Modehandelskongress 2017

„Digitalisierung und Mode haben die gleiche DNA“

Am 25. und 26. Oktober traf sich die Fashion-Branche in Düsseldorf, um über die Zukunft des Modehandels und die gegenwärtigen Herausforderungen der Digitalkultur zu sprechen. Der einheitliche Tenor der Podiumsdiskussionen und Vorträge lautete: Wir müssen auf die veränderten Bedingungen innovativ reagieren.

Über 300 Teilnehmer aus verschiedenen Bereichen der Wertschöpfungskette des Modehandels kamen an den beiden Kongresstagen in Düsseldorf zusammen. Digitalisierung, Strukturwandel und Innovation waren die drei Buzz-Wörter der Veranstaltung. Während einerseits hochmoderne Technologien auf dem Vormarsch sind und für weitere Umwälzungen der bisher bekannten Einzelhandelslandschaft sorgen, beweisen andererseits verschiedene Händler, dass die Säulen des stationären Handels – Service, Menschlichkeit, Emotionalität und eine gute Beratung – weiterhin von Relevanz sind.

 

„Digitalisierung denkt nach vorne – Trendsetter ebenfalls“

 

Christian Rätsch, CEO der Werbeagentur Saatchi & Saatchi, vertrat in seinem Vortrag die These, dass keine andere Branche näher am Puls der Zeit und der digitalen Veränderungen liege als die der Mode. In der Nutzbarmachung von Daten, beispielsweise für tagesaktuelle Trendprognosen, liege der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit. Ein Denkansatz, dem die Jungunternehmerin Daniela Drabert, Geschäftsführende Gesellschafterin von Hagemeyer in Minden, zustimmen konnte: „Die Leute informieren sich heute ganz anders. Sie rezipieren Live-Streams und sind in den sozialen Netzwerken zuhause. Ich sehe den Handel an dieser Stelle in einer Bringschuld. Wir sind aufgefordert, unsere Kunden auf digitaler Ebene abzuholen und das funktioniert mitunter über neue Kommunikationskanäle wie Instagram oder Snapchat.“
Auf die Frage, ob sich die Nutzung von Social Media positiv auf die Abverkaufszahlen auswirkt, fand Daniela Drabert eine schlüssige Antwort: „Das ist auf Zahlenebene schlecht messbar. Ein Vergleich dazu: Inwiefern kann man die Vorteile einer guten Dekorationsabteilung in konkreten Kosten-Nutzen-Bilanzierungen darstellen? Das ist kaum praktikabel und doch ist das Interieur-Design entscheidend für eine gelungene Customer Journey.“

Zahlengelöst Denken, mutig neue Wege einschlagen, um mit dem Kunden zu gehen – an dieser Zielsetzung orientiert sich auch Michael Maas, Geschäftsführender Gesellschafter vom Modehaus Maas in Bad Driburg. Innovative Lösungen implementiert er vor der Frage, was den Kunden interessiert, was seine Emotionen weckt und wie man ihn begeistern kann. Ein Beispiel hierfür sei das neue Event-Loft mit einer Vintage-Küche. Das würde die Kunden irritieren, da sie einen derartigen Bereich nicht im Modeeinzelhandel erwarten. Diese Verwirrung sorge wiederum für Interesse und für einen Dialog. Ein ebenfalls relevanter Faktor ist für Maas die Mitarbeiterattraktivität: „Wichtig ist außerdem, dass die Mitarbeiter Spaß an ihrer Arbeit haben. Nur dann können sie ihre Emotionen authentisch rüberbringen. Die Digitalisierung schafft ganz neue Baustellen und weicht bestehende Konzepte auf.“

 

„Wenn wir nicht relevant sind, geht es uns wie den Dinosauriern“

 

Antiquierte Handelsmodelle müssen umstrukturiert und auf moderne Anforderungen und junge Zielgruppen angepasst werden, so die Haltung der Jungunternehmer in der Podiumsdiskussion. Für Dr. Dominik Benner, Gründer und Geschäftsführer des Online-Players Schuhe24, ist genau dieser Punkt von zentraler Bedeutung. Die Entstehungsgeschichte von Schuhe24 könnte als Bestätigung seiner radikalen Denke gewertet werden: Alles begann damit, dass Benner selber Schuhe online gestellt habe. Der einsetzende Erfolg habe dazu geführt, dass immer mehr Händler ein Teil der Online-Welt sein und über digitale Wege neue Umsatzkanäle erschließen wollten.
Heute arbeitet Schuhe24 mit rund 500 Filialen zusammen und setzt für seine Fortentwicklung hauptsächlich auf die digitale Verkaufssäule. „Man muss sich von dem Alten lösen und sein Mindset rigoros ändern, wenn man so funktionieren möchte. Ich besuche beispielsweise keine traditionellen Schuhmessen, sondern suche nach den Kreativen, den Digital Natives. Online nebenbei zu betreiben wird in den meisten Fällen nicht erfolgreich sein, so wie alles andere, das nur halbherzig wahrgenommen wird. Konsequenz hat oberste Priorität“, so sein Fazit.

Und nicht nur die junge Generation des Einzelhandels ist der Auffassung, dass neue Wege für langfristige Relevanz unerlässlich sind: „Die Digitalisierung ist unaufhaltsam: Ich glaube, dass wir uns vielfach ganz neu erfinden müssen. Manchmal kommt man sich vor, als sei man ein Dinosaurier. Unser Geschäftsmodell ist 40 Jahre alt. Dass es sich ändern muss, ist selbstverständlich, und tut es das nicht, wird es uns irgendwann so gehen, wie den Dinosauriern“, so Peter Graf, Geschäftsführer des Modeunternehmens Kleider Bauer. Das Veränderung nicht ausschließlich onlinebasiert von Bedeutung ist, resümiert Norbert Wittenberg, Inhaber der rheinlandpfälzischen Moses-Sauer-Gruppe: „Das Schönste am stationären Handel sind die physischen Erlebniswelten. Die Emotionen bleiben im Kopf und das können Onliner nur selten bieten.“

Einen Einblick in die Talk-Runde mit den Jungunternehmern Dr. Dominik Benner, Daniela Drabert und Michael Maas finden Sie auch auf unserer Facebook-Seite.

Sarah Amadio / 26.10.2017 - 19:45 Uhr

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