturen in Europa zu geringen Stückzahlen produziert, was natürlich auch in einem höheren Preis sichtbar wird. Statt jedem neuen Modetrend hinterher zu laufen und ständig neue Klamotten zu kaufen, sollte man lieber zu ethisch und ökologisch korrekter Kleidung greifen. Die hält oft nicht nur länger, sondern sorgt auch für ein deutlich besseres Gefühl beim Tragen. Weniger ist hier also mehr und das gleicht am Ende dann auch den höheren Preis wieder aus.

Ist bei Veganismus ein Zenit erreicht? Oder hat das Thema noch reelle Wachstumschancen?

Tatsächlich gibt es unterschiedliche Zahlen der in Deutschland lebenden Veganer. 2008 gaben noch weniger als 80.000 Menschen bei der Nationalen Verzehrstudie an, sich vegan zu ernähren. Heute liegt die Zahl je nach Studie zwischen 1,4 und 2,6 Millionen. Das Wachstum in diesem Bereich ist also beachtlich und das Ende noch lange nicht erreicht. Nicht zuletzt durch die auch in Deutschland immer mehr spürbar werdenden Auswirkungen des Klimawandels und letztlich auch die Corona-Pandemie wächst das Bewusstsein für eine gesündere und ökologischere Ernährung und Lebensweise rasant. Auch große Fleischproduzenten entwickeln plötzlich vegane Fleischalternativen, die Milchbranche leidet unter dem immer größer werden Angebot an Pflanzendrinks und vegane Brands werden plötzlich Stars an den Aktienmärkten. Aus meiner Sicht spricht alles dafür, dass sich Veganismus immer weiter in unserem Leben etablieren wird und wir noch immer ganz am Anfang eines großen Wandels stehen. Unternehmen, die jetzt auf pflanzliche Alternativen setzen und ernsthaft ökologische und sozialverträgliche Antworten auf unsere Konsumwünsche finden, werden die Zukunft gestalten.

Es ist schwer, festzulegen, was „wirklich nachhaltig“ ist. Besonders vegane Schuhe und Taschen sehen sich häufig dem Vorwurf ausgesetzt, Plastikprodukte und somit nicht umweltfreundlich zu sein. Müssen Unternehmen, die vegane Produkte fertigen, mehr in die Entwicklung von plastikfreien Produkten investieren?

Es stimmt, dass vegane Taschen und Schuhe häufig aus Kunstleder bestehen. Verwendet wird hier meistens Polyurethan, das wie viele andere Kunststoffe unter anderem aus Erdöl gewonnen wird. Problematisch ist hier sowohl die Herstellung, die oft einen hohen Chemikalieneinsatz erfordert, als auch die Entsorgung. Die Kritik ist also durchaus berechtigt. Laut Higg Materials Sustainability Index, einem neuen Instrument zur Messung der Nachhaltigkeit von Wertschöpfungsketten, schneidet PU-Leder jedoch trotz all seiner Nachteile viermal besser ab als echtes Leder. Noch ökologischer sind aber Recycling-Kunststoffe, die zum Beispiel aus recycelten PET-Flaschen oder alten aus dem Meer gefischten Fischernetzen bestehen können. Besonders spannend sind auch neue pflanzliche Lederalternativen aus Ananasblättern, Äpfeln, Weintrauben oder Kakteen. Diese Stoffe enthalten allerdings zum Teil Trägermaterialien, Kleber oder Versiegelungen aus synthetischen Stoffen. Pilzleder hingegen ist eine innovative und besonders umweltschonende vegane Lederalternative. Hier wird der Zunderschwamm, ein parasitärer Baumpilz, verwendet und ohne Einsatz von Chemikalien zu einem samtig-weichen, widerstandsfähigen Material verarbeitet, das sogar biologisch abbaubar ist. Dieser Prozess erfolgt jedoch manuell und ist sehr langwierig, weshalb Pilzleder noch nicht in großen Mengen produziert werden kann. Materialien wie Kork sind in puncto Nachhaltigkeit am überzeugendsten, da sie auf natürliche Weise gewonnen werden, oft aus Europa stammen und ebenfalls zu 100 Prozent biologisch abbaubar sind. Zudem ist Kork genauso robust und langlebig wie Leder. Insgesamt gibt es also bereits viele Unternehmen, die an nachhaltigeren Alternativen für Leder und Kunstleder arbeiten. Ziel sollte es aber natürlich sein, Materialien zu schaffen, die nicht nur ressourcenschonend gewonnen werden, sondern sich auch nach ihrer Nutzung rückstandslos abbauen oder zu neuen Produkten verarbeiten lassen. Hier gibt es sicherlich noch viel zu tun, aber ich bin optimistisch, dass auch diese Hürden noch genommen werden.

Welche Pläne hat Veganliebe für die Zukunft?

In den vergangenen Wochen konnten wir zahlreiche neue Partner für unsere Plattform gewinnen und sind im Moment gut beschäftigt, die neuen Shops und Marken auf unserer Seite zu integrieren. Langfristig möchte ich das Angebot von Veganliebe auf den europäischen Markt erweitern. Mehr Bewusstsein für eine nachhaltige und tierleidfreie Lebensweise auch über die Grenzen Deutschlands hinaus zu schaffen, ist deshalb ein großes persönliches Ziel und Veganliebe die perfekte Plattform dafür. 

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Laura Klesper / 01.07.2022 - 09:19 Uhr

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