Katag-Cheftagung

Zukunftsklang in Bielefeld

Wirtschaftsminister Robert Habeck sorgte für vollbelegte Plätze bei der Katag – und gespanntes Zuhören. (Foto: Katag AG)
Wirtschaftsminister Robert Habeck sorgte für vollbelegte Plätze bei der Katag – und gespanntes Zuhören. (Foto: Katag AG)

Von Krise zu Krise zur Chance. Bei der Katag-Cheftagung wurde viel über die Zukunft gesprochen. Handel, Industrie, Politik und Prominenz verbrachten einen spannenden Tag in Bielefeld.

„Wir müssen Unsicherheit und Unplanbarkeit annehmen, mit Freude, Herz und Haltung.“ So lautete das Fazit von Dr. Daniel Terberger, Vorstandsvorsitzender der Katag, auf der diesjährigen Cheftagung, die unter dem Motto „Next Level“ stattfand. Am Anfang stand eine Frage: „Segeln wir mit Vollgas in den perfekten Sturm?“ Darauf folgte schnell die Antwort: Man wisse es noch nicht. Jedoch biete die Krise für den Handel auch Chancen.
So etwa biete sich die Möglichkeit, die Preise der Produkte endlich nach oben hin anzupassen, um ein gesundes Margenpolster anlegen zu können. Ob Krieg in der Ukraine, Rohstoffknappheit, veränderter Arbeitsmarkt oder Cyber Wars gegen große Unternehmen: Die Liste der Herausforderungen für die Textilbranche ist laut Katag-Chef lang. „Das Metaverse ist noch Zukunftsmusik, aber wir behalten es aufmerksam im Auge“, lautete das Fazit zu neuen digitalen Technologien. Als Katag werde man keine voreiligen Schritte und Investitionen tätigen. Vielmehr würden die Kunden, so die Prophezeiung Terbergers, in den kommenden Jahren kontaktloses Bezahlen als Standard ansehen. Händler seien bestens beraten, sich mit diesen Technologien auseinanderzusetzen. Auch in der Wertschöpfungskette müsse sich in den kommenden Jahren einiges ändern. Aus dem „Just in Time“ werde zukünftig ein „Just in Case“. Die Katag habe, so Terberger, im Zuge der Krise zum ersten Mal „auf die Schiene gesetzt“ und Waren auf dem Zugweg von Asien über Vorderasien nach Europa transportiert. Dies sei Teil der Strategie, die Warenbeschaffung im wahrsten Sinne des Wortes „mehrgleisig“ zu gestalten.

Den Besuch des Wirtschaftsministers Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) in Bielefeld wertete der Katag-Chef als Bekenntnis der Politik zum textilen Mittelstand. Man wolle sich der Politik gegenüber als fairen Gesprächspartner positionieren, jedoch müsse den Verantwortlichen bewusst sein, dass die Wirtschaft nur ein begrenztes Volumen an Sonderzahlungen stemmen könne. Als Wunsch an den Wirtschaftsminister formulierte Daniel Terberger direkt, dass die Überbrückungshilfe-Anträge bis Juni 2023 rechtlich abgesichert werden müssten. Denn nur so könnten die Unternehmer ihrer gesellschaftlichen Verantwortung begegnen und diese erfüllen. Den Mittelständlern gab er auf den Weg: „Wir müssen in kleinen Schritten gehen und verzeihen können. Notfalls auch uns selbst.“

„Dass der günstigste Standort entscheidet, ist vorbei“

Mit Spannung wurde der Besuch von Robert Habeck erwartet. Vor der Rede des Vizekanzlers, die für 14 Uhr anberaumt war, füllte sich der Saal merklich. Er eröffnete seine Rede mit einer Anekdote über seinen Amtseid, der Politikern einen Rahmen für die Verantwortung gegenüber dem deutschen Volk böte, aber auch dafür sorge, dass sich ein einzelner Mensch nicht wegducken könne. Habeck lobte die anwesenden Händler für die kluge Arbeit mit den Überbrückungshilfen, von denen der Bund laut Minister 71 Mio. Euro ausgezahlt habe, und er nutzte das Lob als Überleitung für sein eigentliches Thema: die Gestaltung der Wirtschaft in der Zeit nach der Pandemie, die aus einer strukturellen Veränderung heraus geschehen müsse. Aus der Frage „Was haben wir in der Pandemie sehen können und was folgt daraus strukturell?“ formulierte Habeck zwei Aspekte, die maßgeblich Anteil an der Zukunftsgestaltung des Einzelhandels Anteil hätten.

Für die Zeit nach der Pandemie sieht der Vizekanzler die Gestaltung der Innenstädte im Fokus: „Die Innenstädte leben mit am stärksten vom Textileinzelhandel. Wenn die geschlossen sind, werden auch andere Unternehmen, wie Restaurants, stark darunter leiden“. Es sei nun in der Verantwortung der Politik, den öffentlichen Raum attraktiv zu gestalten. Darin sieht Habeck ein Mittel gegen die wachsende Individualisierung der Gesellschaft. „Mit Blick auf den Onlinehandel brauchen die Innenstädte eine Unterstützung oder Strategie für sich selbst. Das Einkaufen im Internet ist nun mal da und wird immer attraktiver, aber vielleicht nicht so attraktiv, dass es die Innenstadt ersetzen wird“, so der Wirtschaftsminister. Innenstädte müssten gewissermaßen zu Erlebniszentren werden. „Wenn eine Gesellschaft nur aus vereinzelten Kaufakten besteht und nicht mehr eine Gemeinsamkeit hergestellt wird wie ein gemeinsam geteilter Raum, ist ein Austausch über gemeinsame Erfahrungen nicht möglich.“

Neue Kriterien für Nachhaltigkeit

Als zweiten Ansatz für eine Post-Pandemie-Welt sieht Robert Habeck eine veränderte Globalisierung. „Dass der günstigste Standort entscheidet, ist vorbei“, schlussfolgerte der Grünen-Politiker. Vielmehr stünden Politik und Wirtschaft nun in der Verantwortung, ein energiepolitisches „Klumpenrisiko“ für die Bilanzen, wie die Abhängigkeit von Russland und China zu vermeiden. „Nachhaltige Kriterien dürfen jedoch nicht als Handelshemmnis, sondern als Standortvorteil für die Absatzmärkte definiert werden“, erläuterte Habeck in seiner Rede. Allein mit Diversifizierung könne die Zukunft wirtschaftlich erstritten werden. Am Ende stehe so eine neue Wertschätzung für die Arbeit der Menschen und die daraus entstehenden Produkte. 
Zum Schluss der Rede stand erneut eine Frage im Raum: „Wie geht es weiter?“ Robert Habeck beantwortete diese Frage direkt selber: „Wir werden nicht aufatmen können, wir müssen politisch alles dafür tun, das aus der Inflation keine Rezession wird.“ Am Ende sehe er jedoch die Chance, dass der Mittelstand aus dem Jahr gestärkter und resilienter hervorginge.

 

Ministerpräsident in den Startlöchern

Der aus dem Düsseldorfer Landtag zugeschaltete nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) thematisierte unter anderem die Energiepolitik des Landes sowie den Fachkräftemangel, gegen den die neue schwarz-grüne Koalition laut Koalitionsvertrag angehen möchte. „Der Druck ist groß, neue Quellen für Energie zu erschließen und neue Verträge zu machen“, gab Hendrik Wüst zu.

Man habe deshalb gemeinsam mit dem Koalitionspartner beschlossen, das Netz an erneuerbaren Energieerzeugern konsequent weiter auszubauen. „Nur wenn wir zeigen, dass Klimaschutz und Wohlstand gemeinsam gehen, wird man es uns nachmachen und dann wird es auch im globalen Maßstab gelingen“, erklärte der CDU-Politiker. Bei aller Wichtigkeit von nachhaltigen Themen sei Energieversorgungssicherheit aktuell die oberste Priorität. Als Mittel gegen den Fachkräftemangel stellte der frisch vereidigte Ministerpräsident den Plan der Landesregierung vor, Schülern Praktika in Betrieben zu ermöglichen, die fernab von Büroarbeit agieren. Am Ende der Rede wiederholte Daniel Terberger die Einladung an den Ministerpräsidenten, im kommenden Jahr persönlich vor Ort zu erscheinen: „Wir möchten unbedingt mit einem Bier mit Ihnen anstoßen!“

Plattformen als Chance?

In Bielefeld wurde auch über konkrete Themen wie die Plattformanbindung an das Zalando Retail Connected-Programm und die Vorstellung von Jungunternehmern für die Zukunft gesprochen. Dr. Carsten Keller von Zalando stellte sich in der Talkrunde „Marktplätze/Plattformen, Fluch oder Segen“ den teils kritischen Fragen und Anmerkungen der anderen Teilnehmenden. Das Fazit der Teilnehmenden war das Bekenntnis dazu, dass es sich für die jeweiligen Unternehmen rentieren müsse, ihre Waren in die Plattformen einzuspeisen. Auch müsse innerhalb des Unternehmens nach Arbeitskräften für die Produktverwaltung gesucht werden, statt neue Kräfte dafür anzuwerben. So könne eine Synergie zwischen online und stationär geschaffen werden.

In der Zukunftswerkstatt mit dem Titel „Das Wort hat die nächste Händlergeneration“ sprachen sieben Jungunternehmer und Jungunternehmerinnen über ihre Vorstellungen der Zukunft, die sie gemeinsam mit Katag Consulting im Vorfeld der Cheftagung erarbeitet hatten. Trends wie technische Innovationen, Vereinfachung von Abläufen und verändertes Konsumentenverhalten wurden in kurzen Impulsvorträgen vorgestellt. Dabei wurden die Schlagworte auch immer mit Leben und konkreten Ideen gefüllt. Bei den Arbeitsprozessen etwa gehe es darum, die richtige Balance zwischen Work-Life-Balance und Gehaltsbedürfnissen zu finden. Mitarbeitermotivation gehöre zu den wichtigsten Aufgaben von Arbeitgebern. Zum Thema gehört auch der Umgang mit jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: Verantwortung abgeben, um Azubis die Möglichkeit zur Entfaltung zu geben, gehört dabei zu den wichtigsten Maßnahmen. Neben den menschlichen Faktoren müssen sich Unternehmen laut den Mitgliedern der Zukunftswerkstatt auch um technische Aspekte kümmern: „Der Wert der Daten wird immer noch nicht voll genutzt“, stellten die jungen Vordenker auf der Bühne fest. Nur wer die Daten seiner Kunden wirklich kenne und strukturiert sammle, könne damit erfolgreich arbeiten. Und obwohl das Verkaufen von Produkten Kern des Geschäftsmodells eines jeden Händlers ist, sollten sich Unternehmen auch mit dem Mieten bzw. Leihen von Kleidung befassen. Mit Pop-Up-Flächen zum Thema (Stichwort Abendkleid für den Abiball) könne der Handel als sozialer Ankerpunkt hier zugleich Erfahrungen sammeln und Engagement zeigen. 

Login für Abonnenten
Sie möchten alle Inhalte lesen?
  • Website-Login
  • E-Paper-Zugang
  • Alle Newsletter
Laura Klesper / 07.07.2022 - 11:25 Uhr

Weitere Nachrichten