Stimmungslage im Schuhhandel

Trotzdem

Petra Salewski
Petra Salewski

Kann man ruhigen Gewissens das Geschäft aufsperren, bereit für die Kunden, die Lust auf einen Einkauf haben?

Tausende Flüchtlinge vor Ertrinken gerettet“, „Erdogans Türkei ist so gespalten wie Trumps Amerika“, „Pence verkündet Ende der ’strategischen Geduld‘“ im Konflikt mit Nordkorea – und dann war da noch Paris Hilton, die beim Flanieren durch New York eine Cap mit Katzenohren trug. Diese Schlagzeilen erreichten uns vergangenen Montag: Ostermontag. Sie dokumentieren eindrucksvoll, in welcher Stimmung wir uns befinden.

Weltpolitisch scheint alles in Bewegung und vieles möglich – auch Entwicklungen und Entscheidungen, die man in den letzten Jahrzehnten wohl für ausgeschlossen, ja, für undenkbar gehalten hätte. Über alle Kanäle rasen die immer neuen Breaking News. Das erzeugt Angst. Und eine unbändige Sehnsucht nach Ruhe, nach ’quality time‘, nach Rückzug, Entspannung, Abschalten. Wohl auch nach den Banalitäten, die bisweilen wie Balsam wirken für unser gehetztes, irritiertes Hirn, das kaum in der Lage ist, all das zu begreifen, was da vor sich geht. Also posten wir auf Facebook und Instagram Frühlingsblüten und den gedeckten Ostertisch, Schnappschüsse vom Spaziergang mit der Familie, von den neuen Schuhen, vom veganen Ostermenü. Im Subtext klingt dabei ein leises ‚trotzdem‘ mit, weil es eben diese Dinge sind, die wir gestalten und kontrollieren können, die uns trösten und uns in die Lage versetzen, mit all den Unsicherheiten zurecht zu kommen.

Aber: Geht das alles noch zusammen? Kann man ruhigen Gewissens wieder das Geschäft aufsperren, bereit für die Kunden, die hoffentlich vorbeikommen und Lust auf einen Einkauf haben? Und überhaupt: Wie ist es morgen um die Kauflust bestellt, die sich bislang noch weitgehend unbeeindruckt zeigte von den weltpolitischen Geschehnissen? Wird das so noch weitergehen? Müssen wir uns auf andere Zeiten einstellen? „Ich kann die Dinge gar nicht alle aufzählen, die mir Sorgen machen. Als Mensch, als Familienvater und als Unternehmer“, schilderte unlängst ein Händler, der mehrere Geschäfte in einer deutschen Großstadt führt. Er versuche, jeden Tag aufs Neue, mit den Herausforderungen fertig zu werden. Ohne eine Antwort auf die Frage zu finden, wo das alles hinführen soll.

Sicher: Angst ist kein guter Ratgeber. Kapitulation kann nicht das Mittel der Wahl sein. Aber ein ’Weiter so‘, ohne tatsächlich weiter zu denken, verbietet sich ebenso. Die Cap mit Katzenohren aufsetzen, um die Nachrichten nicht lesen oder hören zu müssen? Keine Option. Vielleicht fordern Zeiten wie diese von uns einerseits, einen kühlen Kopf und auch das nötige Gleichgewicht zu bewahren. Den Laden natürlich aufzusperren und den Kunden das Beste zu bieten. Und auf Instagram die entspannten Momente festzuhalten. Sie fordern andererseits aber auch, dass wir uns mehr als bisher engagieren. Politisch oder auch sozial. Weltpolitik wird nicht vor unserer Haustür gemacht. Aber es lassen sich Dinge gestalten und ermutigende Zeichen setzen gegen alles, was da an Ungemach heraufziehen mag. Trotzdem.

Petra Salewski / 18.04.2017 - 13:57 Uhr

Petra Salewski / 18.04.2017 - 13:57 Uhr

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