Kommentar von Helge Neumann

Vitale Innenstädte brauchen Gemeinsinn

Helge Neumann (Foto: Redaktion)
Helge Neumann (Foto: Redaktion)

Vielerorts haben die lokalen Akteure immer noch nicht erkannt, dass der Erhalt von lebendigen Innenstädten eine Gemeinschaftsaufgabe ist.

Offene Worte. Treffende Analysen. Klare Kante. Dafür steht Günter Althaus. Der Vorstandsvorsitzende der ANWR legt regelmäßig den Finger in die Wunde; er warnt, mahnt und rüttelt wach. Der 51-Jährige nimmt in seinen Reden nur ungern ein Blatt vor den Mund. Das ist unbequem und manchmal auch unpopulär. Die Zuhörer zu schonen – das ist nicht das Ding von Günter Althaus. Anfang Mai in Nagold war dies jedoch auch gar nicht gefragt. Helmut Raaf wünschte sich einen ’typischen Althaus‘, als er den Verbundgruppen-Chef zur Feier von 100 Jahren Schuhwerk Raaf einlud. Althaus, so die Raaf’sche Vorgabe, solle bitteschön über die aktuell prekäre Situation des Einzelhandels in Klein- und Mittelstädten sprechen. Ohne Samthandschuhe, mit offenem Visier.

Althaus lieferte. Vor allem eine Aussage war bemerkenswert. Er wolle mit einem weit verbreiteten Mythos aufräumen, erklärte er. „Der Onlinehandel ist nicht allein verantwortlich für den Niedergang zahlreicher Innenstädte.“ Die Ursachen seien vielmehr hausgemacht. Die maßgeblichen Faktoren seien eine verfehlte Stadtpolitik, die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Einzelhandels vor Ort und gierige Immobilienbesitzer. Das saß. In der Tat haben vielerorts die lokalen Akteure immer noch nicht erkannt, dass der Erhalt von lebendigen Innenstädten eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Statt sich gegenseitig den ’Schwarzen Peter‘ zuzuschieben bzw. reflexartig das vermeintlich böse Internet zu verteufeln, bedarf es kluger Ideen und vor allem der Anstrengung aller Beteiligten, um die Kunden weiterhin in die Städte zu locken. Die Bedürfnisse der Verbraucher haben sich verändert. Insbesondere die Aufenthaltsqualität hat enorm an Bedeutung gewonnen. Aber mal ehrlich: In welcher Fußgängerzone halten Sie sich wirklich gerne auf?

Ausnahmen bestätigen die Regel. Nagold ist so eine. In der Stadt am Rande des Nordschwarzwalds ist es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, eine lebendige und abwechslungsreiche Einzelhandelslandschaft zu erhalten und zu fördern. Entscheidend war dabei das Engagement aller Beteiligten, Politikern, Händlern, Gastronomen, die eine Überzeugung teilten: Gemeinsam sind wir stark. Nur wenn es allen Beteiligten gut geht, kann auch der Einzelne profitieren.

In Nagold wurden ur-genossenschaftliche Grundsätze mit Leben gefüllt. Sehr zur Freude von Günter Althaus. Sein Rat an andere Städte überrascht daher nicht: „Macht es so wie in Nagold.“

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Helge Neumann / 15.05.2019 - 06:34 Uhr

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