Interview mit Christoph Gessner

Wie läuft es bei Tom Tailor Shoes?

Supremo Geschäftsführer Christoph Gessner ist zufrieden mit dem Erfolg der Marke Tom Tailor Shoes. (Foto: Tom Tailor Shoes)
Supremo Geschäftsführer Christoph Gessner ist zufrieden mit dem Erfolg der Marke Tom Tailor Shoes. (Foto: Tom Tailor Shoes)

Das Pirmasenser Unternehmen Supremo Shoes & Boots ist Lizenznehmer von Tom Tailor. Geschäftsführer Christoph Gessner berichtet zum 25-jährigen Bestehen über Herausforderungen, Erfolge und die Frage, was echte Partnerschaft ist.

Herr Gessner, wie ist die Orderrunde H/W für Supremo gelaufen?

Sehr positiv, wir sind sehr happy mit der Order. Wir hatten ein wenig Sorge, weil es auch für uns eine neue Situation war, denn wir haben erstmals die Preise leicht erhöht. Das haben wir in den Vorsaisons bewusst vermieden, weil wir den Handel nicht noch zusätzlich belasten wollten. Der Handel hat unsere Entscheidung sehr begrüßt und uns auch für H/W 22/23 viel Zuspruch gegeben. Jetzt kamen wir allerdings an Preiserhöhungen nicht mehr vorbei. Wenn die Einkaufspreise in Asien steigen und die Rohstoffpreise, gerade auch im Sohlenbereich, und auch die Frachtkosten weiter hoch bleiben, müssen wir das kompensieren. Zugleich haben wir enorm in unsere Kollektion investiert. Wir glauben, dass Menschen neue Schuhthemen wollen und nicht den Repeat vom Repeat vom Repeat. Und wir haben noch nie so viel neues in unseren Kollektionen angeboten. Dabei haben wir die typische Tom Tailor-DNA beibehalten, aber Bestseller-Modelle noch besser dargestellt und um Funktionen wie z.B. Membrane ergänzt. Wir haben die Order für H/W mit einem hervorragenden Ergebnis abgeschlossen.

Um wie viel haben Sie die Preise erhöht?

Um etwa eine Eckpreislage, bei Kindern eher fünf Euro, bei Erwachsenenschuhen zehn Euro.

Was erwarten Sie vom weiteren Jahresverlauf?

Man spürt im Handel, stationär wie auch online, eine deutliche Kaufzurückhaltung. Machen wir uns nichts vor: In dem Preissegment, in dem wir unterwegs sind, haben wir es mit Menschen zu tun, die auch vor der Krise schon aufs Geld schauen mussten. Sie lesen jetzt in den Medien, dass alles teurer wird – nicht nur Schuhe, sondern auch Lebensmittel, Strom und Benzin. Daher glaube ich, dass die Konsumenten zunehmend überlegen, ob sie das neue Paar Schuhe brauchen oder ob die noch ausreichen, die sie im Schrank stehen haben.

Welches Feedback bekommen Sie aus dem Handel zu den Abverkäufen F/S?

Wir performen recht gut und sind bei den Abverkaufsquoten immer im oberen Bereich dabei. Es gibt natürlich mal einen Schuh, der nicht so gut läuft. Aber im Gesamtverkauf über Damen, Kinder und Herren können wir mit den Abverkäufen sehr zufrieden sein. Es gibt aktuell auch Nachfrage nach Lagerware. Wenn ein solches Signal kommt, muss es ja so sein, dass eine Marke ganz gut funktioniert.

Was erwarten Sie von den kommenden Monaten?

Momentan ist noch ein Abtasten zu beobachten. Die Konsumenten schauen, was auf sie zukommt. Vielen wird erst mit der Zeit bewusst, wie teuer die Dinge tatsächlich werden. Zugleich werden die Preissteigerungen nicht von Gehaltssteigerungen begleitet. Ich frage mich also: worauf werden die Menschen ggf. verzichten? Ist es der Schuh, sind es Textilien, wird es der Urlaub sein? Männer halten sich beim Kauf von Schuhen eher zurück und kommen in der Reihenfolge der Familie meist am Schluss. Kinder brauchen immer neue Schuhe. Und ich hoffe, dass die Damen wieder Lust auf neue Mode und Trends entwickeln.

Blicken wir auf die Order für F/S. In der Branche herrscht große Unruhe, weil derzeit nichts richtig rund läuft. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für Ihr Unternehmen?

Man muss momentan bei der Warenbeschaffung sehr pfiffig sein. Ich bin dankbar, dass wir ein Team in Fernost haben. Das ist deutlich einfacher als hier von Deutschland aus zu versuchen, Einfluss auf die Fabriken in Asien zu nehmen. Wir sind also gut aufgestellt und können schnell reagieren. Eine Herausforderung werden für F/S 23 weiter steigende Preise sein. Und wir möchten auch dann wieder mit einer frischen neuen Kollektion an den Start gehen. Wir haben enorm in die Entwicklung investiert, um wieder mit einer guten neuen Kollektion anzutreten, die auch den typischen Tom Tailor-Look hat.

Es gibt aus der Industrie den Ruf nach früheren Aufträgen für F/S, um mehr Zeit für Beschaffung, Produktion und Transport zu haben. Stimmen Sie zu?

Es spielt keine Rolle, was ich persönlich dazu denke. Man muss vor dem Kunden Respekt haben. Ich kann nicht zum Kunden fahren, ihm die Pistole auf die Brust setzen und sagen: Ich brauche in 14 Tagen deine Order, sonst kriegst Du die Ware am Sanktnimmerleinstag. Das können Unternehmen machen, denen es nichts ausmacht, wenn ein Auftrag nicht kommt. So denken wir aber nicht. Natürlich freuen wir uns über frühe Aufträge, weil das auch unserer Fabrik hilft und die Dinge dadurch etwas entzerrt werden. Und es gibt auch Kunden, die ihre Aufträge gern früh platzieren. Andere warten lieber ab, ordern zunächst nur sichere Artikel und später noch die modischen Ergänzungen. Man muss sich mit den Kunden an einen Tisch setzen und individuelle Lösungen finden. Pauschale Forderungen sind nicht unsere Sache. Wir hatten in den zurückliegenden Saisons gewisse Lieferproblematiken, die wir kaum beeinflussen konnten. Auch darüber haben wir gesprochen und vernünftige Lösungen gefunden. Ich hatte anfangs große Angst vor einer Stornierungswelle, aber die ist ausgeblieben. Das zeigt, welche gute Zusammenarbeit wir uns mit unseren Kunden aufgebaut haben.

Wo liegen speziell im Bereich Beschaffung derzeit die größten Probleme für Supremo? An welchen Materialien und Komponenten mangelt es?

Schwierig sind die einzelnen Komponenten wie Phylon-Böden, weil die Preise enorm gestiegen sind. Hinzu kommen TR-Sohlen durch den gestiegenen Ölpreis. Aber es sind auch viele weitere Materialien betroffen. Ein anderes Problem ist die Null-Covid-Politik in China. Peking droht, komplett dicht gemacht zu werden. In Shanghai stehen Tausende von Containern, die dort blockiert werden. Wir sind zwar vom Lockdown in Shanghai nicht betroffen, aber wenn die Container blockiert werden, können wir sie nicht nutzen. Wir haben einen eigenen Sample Room in Fernost und können vieles inhouse machen. Aber wenn wir die Komponenten nicht bekommen, können wir die Muster nicht erstellen. Unser Hauptsohlenlieferant war gerade erst tagelang geschlossen wegen der Null-Covid-Politik. Man muss sehr manövrieren, um alles trotzdem hinzubekommen. Wir haben frühzeitig versucht, gegenzusteuern und einiges früher zu kaufen, aber das ist nicht bei allen Komponenten möglich. Aktuell haben wir die Situation für die Entwicklung F/S 23 gut im Griff. Aber es bleibt insgesamt unsicher – und sehr spannend. Übrigens sind auch die Paketpreise ein Problem: Wir zahlen von Woche zu Woche mehr für Pakete, sowohl für den Versand innerhalb Deutschlands als auch innerhalb Europas und weltweit. Die Preise steigen und die Serviceleistungen werden kontinuierlich schlechter.

Aktuell ist zu hören, dass zumindest die Preise für Container wieder sinken, weil nicht genug Ware da ist, um sie zu füllen.

Ja, das ist richtig, aber wir sind immer noch weit entfernt von dem Preisniveau, auf dem wir früher waren. Es ist immer noch ein Wahnsinn. Wir sind nicht mehr auf dem Peak wie vor knapp einem Jahr, mit 13.000 bis 15.000 US-Dollar. Aktuell sind es 8.000 bis 9.000 US-Dollar. Wir kommen aber von 2.500 US-Dollar. Ich habe seinerzeit bei einem Preisanstieg auf 3.500 bis 4.000 US-Dollar schon gedacht, das sei der Wahnsinn.

Ist es bei den derzeitigen Herausforderungen ein Thema für Sie, sich hinsichtlich Beschaffung und Produktion neu aufzustellen und z.B. den Schwerpunkt mehr auf Europa zu legen?

Nein. Durch das Backup und die Organisation, die wir in Fernost haben, und auch die dortige Materialvielfalt, kann ich nicht einfach nach Portugal gehen und dort eine Lederkollektion erstellen. Das würden auch unsere Kunden nicht ohne Weiteres mitmachen. Wir bedienen mit unseren Produkten eine bestimmte Sparte. Wenn wir also morgen einfach etwas ganz anderes machen würden, würde das nicht funktionieren. Und auch in Portugal werden im übrigen Materialien aus Asien eingesetzt, die aktuell nicht verfügbar sind. Für die Art und den Umfang, wie wir in Asien unser Geschäft betreiben, gibt es keine Alternative. Man kann immer mal punktuell etwas ausprobieren. Aber die komplette Entwicklung zu switchen, mal eben in ein anderes Land, das würde ich mir nicht zutrauen.

Das Jubiläumsjahr von Supremo fällt in eine schwierige Zeit. Gibt es trotzdem Aktionen, mit denen Sie den runden Geburtstag Ihres Unternehmens feiern?

Wir sind noch in der Findung. Ein Vierteljahrhundert ist eine schöne Leistung und ein Erfolg, den wir mit unseren Teams in der Pfalz und in Asien gemeinsam mit unseren Kunden erreicht haben. Schauen wir mal, was uns noch so an Ideen einfällt.

Partnerschaft wird in der Branche groß geschrieben – und andererseits oft vermisst. Wie definieren Sie Partnerschaft mit dem Handel?

Für mich ist Partnerschaft als erstes, dass wir einen guten Job machen und mit einer vernünftigen Kollektion antreten. Als nächstes muss die Kollektion dann gefallen. In den zurückliegenden Jahren ist uns das, wie ich meine, ganz gut gelungen. Und dann geht es darum, sich zusammensetzen und zu sprechen, um gemeinsam den Zug auf die Gleise zu stellen. Das ist die Art, wir mit unseren Kunden zusammenzuarbeiten. Klar, bei einer Riesenkollektion, wie wir sie anbieten, klappt nicht immer alles. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Aber man kann mich jederzeit anrufen, ich steige auch ins Auto und komme vorbei. Business bedeutet für uns Geben und Nehmen. Partnerschaft bedeutet, füreinander da sein und nicht gegeneinander.

Im Handel wird oft der Wunsch geäußert, mehr Risikoverteilung mit der Industrie zu erreichen. Wie sehen Sie das?

Grundsätzlich sind wir keine Freunde von Konsignationsgeschäften. Wir sind Großhändler und keine Einzelhändler. Wir sind auch keine Firma, die Abschriftenbeteiligungen vornimmt. Aber man kann gewisse Dinge im Einkauf vorab regeln und Lösungen finden. Für unsere Kunden ist es entscheidend, dass das Ergebnis unterm Strich passt. Wir haben bislang nicht zu den Lieferanten gehört, bei denen sich Kunden überlegten, ob sie sie wirklich noch brauchen. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass wir immer lösungsorientiert gearbeitet haben und dass wir gesprächsbereit sind. Wir werden nie ein Unternehmen sein, das Schuhe verkauft und am Ende der Saison die Ware wieder abholt, die übrig geblieben ist.

Wie viele Kunden im Raum DACH haben Sie und wie viele Modelle gehören zur Kollektion?

Wie bedienen Kunden von ganz klein bis ganz groß, von 12 Paar bis hin zu großen Filialisten und natürlich Onlinehändlern. Wir haben auch international viele Kunden, etwa in Skandinavien und sogar in Kanada. Unsere Kollektionen pro Saison umfassen etwa 3.000 bis 3.500 Modelle. Dazu muss man aber wissen, dass ein Schuh in einer Farbe ein SKU, also ein Artikel ist. Und wir bieten sechs Kollektionen an. Mit Supremo sind wir Private Label-Lieferant; hinzu kommt Tom Tailor – und beides mit Schuhen für Damen, Herren und Kinder.

Auf welchen Messen wird die F/S 23-Kollektion zu sehen sein?

Wir planen die Expo Riva ein und natürlich die Micam, wo wir im Rahmen des German Pavillon dabei sein werden. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind wir auf Regionalmessen. In Frankreich arbeiten wir mit einer Agentur zusammen, die unsere Kollektionen präsentiert. Man findet uns im SOC wie München und Sindelfingen. Wer Tom Tailor und Supremo kaufen möchte, der wird Gelegenheiten haben. Hinzu kommt unser B2B-Shop, mit dem unsere Kunden gut arbeiten können. Wir haben in der Pandemie auch via Teams Schuhe verkauft. Ich glaube, das bleibt ein Thema und wird nicht mehr wegzudenken sein.

Noch halten sich die Insolvenzen auch im Schuhhandel in Grenzen. Zugleich schließen viele Unternehmen „leise“, weil es keine Nachfolger gibt – und keine Perspektive. Was bedeutet das für Ihr Unternehmen und welche Schlussfolgerungen ziehen Sie?

Um jeden 12-Paar-Kunden, den es nicht mehr gibt, tut es mir leid. Ich komme selbst aus einem kleinen Schuh-Unternehmen. Wir reden immer von den Großstädten, von Frankfurt, Köln und München. Aber es gibt darüber hinaus viele kleine und mittelgroße Städte, wo es immer noch ein Schuhgeschäft mit Nahversorgungs-Charakter gibt. Da frage ich mich schon, bricht das irgendwann alles weg? Müssen die Menschen dann 15, 20 Kilometer zum Schuhkauf fahren? Jeder Kunde, der nicht mehr da ist, ist ein verlorener Kunde und das tut weh. Ich frage mich auch, wie sich diese Entwicklung auf die Ordercenter auswirkt. Und welche Folgen ergeben sich für Gebietsvertretungen? Werden sich irgendwann zwei, drei Vertreter den gesamten deutschen Markt teilen? Vieles wird sich in den nächsten Jahren ergeben. Es wird darauf ankommen, Schritt für Schritt, von Saison zu Saison vorzugehen. Auch das Thema Kreditversicherung ist schwierig derzeit. Ich würde mir wünschen, dass wir immer noch ein breit gefächertes Kundenportfolio haben, von klein bis groß und online. Das hat uns immer ausgezeichnet. Aber es wird schon noch weitere Herausforderungen geben. Dabei haben wir doch jetzt alle einige anstrengende Jahre hinter uns. Eine Saison, die mal ein bisschen ruhiger verlaufen würde, wäre auch schön. 

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Petra Steinke / 06.05.2022 - 14:30 Uhr

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