Das sagen Branchenexperten

Wie verändert sich die Schuhbranche durch die Lieferkettenprobleme?

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie fragil das globale Lieferkettennetz ist. (Foto: Unsplash/Miltiadis Fragkidis)
Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie fragil das globale Lieferkettennetz ist. (Foto: Unsplash/Miltiadis Fragkidis)

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie treffen die Branche mit voller Wucht. Das globale Netzwerk der Schuhproduktion ist schwer gestört, die Preise steigen, die Partnerschaft zwischen Handel und Industrie muss neu gedacht werden.

„Das Jahr 2021 hat uns gezeigt, wie anfällig die aktuelle Lieferkette ist. Egal, ob die gesamte Produktion oder nur einzelne Bestandteile nach Asien ausgelagert sind, Corona und Suez-Kanal führten zu signifikanten Lieferverspätungen bzw. zu Stornierungen. Eingeschränkte Verfügbarkeiten werden uns auch weiterhin begleiten“, ist SABU-Geschäftsführer Stephan Krug überzeugt. Die Industrie ist durch das Thema alarmiert: „Die größten Herausforderungen sind die Verwerfungen in der Supply-Chain und die dadurch bedingten Kostensteigerungen und natürlich die gesamte Unvorhersehbarkeit aufgrund der permanent neuen Entwicklungen“, erklärt Ara-Vorstandsmitglied Kresimir Zovak. Andreas Klautzsch, Geschäftsführer von Kennel und Schmenger, erläutert: „Die Beschaffung ist derzeit ein Riesenproblem. Wir beziehen zwar alles in Europa, aber wir müssen dennoch täglich um Materialien und Mengen ringen. Besonders schwierig ist es bei Komponenten für Sohlen, die nur bedingt verfügbar sind. Diese Problematik bezieht sich auf die Produktion der neuen F/S-Modelle, wird aber auch in H/W 23 noch nicht gelöst sein. Wir bleiben dennoch in unserem Rhythmus und früh in unseren Planungen.“ Nach Ansicht von Stephan Krug wäre es „durchaus zweckmäßig, die Produktion wieder näher an Europa und damit an den Absatzmarkt heranzuholen. Im Gegenzug bedeute das aber auch, „dass wir mit steigenden Preisen rechnen und uns intensiver mit dem besseren Vermitteln der Wertigkeit unserer Produkte befassen müssen.“ Dieses Thema sei auch in Zusammenhang mit dem Komplex Nachhaltigkeit relevant: Handel und Industrie sollten sich über eine faire Risikoverteilung in der Wertschöpfungskette einigen, fordert Krug. „Bei einer Vororderquote von aktuell über 80% wird der mittelständische Schuhhandel langsam, aber sicher ausgelöscht, da sich diese Risiko-Umverteilung aus betriebswirtschaftlicher Sicht in Zukunft nur noch schwer oder gar nicht mehr darstellen lässt.“ Auch die ANWR identifiziert die Herausforderungen bei der Beschaffung von Komponenten und Ware als elementares Thema für die Schuhbranche: „Die Lieferketten sind sehr fragil, die Auslieferung der Ware verschiebt sich, die Preise für Rohstoffe, Produktion und Transport und damit schließlich für die Produkte steigen – das fordert alle Marktteilnehmer heraus“, erklärt Vorstandsmitglied Fritz Terbuyken. „Chancen bietet es für den Handel, sich stärker wieder auf europäische Hersteller zu konzentrieren. Die Forderung der Kunden nach Nachhaltigkeit wird diesen Trend ebenfalls fördern. Die Verbraucher werden zunehmend aufmerksamer, wenn es um die Nachhaltigkeit der Produkte geht. Hier sind beide Seiten gefordert – bei der Produktion, aber auch bei der Warenauswahl und Beratung.“ 

 

Martin Schneider, Director bei der Kölner Verbundgruppe GMS, ist überzeugt: „Die Industrie ist gefordert, Lösungen für unterschiedliche Aufgaben zu finden: Die Verlagerung der Produktion nach Fernost mag günstig sein, die volatilen Transportpreise und die Schwierigkeiten während der Corona-Pandemie werden bei dem ein oder anderen Lieferanten zu einem Umdenken führen. Ist es nicht vielleicht doch günstiger, in Europa zu produzieren und von den stabilen Rahmenbedingungen zu profitieren? Wie positioniere ich mich damit auch beim Kunden? Was erwarten die Konsumenten hinsichtlich der Produktionsbedingungen, der Umweltfreundlichkeit des Produktes und der Nachhaltigkeit? Diese Fragen müssen beantwortet werden, um die Strategie für die nächsten Jahre festlegen zu können.“
Für Kai Moewes, Vertriebsleiter des Kinderschuhanbieters Ricosta, liegen in den Herausforderungen auch Chancen: „Pünktliche und qualitativ hochwertige Auslieferungen werden eine zentrale Rolle bei der Ordervergabe spielen. Wir als Hersteller eines krisensicheren Produkts werden alles daran setzen, dies zu gewährleisten. Wir erwarten, dass Kinderschuhe bei einer Vielzahl von Kunden einen deutlich höheren Stellenwert erreichen werden als noch vor Covid. Für die Industrie liegt eine der größten Herausforderungen im Aufrechterhalten der Lieferketten, um pünktliche Auslieferungen garantieren zu können. Hier ist gleichzeitig auch die größte Chance, dem Handel unter diesen veränderten Voraussetzungen ein verlässlicher Partner zu sein.“ Jürgen Cölsch, Geschäftsführer des Damenschuhanbieters Caprice, zeigt sich zuversichtlich: „Bis dato ist Caprice stabil durch die Krise gekommen. Wir hoffen, dass sich 2022 die Virus-Infektionen abschwächen, der Druck auf die Lieferkette nachlässt und wir anknüpfend an die erfolgreichen Jahre vor der Pandemie die Zeit des „Wiederaufbaus“ nutzen können, um weiter zu wachsen.“ Dann werde, so Cölsch, die Stimmung der Endverbraucher optimistischer, die Sehnsucht nach etwas Neuem größer. „Die Krise hat zu einem Rückgang von Angebot und Nachfrage geführt“, so der Unternehmer. „Wir sind es gewohnt mit Problemen umzugehen; diese haben aber 2020/21 eine neue Dimension eingenommen, da sie zeitgleich in den Kernbereichen Produktion, Logistik und Vertrieb aufgetreten sind. Das eine Feuer war noch nicht gelöscht, da entflammte bereits das andere. Wer jetzt allerdings die Klaviatur des strategischen Beschaffungsmanagements beherrscht, wer die Bereiche Entwicklung, Materialeinkauf, Produktionstaktung und Logistik optimal aufeinander abstimmt und somit ein gutes Produkt zu akzeptablen Preisen seinen Kunden termingerecht liefern kann, der wird Gewinner der Krise sein.“

   

Positionierung des Handels

„Angesichts der Tendenzen seitens vieler Hersteller, direkt an Endkunden zu verkaufen, muss die langfristig verlässliche Partnerschaft zum Handel noch mehr in das Bewusstsein rücken“, fordert Fritz Terbuyken. „Die Digitalisierung von Geschäftsprozessen und deren Harmonisierung zwischen Industrie und Handel muss im gegenseitigen Interesse noch schneller vorangetrieben werden. Schließlich ist gerade der stationäre Handel herausgefordert, seine Stärken gegenüber dem E-Commerce – die Nähe zum Verbraucher, die Expertise bei der Ware und der Beratung, die Menschlichkeit – stärker in den Fokus zu rücken. Das Geschäft vor Ort hat das Potential, ein Ort der Begegnung und der Verführung zu sein.“ 
Jürgen Cölsch erklärt: „Es muss dem Handel gelingen, für das Jahr 2022 ein breites modisches Angebot an Schuhen zu präsentieren. Die kommende Orderrunde H/W 22/23 wird eine für den Handel sehr entscheidende Zeit werden. Mit unserer attraktiven Kollektion erfüllen wir die von unseren Kunden gestellten Anforderungen im Hinblick auf Mode, Vielfalt und Funktionalität. Deshalb rechnen wir mit steigenden Verkaufszahlen.“ Martin Schneider (GMS) ist überzeugt: „Unserer Meinung nach wird die Orderrunde durchwachsen optimistisch ausfallen. Es herrscht unverändert eine gewisse Unsicherheit, andererseits haben wir nun seit einigen Monaten Stabilität hinsichtlich der Hospitalisierungen. Das sollte dazu führen, dass ein gesunder Optimismus einziehen wird.“

 

Preise

Alles wird teurer. Auch in der Komponenten- und Schuhfertigung. „Dies führt konsequenterweise zu steigenden Einkaufs- und – zeitversetzt – zu steigenden Verkaufspreisen“, erläutert Stephan Krug. „Für unsere Branche kann dies Preiserhöhungen von einer bis zwei Preislagen, je nach Verkaufspreis, bedeuten. Das führt wiederum zu höheren Durchschnittspreisen, jedoch nicht konsequenterweise zu höheren Absatzmengen und somit zu mehr Umsatz auf der Handelsseite.“ Denn: „Zum jetzigen Zeitpunkt machen sich beim Endverbraucher nach anfänglichem Nachholkonsum Anzeichen einer leicht steigenden Kaufzurückhaltung bemerkbar. Das ist in stark steigenden Lebenshaltungskosten wie z.B. für Strom, Lebensmittel und Mieten ebenso begründet wie in den Corona-Verordnungen wie z.B. 2G-Plus. Ausgaben für Mode werden momentan schon zurückgestellt. Hier kann bzw. muss der Modeeinzelhandel mit einer noch konsequenter auf den Endkunden ausgerichteten Service-, Kommunikations- und Vertriebsstrategie ansetzen und diese auch durchsetzen. Mit allen dazu gehörenden Konsequenzen: das Sortiment mit seinen Marken, dessen Präsentation, Marketing und Serviceleistungen am speziellen Standort und am individuellen Schuhfachgeschäft ausgerichtet werden. Damit rücken automatisch die Themen „Customer Journey“ bzw. „Consumer Touchpoints“ mehr in den Vordergrund.“ Der Schuh müsse „aus der Ecke des reinen Bedarfsartikels“ herausgeholt werden, ist der SABU-Chef überzeugt. „Schuhe sind ein essentieller Teil des Outfits und des persönlichen Stils, die ein bestimmtes Lebensgefühl ausdrücken. Schuhe, das bedeutet Wertigkeit und Emotionen. Genau das können nur stationäre Einkaufserlebnisse vermitteln. „Inszenierung“ ist kein Zauberwort, sondern pure Notwendigkeit.“

 

...und Corona

„Mit dem Jahreswechsel von 2021 auf 2022 sind einige Herausforderungen, die durch die Corona-Pandemie verursacht wurden für den Schuhhandel noch nicht verschwunden. Die Erwartungen an die Politik sind hoch. Der Schuhhandel sollte bundesweit zur Grundversorgung gerechnet werden und die Erkenntnisse der Pandemieforschung sollten dazu führen, dass die diskriminierenden Beschränkungen für den Handel aufhören. Wir erwarten von der Bundesregierung bezüglich der Wirtschaftshilfen eine Anpassung auch für 2022. Als Genossenschaft haben wir viel dafür getan, den mittelständischen Schuh-, Sport- und Lederwarenfachhandel zu unterstützen. Das wird auch 2022 eine wichtige Aufgabe sein“, betont Fritz Terbuyken. Was bleibt, sind viele Fragen: „Die größte Herausforderung ist die Unsicherheit. Keiner kann die weitere Entwicklung der Pandemie vorhersehen. Es ist schwierig, die richtigen Mengen zu ordern. Auf der einen Seite muss den Kunden ein gutes und ausreichendes Sortiment präsentiert werden, auf der anderen Seite muss das Lagerrisiko im Auge behalten werden“, so Martin Schneider (GMS). 

Der Bericht stammt aus der schuhkurier-Ausgabe 03/2022. Was modisch im kommenden Jahr wichtig wird, gibt er hier auch als ePaper.

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Christopher Mastalerz / 21.01.2022 - 09:17 Uhr

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