Interview mit Sigrid Ivo

Objekte mit Geschichte: das Taschenmuseum in Amsterdam

Das Taschenmuseum in Amsterdam. (Foto: Taschenmuseum Amsterdam)
Das Taschenmuseum in Amsterdam. (Foto: Taschenmuseum Amsterdam)

Mitten in Amsterdam, in einem Grachtenhaus aus dem 17. Jahrhundert, ist man der Entwicklung der Tasche auf der Spur. Denn dort beherbergt Art Direktorin Sigrid Ivo im Taschenmuseum Amsterdam mehr als 5.000 Exponate. Welches davon ihre Lieblingstasche ist, erzählt sie im Interview mit schuhkurier. 

In Ihrer aktuellen Ausstellung ‘100 Highlights’ stehen besondere Taschen des 16. bis 19. Jahrhunderts aus ihrer Sammlung im Fokus. Darunter befinden sich auch die älteste und die allererste Tasche ihres Museums. Welche Geschichte steckt hinter den beiden Exponaten?

Sigrid Ivo: Die erste Tasche in der Sammlung ist ein aus Leder gefertigtes Exemplar mit Schildpatt und Perlmutt aus den 1820er Jahren. Sie stellt einen Vorläufer der späteren Handtasche dar und konnte als lockere Tasche unter den Kleidern getragen werden. Meine Mutter war Antiquitätenhändlerin. Die Tasche ist ihr während einer Englandreise vor rund 35 Jahren ins Auge gefallen. Wie man so schön sagt, hat sie sich verliebt und verloren. Das war der Beginn der Sammlung. Das älteste Exemplar unseres Museums stammt aus dem 16. Jahrhundert. Die Männertasche konnte an einen Gürtel gehängt werden, besitzt 18 Innentaschen und gehörte aller Wahrscheinlichkeit einem Kaufmann. Man muss wissen, dass Taschen bis ins 17. Jahrhundert hinein ohnehin vor allem von Männern getragen wurden. Nicht nur die Elite, sondern auch die einfachen Leute trugen zu der damaligen Zeit schon Taschen. Diese wurden aber auch schon im 17. Jahrhundert als Statussymbol genutzt und dafür zum Beispiel mit Perlen oder Silber versehen.

Ist eine der beiden Taschen auch die Teuerste?

Sigrid Ivo: Das ist schwierig zu schätzen. Aber ja, die älteste Tasche unserer Sammlung ist heutzutage circa 100.000 Euro wert. Der Wert einer Tasche misst sich aber unter Sammlern nicht nur über die verwendeten Materialien oder das Alter, sondern vor allem auch über ihren Besitzer. Eine Tasche der französischen Königin Marie Antoinette etwa, die während ihrer Gefangenschaft in ihren Besitzt gelangt sein muss, wurde vor ein paar Jahren auf einer Auktion für 100.000 Euro verkauft. Und eine Tasche von Margaret Thatcher, die sie bei einem Treffen mit Ronald Regan getragen hat, ist kürzlich sogar für 300.000 Euro gehandelt worden.

Und welche Tasche ist ihr persönliches Lieblingsstück?

Sigrid Ivo: Mein Favorit ist ein Stück, das ich in London erstanden habe. Die Clutch stammt aus der Artdeco Zeit der 20er-Jahre. Sie ist sehr geometrisch, aus Aluminium gefertigt und wird durch Dekorationen aus Plastik ergänzt. Ich mag sie so gerne, da uns die Tasche in meinen Augen auch etwas über ihre Entstehungszeit erzählt und das Aufkommen von neuen Materialien widerspiegelt. Denn durch die Entdeckung neuer Produktionsweisen im Zuge der industriellen Revolution kamen Materialien wie Pappmaché, Eisen und Stahl auf, die ab diesem Zeitpunkt auch für die Fertigung von Taschen genutzt wurden.

Inzwischen nennen Sie 5.000 Exponate ihr Eigen. Von welchem Modell träumen Sie noch?

Sigrid Ivo: Eine ’Birkin Bag‘ von Hermès fehlt uns noch. Wer eine hat, kann sie gerne bei uns abgeben… (lacht). Ansonsten würde ich unsere Sammlung gerne um eine Almosentasche aus dem 14. Jahrhundert erweitern.

Welchen Stellenwert haben deutsche Marken in Ihrer Sammlung?

Sigrid Ivo: Was die deutschen Marken angeht, weist unsere Sammlung noch Lücken auf. Als moderne Marke ist zum Beispiel Bree vertreten. Außerdem pflegen wir auch gute Kontakte zu den Designern von Karl Lagerfeld, da diese in Amsterdam sitzen und häufig auf der Suche nach Inspiration unser Museum besuchen. Inzwischen befinden sich fünf Taschen von Karl Lagerfeld in unserem Besitz.

Wie kann man sich die Suche nach neuen Taschen vorstellen? Welche Kriterien muss eine Tasche erfüllen, um in die Sammlung aufgenommen zu werden?

Sigrid Ivo: Das ist schwierig zu pauschalisieren. Vor allem Limited-Editions sind aber sehr willkommen. Zudem spielen auch Farbe und Qualität eine Rolle. Als meine Eltern vor 35 Jahren angefangen haben zu sammeln, ging es hauptsächlich darum, dass die Modelle ihrem persönlichen Sinn für Ästhetik entsprachen. Diese Art des Sammelns unterscheidet sich natürlich grundlegend von einem musealen Anspruch an Exponate. Seitdem die private Sammlung vor 20 Jahren in ein Museum umgewandelt worden ist, hat sich auch der Blick auf die Modelle verschoben: Ich suche nach Lücken in unserer ’Taschengeschichte‘ und versuche vor allem auch klassische Stücke wie die Chanel 22.5 in den Fokus zu rücken. Ältere Taschenmodelle sind aber immer schwieriger auf dem Markt zu finden. Früher ist viel über die Auktionshäuser in England gelaufen. Heutzutage besuche ich unter anderem die Auktionen von Heritage in Los Angeles oder Gary Taylor in London. 

Warum besitzen Mode und Taschen ihrer Meinung nach museale Relevanz?

Sigrid Ivo: Die Tasche ist ein Gebrauchsgegenstand und doch spiegelt sie das alltägliche Leben ihrer Besitzer wider sowie die stetigen Veränderungen der Zeitgeschichte. Sie zeigt zum Beispiel, wie sich unser Verständnis fürs Reisen gewandelt oder welche Trendrichtungen es in der Mode gegeben hat. Auch technologische Entwicklungen werden etwa durch neue Materialien sowie neue Produktionsweisen von Taschen aufgegriffen. Jede Tasche erzählt ihre ganz eigene Geschichte.

Inwiefern haben sich Taschen hinsichtlich ihrer Funktion verändert?

Sigrid Ivo: Die größte Funktionsverschiebung hinsichtlich der Damentasche fand Ende des 18. Jahrhunderts statt. Mit der französischen Revolution wurden die Kleider für Frauen im Rückgriff auf griechische und römische Designvorbilder schlichter und schmaler. Das führte dazu, dass Gewandtaschen, die bislang unter den Röcken getragen wurden, nicht mehr bequem waren und Taschen erstmalig ’in der Hand‘ gehalten wurden. Eine Entwicklung, die allen voran durch die Entdeckung Pompeijs gelenkt wurde. Mit Pompeij rückten auch aufwendigere Bemalungen und Verzierungen in den Mittelpunkt von Taschendesigns. Später ist interessant zu sehen, wie sich die Emanzipation der Frau auf Taschenformen und -Funktionen auswirkt: So gehen zu Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr Frauen arbeiten. Bedingt dadurch, werden Taschen für verschiedene Gelegenheiten benötigt: die Arbeit, abendliche Events etc.. Sie mussten der wachsenden Vielfalt praktischer Bedürfnisse gerecht werden.

Warum sind Taschen heutzutage solche ’It-Pieces‘, dass sie zu extrem hohen Summen verkauft werden?

Sigrid Ivo: Bis zu den 80er-Jahren haben Modemarken ihr Geld noch hauptsächlich mit Kleidung verdient. Dann haben immer mehr Fast- Fashion-Unternehmen den Markt geflutet und vor allem Luxus-Marken mussten sich irgendwie abheben. Das führte dazu, dass in den 90er- und 2000er Jahren immer mehr auf Taschen, Schuhe und Kosmetika gesetzt wird. Noch heute verdienen die Premium-Labels dadurch hauptsächlich ihr Geld und setzen dementsprechend auch ihre gesamte Designexpertise in die Entwürfe.

Welche weiteren Ausstellungen erwarten uns in naher Zukunft?

Sigrid Ivo: Im nächsten Jahr steht unserem Museum eine Ausstellung zum Thema ‚Barbie‘ ins Haus. Dies geschieht in Kooperation mit Bettina Dorfmann, die die größte Barbiesammlung der Welt besitzt. Im April eröffnet zudem unsere permanente Ausstellung zum 16. bis 19. Jahrhundert nach einer Renovierungspause neu. Geplant ist auch eine Ausstellung, die die Symbiose von Film und Taschen aufgreift. 

 

Tassenmuseum Hendrikje

Herengracht 573, 1017 CD Amsterdam, Niederlande

Öffnungszeiten: Täglich von 10:00-17:00 Uhr

www.tassenmuseum.nl

Kristina Schulze / 31.08.2018 - 10:10 Uhr

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