Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie

HDS/L: Die Branche rüstet sich für den Sturm

Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L) (Grafik: HDS/L)
Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L) (Grafik: HDS/L)

Zu einem Gespräch über verschiedene aktuelle Themen lud der HDS/L am 8. Juli Vertreter der Presse nach Frankfurt ein. Diskutiert wurden neben dem Brexit und diversen Herausforderungen auch Ansätze, wie Industrie und Handel enger zusammenarbeiten können.

Zu den offenen Fragen, mit denen sich der HDS/L derzeit beschäftigen muss, gehört der Brexit. Die Situation sei noch nicht gelöst; man müsse davon ausgehen, dass es Ende Oktober zu einem ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der EU kommen wird, erläuterte Manfred Junkert, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Schuh- und Lederwarenindustrie. Für die dem HDS/L angeschlossenen Unternehmen der Schuhindustrie ist Großbritannien der sechstgrößte; für die Lederwarenanbieter der fünftgrößte Exportmarkt. Insofern werde ein ungeregelter Brexit, so Junkert, „erhebliche Auswirkungen“ auf die Branche haben – spürbar sei dies schon jetzt. Nachdem man 2018 eine Zunahme der Absatzzahlen verzeichnet hatte, kam es in 2019 bislang zu einem starken Rückgang. Dies sei wahrscheinlich mit einem „Vorzieh-Effekt“ zu erklären, so der HDS/L-Geschäftsführer. So dürften viele Unternehmen in Erwartung eines Brexits schon im Vorfeld größere Aufträge bei deutschen Schuhherstellern platziert haben.

 

Handelskonflikt zwischen USA und China: Hoffen auf Gespräche
 

Eine ähnlich unklare Situation besteht für die deutschen Schuhhersteller auch mit Blick auf den Handel mit den USA. Nachdem US-Präsident Donald Trump beim G20-Gipfel in Osaka noch keine weitere Verschärfung der Strafzölle auf Waren aus China angekündigt hat, hofft der deutsche Industrieverband auf weitere Gespräche zwischen den beiden streitenden Nationen. Im Raum stehen gegebenenfalls Zölle von 25% auf Schuhe, die aus China in die USA geliefert werden. Das würde auch die Unternehmen der deutschen Schuhindustrie treffen. Schon jetzt sei deutlich wahrnehmbar, so der HDS/L-Vorsitzende Carl-August Seibel, dass die Produktionsbetriebe in China erheblich unter der Situation leiden: Statt ihrer erhalten zunehmend Produzenten in Vietnam, Indonesien und anderen Ländern Südostasiens Aufträge – auch dies ein Vorzieh-Effekt, um möglichen Zöllen vorzubeugen, so Manfred Junkert.

Als positive Signale werten die Verantwortlichen des HDS/L die jüngst abgeschlossenen Freihandelsabkommen mit Japan und den Staaten des gemeinsamen Marktes Südamerikas, Mercosur. „Wir sind ein großer Verfechter des Freihandels“, betonte Manfred Junkert in Frankfurt. Nicht zuletzt sei Deutschland als Exportnation auch darauf angewiesen.

 

Mehr Zusammenarbeit zwischen Handel und Industrie
 

Als „spannend“ bezeichnete Carl-August Seibel die derzeitige Situation in der deutschen Schuhindustrie. Nachdem schon seit geraumer Zeit der Schuhhandel mit erheblichen Herausforderungen zu kämpfen hat, ist nun auch die Schuhindustrie mit einem Rückgang der Aufträge konfrontiert. Dies werde, so der HDS/L-Vorsitzende, „nur zum Teil“ durch den Onlinehandel kompensiert. Zudem müsse sich die Industrie stärker als früher direkt mit dem Endverbraucher beschäftigen und daraus lernen, so der Unternehmer. Den Verbundgruppen komme dabei eine wichtige Rolle zu: Sie müssten die Händler begleiten und und unterstützen und ihnen „echten Support“ bieten; die Industrie ihrerseits müsse dort ebenfalls „andocken“, um enger zusammenzurücken und mehr Themen gemeinsam anzugehen.

Der als Vertreter des Handels eingeladene ANWR-Vorstandsvorsitzende Günter Althaus betonte, auch eine Verbundgruppe müsse „auf Sicht“ nicht mehr alles alleine machen. Es gelte, aktuelle Themen gemeinsam anzugehen und Lösungen zu erarbeiten. Dies bedeute allerdings nicht, dass man fusionieren müsse. Für den ANWR-Chef steht die Branche vor drei bis fünf Jahren Flächenbereinigung. Es sei zu viel Ware im Markt, es gebe zu viele Flächen. Dies werde sich nun reduzieren – auf Seiten des Handels ebenso wie im Industriesektor. In der nun bevorstehenden Phase werde sich „die Spreu vom Weizen trennen“; danach sehe er, so Althaus, durchaus Raum für den stationären Schuhfachhandel. Es gelte, dafür sinnvolle und stabile Strategien zu entwickeln; „Aussitzen“ sei keine Option.

Als ernstes Problem für den stationären Handel identifizierten die Gesprächsteilnehmer die Retourenquoten bei manchen Onlineshops sowie der in Deutschland übliche Verzicht auf Versandgebühren. Auch die in jeder Saison aufs neue um sich greifenden Reduzierungswellen im Handel stellen eine erhebliche Herausforderung dar. Als geeignete Mittel zur Eindämmung dessen wurde ein Channelling diskutiert, bei dem Warengruppen für bestimmte Kanäle definiert werden könnten.

Der Lederwarensektor des HDS/L steht vor ähnlichen Herausforderungen. Dies berichtete Achim Bruder, Vorsitzender des Fachvorstands der Lederwarenindustrie im HDS/L. Man erlebe einen „rasanten Strukturwandel“; online gewinne erheblich an Bedeutung. Er hoffe für die nächsten Jahre auf ein Einpendeln der Situation. Aktuell seien die Zuwachsraten im Onlinebereich weniger hoch. Andererseits betrachteten viele internationale Marken den deutschen Markt als attraktiv, was den Wettbewerb für die hiesigen Marktteilnehmer wiederum verschärft.  

 

„08/15“ hat ausgedient
 

Die Schuh- und Lederwarenbranche zahlt derzeit den Preis für die Versäumnisse der letzten Jahre, darin waren sich die Gesprächsteilnehmer einig. Während sich einige Marken – wie z.B. der Koffer-Spezialist Rimowa – inzwischen aus dem stationären Fachhandel verabschiedet hätten, mangele es anderen an Relevanz. Insgesamt habe die Wertigkeit des Produktes Schuh in der Wahrnehmung der Verbraucher deutlich nachgelassen. Auch vor dem Handel liegen große Herausforderungen. Die ANWR werde, so Günter Althaus, in den kommenden Monaten ihre Mitgliedsunternehmen dahingehend begleiten, eine konkrete Strategie für ihr Unternehmen zu erarbeiten. Erst wenn diese vorliege, sei es möglich, Fragen etwa zur Positionierung und Ausrichtung des Sortiments zu beantworten. Viele Geschäfte seien im Laufe der Jahre immer unattraktiver geworden. Segmente wie der klassische Nahversorger mit weniger als 300 qm haben, so Althaus, „keine Chance“. Erfolg sei denjenigen vergönnt, die sich zu Kunden- oder Angebotsspezialisten weiter entwickeln. Welches Format am Ende des Bereinigungsprozesses gewinnt, sei allerdings derzeit noch nicht ausgemacht. Fest stehe lediglich: „08/15 wird es nicht sein“, so Althaus.

Im Zuge dessen wurde auch die Attraktivität der Branche für potenzielle Mitarbeiter unter die Lupe genommen. Unternehmen sowohl der Industrie als auch des Handels beklagen Nachwuchsmangel. Hier sei es erforderlich, dass die Firmen sich mehr auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einstellen und daran arbeiten, ihre Attraktivität für potenzielle neue Beschäftigte zu erhöhen.
 

 

Messen: Die Branche braucht eine Kommunikationsplattform
 

Diskutiert wurden in Frankfurt auch die Rollen der Messen. Einig waren sich die Gesprächsteilnehmer darin, dass die Branche Kommunikationsplattformen braucht. Inwieweit dort auch die Order im Mittelpunkt stehen muss, dazu gab es geteilte Meinungen. Sinnvoll auch im Sinne eines vielfältigeren Angebots sei es, Verkäuferinnen stärker in den Einkauf einzubinden, meinte der CADS-Vorsitzende Michael Tackenberg. Auch der Endverbraucher könne und müsse stärker einbezogen werden, so Manfred Junkert. Dies könne digital, aber auch vertikal erfolgen. Viele Messen leiden indes unter einem Frequenzrückgang. Dies habe einerseits mit der insgesamt rückläufigen Zahl an Händlern zu tun. Anderseits werde auch an Reisen gespart. Und viele Händler nutzen Orderbüros oder die Veranstaltungen ihrer Verbundgruppen, ohne sich auf internationalen Messen zu informieren.

 

Nachhaltigkeit wird wichtiger
 

Viel Raum wurde in der Diskussionsrunde auch dem Thema Nachhaltigkeit gegeben. Michael Tackenberg erläuterte, dass die Initiative CADS, die vor zehn Jahren gegründet worden war, um in erster Linie die Produktsicherheit zu erhöhen heute weit mehr Felder umspannt, etwa auch den Bereich soziale Verantwortung und den Umweltschutz. Derzeit sind 86 Unternehmen aus Industrie und Handel, außerdem Verbundgruppen und Prüfinstitute CADS angeschlossen. Man habe schon zahlreiche Erfolge verbucht, müsse sich aber auch immer wieder in Geduld üben, um weitere Schritte absolvieren zu können. Aktuell arbeite man daran, Vergleichbarkeit von Testverfahren zu erreichen. Spürbar sei ein verändertes Kaufverhalten, etwa im Hinblick auf die Transparenz bei der Fertigung. „Der Fachhandel war super, als er noch Fachhandel war“, so Tackenberg. Das Schuhgeschäft war damit Ansprechpartner für den Verbraucher. Heute würden sich viele Konsumenten im Internet informieren, was nicht unbedingt immer zielführend sei.   

Uneinig waren sich die Diskussionsteilnehmer in der Frage, ob sich das Verbraucherverhalten mit Blick auf Nachhaltigkeit derzeit gravierend ändert. Während Achim Bruder durchaus eine Bewegung weg von der Wegwerf-Gesellschaft wahrnimmt, sieht Günter Althaus eine heterogene Käuferschaft, die zwar einerseits gelegentlich gern ein besonderes, hochwertiges Produkt kaufe, anderseits aber auch auf preiswerte Massenware zurückgreife. Für Carl-August Seibel ist Nachhaltigkeit ein Thema, das derzeit nur eine überschaubare Käuferschicht interessiere – diese könnte jedoch in den kommenden Jahren wachsen, auch vor dem Hintergrund der aktuellen Klimaschutzdebatte und des Erstarkens der Umweltschutzparteien. 

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Petra Steinke / 09.07.2019 - 08:31 Uhr

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