Zusätzliche Einnahmen dank Biontech

Wie Mainz attraktiver werden will

Mit den steigenden Steuereinnahmen dank Biontech soll in die Attraktivität der Stadt Mainz investiert werden. (Foto: Landeshauptstadt Mainz)
Mit den steigenden Steuereinnahmen dank Biontech soll in die Attraktivität der Stadt Mainz investiert werden. (Foto: Landeshauptstadt Mainz)

Erst die Millionen von Biontech, dann das „Lu:“: Es tut sich was in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt.

Von einem „Wunder von Mainz“ war in der Vergangenheit schon öfter die Rede. Im Zusammenhang mit dem 1. FSV Mainz 05 zum Beispiel, dem Fußballverein, der für viele Mainzer eine Herzensangelegenheit ist. Zuletzt rauschte „Das Wunder von Mainz“ anlässlich eines gewaltigen Geldsegens durch den Blätterwald: In der bis dahin mit 1,3 Mrd. Euro hochverschuldeten Stadt, die sich stets im Wettbewerb mit dem benachbarten Wiesbaden sieht, freut man sich über exponentiell gestiegene Gewerbesteuereinnahmen, die im letzten Jahr für einen Haushaltsüberschuss von 1,09 Mrd. Euro sorgten; und per Ende des laufenden Jahres rechnet man mit einem weiteren Plus von 500 Mio.. Der Grund ist das hier ansässige Unternehmen Biontech, das 2021 mit seinem Corona-Impfstoffrund 10,3 Mrd. Euro Gewinn erzielte.

Erleben wir künftig also nicht nur zur Karnevalszeit, sondern ganzjährig ein Mainz, wie es singt und lacht? Mainz mag eine Fastnachtshochburg sein, der Mainzer als solcher aber gilt als bodenständig. Daher werden nun erst einmal die Schulden getilgt und nachhaltige Investitionen geplant, etwa in einen Ausbau der Stadt als Biotechnologiestandort, wodurch rund 5.000 neue Arbeitsplätze entstehen sollen. „Es ist aber zu erwarten, dass auf lange Sicht breite Bereiche der Stadtgesellschaft von den erhöhten Steuereinnahmen profitieren werden, so auch der Handel“, sagt Stadtsprecher Ralf Peterhanwahr. Kurzfristig soll die landesseitig mit 550.000 Euro unterstützte Initiative ’Innenstadt-Impulse‘ „für eine höhere Attraktivität der Innenstadt sorgen, um die Frequenz und die Umsätze in der Mainzer City anzukurbeln“, so Peterhanwahr weiter, etwa mit dem Event-Beleuchtungskonzept ’Mainz leuchtet‘, Pop-up-Museen oder einer Plattform, über die Leerstände vergünstigt vermarktet werden, um innovative Nutzungsmodelle zu ermöglichen.

 

Zukunft

Bei dem prominentesten Leerstand mit innovativer Nutzung handelt es sich um den Gebäudekomplex der ehemaligen Karstadt- und Deutsche-Bank-Immobilie unweit von Dom und Staatstheater. Unter dem Namen „Lulu“ wird es derzeit von lokalen Künstlern, Winzern, Start-ups, Naturkosmetik-Anbietern, einer Gutenberg-Ausstellung oder auch mal einem Kleiderbasar zugunsten der Ukraine bespielt. Das Zwischennutzungskonzept kommt gut an; mit großer Spannung wird jedoch erwartet, was danach kommt. Auf die Karstadt-Mauern wartet die Abrissbirne, das zugehörige Parkhaus und die Deutsche Bank-Immobilie dürfen bleiben. Auf dem dadurch in zwei Abschnitte geteilten Areal entsteht ein zukunftsweisendes Projekt: Das sogenannte „Lu:“, ein Bauvorhaben, das den Einzelhandelsstandort Mainz künftig maßgeblich prägen könnte. Es handelt sich dabei um ein Mixed-Use-Konzept mit einem 177-Zimmer-Hotel, Gastronomie, Kultur, Eventflächen, Pop-up-Halle und Handel (siehe Interview auf Seite 11). Auch Wohn- und Büroraum soll integriert werden. On top entsteht eine weitläufige Dachterrassenlandschaft, die mit ihren Grünflächen das Mikroklima der City verbessern und Raum für Insekten schaffen soll. Auch eine Rooftop-Bar fehlt nicht. Mit den Investoren, der Ingelheimer J.Molitor Immobilien GmbH und der Sparkasse Rhein-Nahe, die in einem Joint-Venture einen dreistelligen Millionenbetrag investieren, sind Bauherren am Werk, die mit den Risiken und Nebenwirkungen Mainzer Bauvorhaben vertraut sind: Aufgrund der römischen Wurzeln des rheinland-pfälzischen Oberzentrums ist beim Aushub mit archäologischen Funden zu rechnen, die die Bauarbeiten kurzzeitig unterbrechen, im ungünstigsten Fall jedoch neue Planungen erforderlich machen könnten. Sei’s drum, der Mainzer Handel freut sich schon jetzt, dass in der Innenstadt „ein so tolles Projekt realisiert wird“, so Annette Plachetka, Inhaberin des Schuhgeschäfts Schuh-Passion in der Altstadt, „denn wir brauchen Zugpferde!“ Mehr noch: „Von diesem Projekt hängt die Vitalisierung einer wichtigen Shoppingmeile und damit einiges für die Stadt insgesamt ab“, sagt Andreas Kolb, Geschäftsführer der Fritz Frank Schuhe + Sport KG, der fünf seiner 50 Fachgeschäfte und -märkte für Schuhe, Accessoires und Sportausstattung in Mainz führt.

Gegenwart

Zur Stunde ist das „Lu:“ zwar noch Zukunftsmusik. Aber vielleicht wirkt sich die Vorfreude darauf im Verein mit den Biontech-Millionen ja schon jetzt auf den Handel aus! Ist in der 217.000-Einwohner-Stadt, die insbesondere für ihren aus Flonheimer Sandstein gebauten Dom, die Erfindung des Buchdrucks, Weißwein und die von Fachwerkbauten geprägte Altstadt bekannt ist, die Frequenz gestiegen? Sind die Kunden spendabler geworden? Und macht sich die wachsende Zahl der Biontech-Mitarbeiter bereits im Schuhhandel bemerkbar? Da muss Andreas Kolb erst einmal lachen. „Das ist ja unsere heimliche Hoffnung, dass Biontech auch dem Einzelhandel einen großen Geldsegen bringt.“ Aber Spaß beiseite: Da die Stadt unter anderem einen Campus für Biotechnologie plane, „erwartet man natürlich schon, dass sich neue Bewohner mit hoher Kaufkraft ansiedeln“, so Kolb. Nur: Momentan ist davon „nullkommanull zu spüren“, wie Peter Bödeker vom Schuhhaus Bödeker beobachtet, der eine seiner 14 Schuhflächen in Mainz führt. Der Krieg in der Ukraine verunsichere die Menschen. Ja, der Krieg wirke sich womöglich „noch stärker aus als die Pandemie“, bestätigt Annette Plachetka. Und „natürlich machen sich auch die gestiegenen Kosten bemerkbar, die Leute achten mehr auf den Preis und überlegen genau, was sie wirklich brauchen“. Doch es sei auch spürbar, dass „das Leben wiederkommt“, freut sie sich, „der Ostersamstag war der beste Samstag seit Jahren. Das hat richtig gutgetan.“ Gut 10.000 Menschen seien unterwegs gewesen, auch aufgrund des seit Ostern allwöchentlich wieder stattfindenden ’Mainzer Marktfrühstücks‘, das mit Wein und Wurst von regionalen Winzern und Metzgern auch viele Menschen aus dem Umland in die komplett zur Tempo-30-Zone deklarierte Innenstadt lockt. „Die Menschen schätzen die Lebensqualität hier sehr“, sagt Thomas Schiffmann, Geschäftsleiter von Sinn am Mainzer Domplatz, der im November eine neue Schuhabteilung im Untergeschoss (Damen, 100 qm) sowie im 3. OG (Herren, 25 qm) eröffnet hat. „Sie trinken in der Stadt ihren Schoppen Weißwein und machen nebenher einen Einkaufsbummel.“ Überhaupt sind Mainzer „sehr gesellig und lieben den Genuss“, ergänzt Annette Plachetka, das zeige sich besonders in der Open-Air-Saison, wenn „die Mainzer auf ihren Plätzen leben“.

Und was charakterisiert die Mainzer als Kunden? „Sie suchen nicht den großen Luxus, schätzen aber Qualität“, sagt Jan Sebastian, Chef des alteingesessenen Juweliergeschäfts Willenberg. Typisch für Mainz sei auch, „dass es eine breite Mittelschicht im positiven Sinne gibt“, so Andreas Kolb. Aufgrund der großen Arbeitgeber wie Schott, das ZDF oder eben Biontech gebe es einerseits „eine große Zahl an Durchschnittsverdienern, die ihre Schuhe im Konsumbereich kaufen – aber auch die Führungskräfte, die deutlich mehr investieren“.

Soweit also der Status quo. Die Prognose ist günstig. Dafür sorgt schon der auf Anregung von Biontech von 440 auf 310 gesenkte Gewerbesteuerhebesatz. Es würde mit dem Teufel zugehen, sollte Mainz als Wirtschaftsstandort nicht weiter an Attraktivität gewinnen. Übrigens auch gegenüber der ewigen Konkurrentin Wiesbaden. „Mal ist Mainz im Vorteil, mal Wiesbaden“, sagt Andreas Kolb. Aber „wenn das „Lu:“ fertig ist, hat Mainz erst mal die Nase vorn.“ 

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Annette Gilles / 13.05.2022 - 13:00 Uhr

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