Kommentar von Helge Neumann

Kommentar: Ausgeträumt

Helge Neumann (Foto: Redaktion)
Helge Neumann (Foto: Redaktion)

Adidas wollte mit der Speedfactory eine neue Ära der Schuhfertigung in Deutschland einläuten. Daraus wird nun nichts.

Aus der Traum. Adidas schließt die Speedfactory ins Ansbach. Rund 100 Mitarbeiter sind von der Entscheidung betroffen. Auch in der Anlage in Atlanta in den USA gehen im kommenden Frühjahr die Lichter aus. Das kommt überraschend. Schließlich hatte der Sportartikelhersteller die vermeintliche „Schuhfabrik der Zukunft“ vor zwei Jahren noch mit großem Tam-Tam eröffnet. Und große Erwartungen geweckt. Man wolle die Schuhproduktion wieder „nach Hause“ holen und umfassend neue Möglichkeiten der Individualisierung anbieten, hieß es damals aus dem Konzern. Mittelfristig sollen an den beiden Standorten jeweils eine halbe Million Paar Schuhe pro Jahr mittels hochautomatisierter Technik gefertigt werden. Und noch im vergangenen Jahr hatte das Gemeinschaftsprojekt mit dem Oechsler-Konzern den Deutschen Innovationspreis gewonnen. Adidas wollte mit der Speedfactory nicht weniger als eine neue Ära der Schuhfertigung in Deutschland einläuten. Daraus wird nun nichts. Die High-Tech Maschinen werden nach Asien verschifft und sollen dort an bestehenden Produktionsstandorten in China und Vietnam eingesetzt werden.

„It’s all about speed.“ Mit dem Siegeszug der Fast Fashion hat sich die Geschwindigkeit in der Produktion von Bekleidung und Schuhen dramatisch erhöht. Insbesondere der spanische Inditex-Konzern gibt dabei die Taktzahl vor. Kaum geht ein neuer Look in Paris oder Mailand über den Laufsteg, stehen auch schon die entsprechenden Adaptionen bei Zara und Co. in den Stores. Auch Adidas folgte dieser Maxime. Mit der Speedfactory wollte das Unternehmen eigentlich in der Lage sein, blitzschnell auf die Trends im immer hektischeren Modegeschäft zu reagieren. Die Lead Times sollten von den branchenüblichen Monaten auf Wochen und künftig nur noch Tage verkürzt werden. Hört sich gut an, hat aber nicht wie erhofft funktioniert.

In der Schuhbranche wurde das Prestigeprojekt von Adidas von Beginn an kritisch begleitet. Vielfach wurde die Speedfactory vor allem als Marketing-Gag des Sport-Giganten betrachtet. Die Zweifler dürfen sich heute bestätigt fühlen. Dennoch bleibt der grundsätzliche Ansatz von Adidas richtig. Trends kommen und gehen heute immer schneller. Da erscheint es wie ein Anachronismus, dass Schuhhändler sechs Monate im Voraus erahnen sollen, was ihre Kundinnen und Kunden in der kommenden Saison kaufen wollen. Geschwindigkeit bleibt ein Thema in der Schuhbranche, trotz des Scheiterns der Speedfactory.

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Helge Neumann / 12.11.2019 - 09:19 Uhr

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