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Fakten-Check: Wenn die digitale Arbeitswelt zur Belastung wird

Früher erreichte man Kollegen und Co. über das Festnetztelefon und ausschließlich im Rahmen minutiös festgesetzter Uhrzeiten. Ein Anruf nach 23 Uhr? Undenkbar! Heute ist die Whatsapp-Nachricht um 3 Uhr nachts kein Problem mehr. Doch was, wenn die permanente Erreichbarkeit zur Belastungsprobe wird?

Termindruck und uneingeschränkte Verfügbarkeit können zur psychischen und physischen Belastungsprobe werden. Der menschliche Geist braucht Rückzugsmöglichkeiten und keine Vermisstenanzeige, wenn die Nachricht drei Stunden lang nicht zugestellt wurde. Die moderne Kommunikation hat nicht zu verleugnende Vorteile wie kurze informelle Dienstwege, schnelle Absprachen oder dynamische Informationsprozesse. Insgesamt läuft die Welt flexibler und genau diese von Handy-Displays umrahmte Autobahn des Alltags sorgt für Erschöpfung und das leere Gefühl, die inneren Akkus seien bis zum allerletzten Tropfen verbraucht. Es gibt keine Rehabilitation, kaum Rückzugsmöglichkeiten. Digital Detox und der vollständige Verzicht auf virtuelle Verfügbarkeit sind längst zum entschleunigenden Kontrastprogramm geworden, welches sogar von vielen Arbeitgebern bewusst, verpflichtend und gezielt eingesetzt werden, um den potentiellen Burnout-Patienten per Knopfdruck zu reanimieren. Ein Mitarbeiter ist unkonzentriert, dauergestresst, oft krank – dann nehme man ihm für eine Woche sein Smartphone mit den 29 E-Mail-Accounts ab und er ist wieder auf dem Damm und einsatzbereit. Doch so leicht ist das Dilemma wohl nicht mehr lösbar, denn inzwischen berichtet jeder zweite Arbeitnehmer von einem merklich gesteigerten Druck, wie der ’Arbeitszeitreport‘ des Bundesamts für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kürzlich ermittelte. Von den 20.000 Umfrageteilnehmern erzählte jeder Dritte von Schlafstörungen und jeder Vierte von einem konstanten Gefühl der Niedergeschlagenheit. Kein Wunder also, dass sich die Zahl der Krankschreibungen aus psychischen Gründen zwischen 2004 und 2014 verdoppelt hat. Bei der DAK wurde im Jahr 2016 der absolute Höchststand geknackt. Die kleine Schwester der Depression, der Burnout, holt auf und ist aktueller denn je.


Im Angesicht dieser Entwicklung warnen Psychologen vor digitaler Dauerbeschallung. I love shoes hat einen Blick auf die aktuellen Forschungsergebnisse geworfen und möchte etwas Aufklärungsarbeit in dem Bereich leisten.

 

Die Ursachen für das wachsende Gesundheits-Risiko

 

Professor Dr. Reinhart Schüppel, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Chefarzt an der Johannesbad Fachklinik Furth im Wald identifizierte zum einen mangelnde Belohnungen für die geleistete Arbeit als wesentlichen Faktor für das psychisch-körperliche Ausbrennen. Es schwebe konsequent eine gefühlte Ungerechtigkeit über dem jeweiligen Arbeitnehmer – insbesondere dann, wenn beispielsweise ein Kollege mehr Gehalt für die gleiche Arbeit ausgezahlt bekomme. Das Vergleichen und Hinterfragen der eigenen Arbeit sorge für wachsenden Druck und für eine negative Wahrnehmung des Arbeitsplatzes.

Weiterhin dürfe die wöchentlich zu leistende Arbeitszeit ein gewisses Maß nicht übersteigen. Alles was über der 55-Wochenstunden-Marke liege, erhöhe das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Depressionen.

Zuletzt minimiere die moderne Arbeitswelt das Gefühl der Entscheidungsfreiheit. Permanenter Leistungszwang mit Fokus auf dauerhafte Erreichbarkeit zerstöre die eigene Planungsfreiheit und das wirke sich wiederum negativ auf die persönliche Problemlösungskompetenz des Arbeitnehmers aus. Arbeit 4.0 im Strom höherer Ziele und einer immer schneller und aggressiver agierenden Leistungsgesellschaft führe in letzter Konsequenz zur Abstumpfung und zu einer falschen Akzeptanz gegenüber der ausweglos erscheinenden Situation. 

 

So wird das Stresslevel gesenkt

 

Gemäß der Empfehlung von Dr. Schüppel sei es fundamental, den Feierabend und die Wochenenden von der Arbeit zu befreien, Auszeiten zu nehmen und Grenzen zu setzen. Gezielte Gegenmaßnahmen in Form von Sport oder Entspannungstrainings durch Yoga oder Qigong seien ebenfalls eine geeignete Maßnahme, um sich aus dem Funktionskreislauf zu befreien. Auf psychologischer Ebene sei zudem relevant, eine bewusste Situationswahrnehmung- und Einschätzung zu erlernen. Die eigene Arbeit müsse dementsprechend als sinnvoll erlebt werden, da sich sonst ein Hamsterrad aus Erschöpfung, Zynismus und zunehmendem Hass auf den Job bilde. Zuletzt sollten sich Arbeitnehmer stets versuchen auf das zu konzentrieren, was in dem jeweiligen Moment stattfindet. Permanent die Vergangenheit zu durchforsten oder aber zu spekulieren, wohin sich die Arbeitssituation noch entwickle, mache keinen Sinn und zehre außerdem an den eigenen persönlichen Kapazitäten. 

Nehmen Sie Ihr Wohlbefinden in die Hand und entziehen Sie sich bewusst den Klauen einer allumspannenden Arbeitswelt.

Sarah Amadio / 24.10.2017 - 11:57 Uhr

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