Exklusiv-Interview

Bernd Hummel: „Wir haben alles auf den Kopf gestellt“

Unternehmer Bernd Hummel. (Foto: Bernd Hummel GmbH)
Unternehmer Bernd Hummel. (Foto: Bernd Hummel GmbH)

Das Pirmasenser Unternehmen Bernd Hummel GmbH hat in den zurückliegenden Jahren einen umfassenden Veränderungsprozess vollzogen. schuhkurier sprach mit dem Firmenchef über das Erreichte.

Herr Hummel, Ihr Unternehmen hat sich in den letzten Jahren neu aufgestellt. Wann hat dieser Prozess begonnen – und warum?

 

Bernd Hummel: In den Jahren 2012 und 2013 hat es als Reaktion einiger großer Key-Accounts auf die Veränderungen am Markt für uns einen erheblichen Umsatzeinbruch gegeben. Es wurden Läden geschlossen, das Online-Business war für viele plötzlich unrentabel, weil die Retourenquoten steil nach oben gingen, und es kam zu Insolvenzen. Wir mussten reagieren und haben verschiedene Investitionsprogramme gestoppt. Zum Beispiel wurden der Aufbau einer eigenen Textil- und Taschenkollektion und die Expansion mit eigenen Flip Flop-Stores eingestellt. Wir haben uns konsequent auf unser Kerngeschäft konzentriert, was natürlich hausintern zu vielen Veränderungen geführt hat.

 

Welche Veränderungen waren das?

 

Wir haben so ziemlich alles auf den Kopf gestellt. Es hat einige wesentliche Veränderungen im Personalbereich gegeben. Statt die eigene Textilkollektion weiter zu verfolgen, haben wir uns auf unser Lizenzgeschäft mit der Otto Group konzentriert und die Kooperation sehr erfolgreich ausgebaut. Wir haben unsere Kollektion in neue Segmente gegliedert und können damit besser auf unterschiedliche Anforderungen des Marktes reagieren. Wir haben in neue Technologien investiert und mit einem neuen Warenwirtschaftssystem und entsprechender Hardware unsere Abläufe komplett modernisiert und effizienter gestaltet. Alle Mitarbeiter verfügen über die besten Tools und konsequenterweise hat sich auch die gesamte Mentalität im Unternehmen positiv verändert. Wir sind fit für digitale Herausforderungen, wir reden nicht mehr so viel über gestern, sondern über die Zukunft. Unsere B2B-Portale für die Marken funktionieren perfekt und bringen Umsatzzuwächse. Seit drei Jahren spüren wir deutlich, wie die Maßnahmen greifen. Seit 2016 haben wir unsere Paarzahlen verdoppelt und gehen mit einem zweistelligen Plus in die F/S 2020-Saison.

 

Welches Segment wächst besonders gut?

 

Viel Spaß macht das kleinste Segment: Kangaroos Made in Germany. Unsere Kollabos mit den besten Sneakerstores Europas und mit guten Marken, welche zu unseren Sneakern passen, sind so gut wie immer ausverkauft. In der Sneakerszene sind wir damit herausragend besprochen. Dieser Teil der Kollektion ist ein sensationelles Image- und PR-Tool, besonders in Social Media. Wir sind damit quasi konkurrenzlos. Zudem haben wir sehr gute Abverkäufe bei unseren Kinderschuhen. Dieser Bereich macht ca. 60% unseres Umsatzes aus. Das neue Segment „Rooskickx – Sneaker für Boys und
Girls“ ist zwischen den bekannten Kinderschuh-Marken und den Sport-Brands positioniert und es wächst kontinuierlich. Auch unsere Kangaroos-Damen- und Herrensegmente nehmen wieder deutlich Fahrt auf. Die Marke Flip Flop hat durch einige Kollabos, unter anderem mit dem Magazin Vogue, mit Porsche und Mercedes an Reichweite gewonnen und ist sehr erfreulich gewachsen.

 

Die Sportschuhanbieter üben speziell im Kinderschuhbereich sehr viel Druck aus...

 

Die großen Sportmarken sind in allen Bereichen omnipräsent. Früher war dort das Kinderschuhsegment nicht so im Fokus, aber seit Jahren gibt es hier ein gewaltiges Angebot, gegen das man sich besonders in Sneakerzeiten aufstellen muss. Mit Rooskickx haben wir hier einen starken Auftritt in einer Nische. Kinderschuhe im Erwachsenen-Look mit WMS-Leisten, Lederausstattung und hochwertigen Materialien machen sowohl die Kinder als auch die Mütter happy.

 

Adidas und Nike sind derzeit populäre Marken – und Kangaroos wird im Gegensatz dazu als uncool empfunden. Ist das ein Makel, der der Marke anhaftet?

 

Das ist eine Frage des Standpunktes. Aus Sicht der Sneakerszene wird Kangaroos durchaus als cool empfunden, denn unsere „Made in Germany“-Limited Editions werden auf Sammler-Plattformen auch schon mal zu Preisen von über 1.000 Euro gehandelt. Was unsere Mainstream-Linien angeht, nehmen wir gerne die uncoole Stellung ein. Wir sind hinter den Super-Sportmarken ein „Fast Follower“ , der mit einem hervorragenden Preis-Leistungsverhältnis eine stetig wachsende Zahl von Konsumenten mit marktgerechten Sportschuhen sehr zufrieden stellt. Es fragt sich jedoch grundsätzlich, welche Marke oder was ist überhaupt cool? Die Grenzen sind fließend und verändern sich schnell. Unsere Sneakerpartner im Handel werden als cool empfunden.

 

Worin unterscheiden sich diese Händler vom klassischen Fachhandel?

 

Besser als der Fachhandel im allgemeinen verstehen sie hervorragend alle Bereiche der Web-Kommunikation zu nutzen und machen den größten Anteil ihres Umsatzes im Web. Sie und alle Mitarbeiter sind Sneakerheads, wissen, wovon sie reden und kommunizieren mit ihrer Zielgruppe auf Augenhöhe. Ist der Begriff Fachhandel eigentlich cool? Ich habe von keinem Bekannten oder Konsumenten gehört, dass er im „Fachhandel“ einkauft. Jedoch wird der Begriff „Sneaker-“ oder „Jeansstore“ durchaus im Sprachgebrauch benutzt. Neue, coole Marken wachsen schnell online. „Direct to consumer“ ist ein spannendes Thema. Es ermöglicht neuen, guten Produkten oder Start-ups, einen schnellen Zugang zu internationalen Märkten. Das ist cool.

 

Wäre das auch ein Weg für Ihr Unternehmen?

 

Nein. Unser Hauptgeschäft machen wir zu ca. 70-75% mit dem stationären Handel. Dazu stehen wir und das wollen wir ausbauen. Etwa 25% des Umsatzes machen wir mit den Pure Playern im Online-Business. Jedoch lernen wir von den Start-ups und werden demnächst einen eigenen Online-Shop starten mit dem Zweck, unsere Marke deutlich zu positionieren und z.B. unser Kollektionssegment Roosred (höherwertige Sneaker) dem Konsumenten breiter zugänglich zu machen. Die Sneakerwände der Verbundgruppen helfen unserer Marke nicht, da sind wir nicht vertreten. Hier ist die Marke selbst gefragt, sich zu etablieren, wenn sie nicht von den Großen zerdrückt werden will. Wir brauchen Partner im Handel, mit denen wir stärker kooperieren können, um gemeinsam am Markt erfolgreich zu sein.

 

Haben Sie das Gefühl, es entsteht eine Aufbruchstimmung im Handel, gerade in Richtung zu mehr Partnerschaft?

 

Eher nein. Einige wenige haben erkannt, welche Vorteile eine enge, partnerschaftliche Zusammenarbeit in der heutigen Marktlage bringt.

 

Welche Pläne und Herausforderungen sehen Sie für 2020?

 

Unser Fokus ist scharf gestellt. Wir investieren in die Kollektions- und Produktentwicklung. Wir haben tolle Stories für die Kollabos 2020 in der Pipeline, mit denen wir weiter Reichweite erzeugen, und wollen so auch die bestehenden Partnerschaften im Handel intensivieren. Wir wollen die Digitalisierung in unseren Prozessen vorantreiben und in den Social Media-Kanälen deutlicher auftreten. Unser Einkaufsbüro in Jinjiang, China, wird verstärkt. Der Export mit bereits kontraktierten Partnern wird deutlich verstärkt. Aber das ist bei weitem nicht alles, was wir auf dem Zettel haben.

 

Welche Rolle spielen Messen für Sie?

 

Messen haben insgesamt an Bedeutung verloren. Trotzdem sind wir nach wie vor auch auf der Gallery Shoes zu finden. Wir treffen viele Kunden; haben gute Gespräche und schreiben Aufträge. Darüber hinaus sind wir mit unterschiedlichen Kollektionssegmenten auf verschiedenen Messen zu finden: Mit Kangaroos Red und Black auf der Fashion Week in Paris und auf der Seek in Berlin, mit Kangaroos und Flip Flop in Riva, auf der Gallery Shoes und der Micam, mit Flip Flop auf der Premium. Und natürlich auf den Messen der Verbundgruppen. Aktuell läuft noch einiges auf Messen  – aber niemand weiß, wann sich das ändern wird.

 

Wie wichtig ist das Thema Nachhaltigkeit für Ihr Unternehmen?

 

Das ist ein sehr wichtiges Thema für uns. Wir leben und arbeiten in einer alten Schuhfabrik. Eine schöne, alte Fabrik zu erhalten und neu zu beleben, war uns wichtiger als einen Neubau auf die Wiese zu stellen. Wir haben 2011 eine kleine Schuhmanufaktur in der Nähe von Pirmasens revitalisiert. Weil wir glauben, dass es in der Zukunft für bestimmte Konsumenten immer wichtiger wird zu wissen, wer wo ein Produkt herstellt und unter welchen Bedingungen das geschieht. Alle unsere Produktionen auch im Ausland werden einem BSCI-Audit unterzogen und unsere Produkte auf Schadstoffe getestet. Erkennbar ist, dass dieses Thema enorm an Bedeutung gewonnen hat. Thanks, Greta! Sie hat erreicht, dass man sich auf der ganzen Welt darüber mehr Gedanken macht. 

 

Wie Sieht Ihr Fazit des Jahres 2019 aus?

 

Das Jahr 2019 war bis jetzt für uns ein gutes Jahr. Es hat sehr viel vorangebracht und  gezeigt, dass die angestoßenen Maßnahmen richtig waren. Wir
haben sehr gute Ergebnisse mit vielen Handelspartnern, nicht nur in der Umsatzentwicklung, sondern vor allem auch in den Abverkaufszahlen. Wir sind zufrieden und wir sind dankbar.

 
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Petra Steinke / 29.10.2019 - 09:25 Uhr

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