„Ich habe Hoffnung“

Zurück ins Licht

Fashion Show von Prada Menswear für H/W 22/23. (Foto: Martin Veit)
Fashion Show von Prada Menswear für H/W 22/23. (Foto: Martin Veit)

Was passiert bei Herrenschuhen? Wie läuft das Geschäft? Und wie schauen Handel und Hersteller auf die kommende Herbst/Winter-Saison? Ein Überblick.

Sind Herrenschuhe das Sorgenkind des deutschen Schuhhandels? In den vergangenen Saisons hat das Segment deutlich unter Kaufzurückhaltung im Zuge der zunehmende Home-office-Nutzung gelitten. Trotzdem ist die Stimmung im Handel und in der Industrie mit Blick auf die kommenden Wochen und Monate nicht schlecht. Ganz im Gegenteil: Viele Experten sind sogar davon überzeugt, dass es deutlich aufwärts gehen kann. „Ich habe Hoffnung auf eine Besserung des Herrenschuhgeschäftes“, sagt Joachim Grotz, Schuhhändler aus Winnenden. „Schuhe sind ein Verschleißprodukt und irgendwann müssen die Herren wieder kommen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen ein attraktives Sortiment zu bieten. Wir geben unser Bestes und versuchen, unsere Hausaufgaben zu machen und einen guten Saisonstart bei hoffentlich bald frühlingshaftem Wetter mit den ersten Sonnenstrahlen hinzulegen.“ Damit liegt der Unternehmer auf einer Linie mit den Ergebnissen einer Studie der Unternehmensberatung PWC zur Zukunft des Schuheinzelhandels. Demnach haben Herrenschuhe von allen Segmenten sogar die besten Aussichten. So gehen die PWC-Experten davon aus, dass der Umsatz mit Herrenschuhen von 3,6 Mrd. Euro im Vorkrisenjahr 2019 auf 4,2 Mrd. Euro im Jahr 2026 steigen wird. Das würde einem jährlichen Wachstum in Höhe von rund 2,0% entsprechen. Zum Vergleich: Für Damenschuhe wird ein durchschnittliches Wachstum pro Jahr in Höhe von 1,8% prognostiziert, für Kinderschuhe ebenso 1,8%.

„Ich denke, dass es in H/W 22 Hoffnung auf eine deutliche Besserung bei den Herrenschuhen gibt. Die Lust auf Neues wird auch bei den Herren wieder aufkommen. Nach zwei Jahren Konsum- zurückhaltungsollte auchdas Schuhwerk der reinen Bedarfskäufererneuerungsbedürftig sein. Und außerdem rechnen wir mit einem „Nach- holeffekt“ bei Veranstaltung, Festivitäten und Feierlichkeiten aller Art. Mit dem Ende des Homeoffice werden darüber hinaus auch Bürotage wieder stattfinden“, erklärte Johanna Ferner von der Verbundgruppe SABU.

Was sagt die Industrie?

Auch Pepijn van Bommel von der niederländischen Marke Floris van Bommel zeigt sich optimistisch. „Wir sind auf ganzer Linie sehr positiv gestimmt und setzen vor allem auf die Durchschlagskraft unserer Neuentwicklungen“, so der Commercial Director. Floris van Bommel lege großen Wert darauf, langjährige Verbindungen zum Handel zu pflegen. Das zahle sich nicht nur in der Krise aus. „Derzeit erleben wir eine konstruktive Stimmung mit festem Blick in eine gemeinsame Zukunft. Unsere Serviceleistungen wie ein modisches Lagerprogramm auch während der Krise tragen zu dieser derzeit guten Stimmung bei.“

Entscheidend für den künftigen Erfolg seien Innovationen, ist Karim Choukair von Melvin & Hamilton überzeugt. „Am Anfang der Pandemie haben besonders die Herren auf die Konsumbremse getreten, aber seit einiger Zeit holen sie mächtig auf, und das nicht nur im sportiven Bereich und bei den Sneakern. Auch moderne Klassik läuft immer besser. Entscheidend ist nur, dass die Schuhe kreativ und neu sind. Alte NOS-Artikel möchte der Kunde nicht mehr.“ Er hoffe, dass einige Händler bald aus der Corona-bedingten „Lethargie“ wie-der erwachen, denn das Ende der Pandemie scheine eingeläutet zu sein. „Ein Neubeginn kann auch eine Chance sein, alte Zöpfe abzuschneiden. Wir müssen die strukturell bedingte sinkende Frequenz mit Begeisterung und Innovation ausgleichen. Ich bin zutiefst überzeugt, dass dies möglich ist“, so Choukair.

Auch bei Lloyd stellt man sich auf eine Aufhellung der Lage ein. „Die gegenwärtige und aktuelle Lockerungsdiskussion, die sinkenden Neuinfektionen und Wocheninzidenzen lassen Zuversicht wachsen, von der pandemischen in eine epidemische Lage zu gelangen. Der letzte Sommer hat uns gezeigt, dass damit auch die Konsumlaune wieder steigt“, sagt Brand Manager Björn Wischnewski. Allerdings beschäftigen auch die Anbieter von Herrenschuhen das Thema Preise intensiv. „Aufgrund steigender Rohstoffpreise und Logistik- kosten sind Preiserhöhungen generell für den Markt unvermeidbar, wenn hohe Qualitätsstandards gehalten werden sollen, was in unserem Falle neben dem Design immer unser Hauptanliegen ist. Unserer Erfahrung nach gewinnt am Ende die Qualität“, sagt Pepijn van Bommel.

Was kommt?

In modischer Hinsicht setzt Karim Choukair in erster Linie auf eine Fortsetzung der starken Themen aus den vergangenen Saisons. Neu seien jedoch Loafer-Typen auf markanten Böden. „Wir sehen da besonders im Online-Kanal viel Bewegung. Es dauert leider immer ein wenig, bis im stationären Handel die Nachfrage geweckt wird. Viele Einkäufer haben noch die biederen Modelle aus den Achtzigern im Kopf. Glücklicherweise sehen moderne Loafer heute anders aus“, so der Kopf von Melvin & Hamilton. Laut Johanna Ferner werden die Themen Komfort und Bequemlichkeit weiterhin von großer Bedeutung sein. „Die Herren haben die Bequemlichkeit der Sneakers und Outdoorschuhe in Zeiten des Lockdown und des Homeoffice noch stärker zu schätzen gelernt und möchten diese nicht missen“, so die Modeexpertin des SABU. „Daher wird aus meiner Sicht der Hybrid-Herrenschuh wichtig werden. Das ist ein Schuh, der die gepflegte Optik eines Businessschuhs mit dem Komfort eines Sneakers verbindet. Idealerweise aus nachhaltiger Produktion...“ Bei Lloyd setzt man darüber hinaus auf maskuline Boots. „Wir sind überzeugt davon, das der Herrenboot in seinen unterschiedlichen Facetten eine wichtige Rolle spielen wird. Dabei stehen sowohl die Leisten-, als auch die Sohlenstärken bzw. -optiken im Mittelpunkt“, sagt Björn Wischnewski. Die Schafthöhen variierten, das Verhältnis vom Chelsea zum Schnürboot wird laut dem Herrenschuhexperten von Lloyd weitestgehend ausgeglichen sein. Wischnewski: „Darüber hinaus glauben wir weiter an den sportlich getriebenen Look, gleichwohl nicht zuletzt aufgrund des offensichtlich in F/S schon stark nachgefragten formelleren Schuhs, eine spürbare Tendenz zum New Modern Business festzustellen ist. Hierbei wird es um die Neuinterpretation des Office Looks gehen.“

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Helge Neumann / 23.02.2022 - 14:41 Uhr

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