World Footwear Yearbook

„Die Industrie steht am Anfang einer neuen Epoche“

Anlässlich der Veröffentlichung der aktuellen Ausgabe des World Footwear Yearbook sprach STEPTECHNIK mit João Maia vom Verband der Schuhhersteller in Portugal (APICCAPS).

Was sind die zentralen Erkenntnisse in der neuen Ausgabe des World Footwear Yearbook?

Die wichtigsten Informationen in dem Jahrbuch beziehen sich auf die weltweite Schuhproduktion und die Entwicklung der Exporte. Laut der neuesten Ausgabe des World Footwear Yearbook stagnierte die globale Produktion in den vergangenen beiden Jahren bei einer Gesamtmenge von 23 Mrd. Paaren. Zwischen 2010 und 2014 war die Menge zuvor um 15% gestiegen. Zugleich können wir beobachten, dass der Anteil von China an der weltweiten Produktion sinkt. Den Höhepunkt hatte die Industrie in China im Jahre 2013 erreicht. Damals lag der Anteil der chinesischen Hersteller an der globalen Produktion bei 62,9%. Seitdem geht es jedoch bergab. 2016 lag dieser Anteil bei 57,0%. Besonders interessant ist außerdem der Blick auf den internationalen Handel. Nachdem die weltweiten Schuhexporte im vergangenen Jahrzehnt deutlich gestiegen sind, gingen sie in den vergangenen beiden Jahren um 6% in der Menge und 8% im Wert zurück. Dabei haben sich Asien und Europa gegensätzlich entwickelt: Während der Anteil Asiens an den Gesamtexporten um 2% zurückging, legten die Ausfuhren aus Europa um 3% zu. Die Schuhindustrie scheint somit am Anfang einer neuen Epoche zu stehen.  

Welche Faktoren beeinflussen die Schuhindustrie in China?

Die Produzenten vor Ort stellen zunehmend Schuhe für den lokalen Markt her, sodass weniger Schuhe das Land verlassen als in früheren Jahren. Diese Entwicklung wird in den kommenden Jahren anhalten, da die Kaufkraft der Konsumenten in China weiter steigt. Im Gegenzug sinkt der Anteil Chinas an den weltweiten Exporten. Darüber hinaus spielen natürlich die steigenden Arbeitskosten eine äußerst wichtige Rolle. Viele Hersteller haben ihre Fabriken daher bereits an alternative Standorte verlagert. Und die Produktionskosten werden analog zur wirtschaftlichen Entwicklung in China weiter steigen. Hinzu kommt, dass die Wirtschaftspolitik der chinesischen Regierung nicht mehr so stark exportorientiert ist wie in der Vergangenheit. Darüber hinaus haben wir beobachtet, dass Produzenten aufgrund einer großen Verunsicherung auf vielen internationalen Märkten zunehmend auf eine Beschaffung näher an den Verkaufsländern setzen, da sie so schneller auf veränderte Anforderungen reagieren können.  

Die weltweite Schuhproduktion stagnierte in den beiden letzten Jahren. Wird die Zahl der hergestellten Schuhe in Zukunft wieder steigen?  

Davon gehen wir aus. Allerdings ist es unmöglich, zum jetzigen Zeitpunkt vorauszusagen, wann und in welchen Ausmaß dies geschehen wird. Die Stagnation steht in einem direkten Zusammenhang zur Entwicklung der Weltwirtschaft. Hinzu kommt, dass eine ganze Reihe von Ländern wieder verstärkt auf protektionistische Maßnahmen setzen, die sich natürlich ebenfalls auf den globalen Handel und die Produktion auswirken. Wenn also die globale Wirtschaft wieder nachhaltig wächst, wird auch die Anzahl der produzierten Schuhe wieder steigen.   

Wie hat sich die Schuhindustrie in Europa in den vergangenen Jahren entwickelt?  

Die Schuhproduktion ist zuletzt gestiegen. Ein Grund ist die wachsende Nachfrage nach europäischen Marken. Hinzu kommt außerdem, wie bereits erwähnt, die Tendenz in vielen Schuhherstellungsunternehmen, näher an den wichtigsten Märkten zu produzieren. Ein Beispiel ist die beeindruckende Entwicklung der portugiesischen Schuhindustrie. In den vergangenen Jahren sind Produktion, Beschäftigung und Exporte konstant gestiegen. Auch das erste Halbjahr 2017 verlief positiv. Wenn dieser Trend anhält, kann die Schuhindustrie in Portugal im achten Jahr in Folge ein Wachstum verzeichnen. Seit 2009 haben die Exporte um 55% zugelegt. Diese Zahlen sind das Ergebnis einer zielorientierten Strategie, die zum einen auf Investitionen in die Modernisierung der Fabriken setzt und zum anderen sehr kundenorientiert arbeitet.  

Auch in der Schuhbranche wird intensiv über die Digitalisierung gesprochen. Wie wird sich diese auf die weltweite Schuhproduktion auswirken?  

Die Folgen der Digitalisierung werden weit über technische Aspekte hinausgehen. Es wird viel über Industrie 4.0 gesprochen und die Art und Weise, wie Produkte künftig hergestellt werden. Allerdings steht für uns der engere Kontakt zwischen den Marken bzw. Produzente und den Endverbrauchern im Fokus. Das wird unmittelbar auch Folgen für die Produktion haben. In Portugal setzt die Industrie auf Fertigungsprozesse, die auf Flexibilität, hohe Reaktionsgeschwindigkeit und personalisierte Produkte setzt. Dazu werden die Unternehmen in den kommenden Jahren rund 50 Mio. Euro investieren.   

Helge Neumann / 14.09.2017 - 10:42 Uhr

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