Interview mit Jan Hill

Was kann die Speedfactory von Adidas?

Seit dem 19. Oktober läuft der Verkauf des ersten Schuhs aus der Speedfactory von Adidas in Ansbach. Was genau zeichnet das Projekt aus? schuhkurier sprach mit Jan Hill, Senior Director Future Engineering bei Adidas.

Das Projekt Speedfactory wird von der Schuhbranche aufmerksam verfolgt. Viele halten es weiterhin in erster Linie für eine Marketing-Aktion von Adidas. Ist es das?  

Mit der Speedfactory hat Adidas eine neue Ära im Schuhmacherhandwerk eingeläutet. Die Speedfactory steht für mehr Präzision und einzigartige Designmöglichkeiten. Durch die Kombination aus Schuhmacherkunst und Spitzentechnologie ermöglicht die Speedfactory eine Produktion, die vollständig zugeschnitten ist auf die funktionellen Bedürfnisse der Konsumenten.  

Was waren die wesentlichen Auslöser für die Entwicklung der Speedfactory?  

Adidas möchte die Konsumenten in die Kreation von Produkten einbeziehen und in der Lage sein, kurzfristig auf ihre Bedürfnisse und Trends einzugehen. Das Speedfactory-Konzept ermöglicht adidas, eine höhere Geschwindigkeit in der Fertigung aufzunehmen und konventionelle Prozesse zu überdenken - was Türen öffnet für die Produktentwicklung und die Marke noch enger mit dem Konsumenten verbindet. Zudem haben Fortschritte in der Entwicklung von Software und Hardware dazu beigetragen, dass wir in puncto innovativer Prozesstechnologie große Sprünge machen konnten.  

Was unterscheidet die Speedfactory wesentlich von einer klassischen Schuhfabrik?  

Die schnellere, flexiblere Fertigung. Unsere Vision ist, die Durchlaufzeiten von Monaten auf Wochen zu reduzieren - und in Zukunft noch weiter auf Tage oder sogar Stunden. Aktueller Branchenstandard ist ein Zeitraum von 18 Monaten von der Idee bis zum Regal - inklusive Design und Produktentwicklung, Verkauf an Handelspartner, Produktion und Auslieferung. Die Speedfactory kann diesen Prozess auf Grund der Nähe zum Verbraucher deutlich abkürzen.    

Wo lagen die größten Herausforderungen in der Umsetzung?  

Die Herausforderung lag vor allem in einer komplett neuen Betrachtung der Lösung. Diese haben wir angefangen buchstäblich auf einem weißen Blatt Papier zu skizzieren. Ganz nach unserem strategischen ’Open Source‘-Ansatz haben wir die besten Experten an Bord geholt und neue Wege gesucht hinsichtlich Materialien, Prozessen, Maschinen sowie der Kombination und Integration in die IT.    

Die Produktionskapazität der Speedfactory ist im Vergleich zur Gesamtmenge von Adidas gering. Welche Auswirkungen hat das Projekt auf die übrige Schuhproduktion Ihres Unternehmens?    

Mittelfristig wollen wir in jeder der beiden Speedfactories in Ansbach und Atlanta 500.000 Paar Schuhe herstellen, sprich 1 Mio. Paar pro Jahr. Damit schaffen wir zusätzliche Kapazitäten, um unser globales Wachstum noch besser zu unterstützen. Um das ins Verhältnis zu setzen: Allein im Jahr 2016 haben wir unser globales Beschaffungsvolumen im Bereich Schuhe von 301 auf 360 Mio. Paar erhöht. 97% dieser Menge lassen wir in Asien produzieren. Im Rahmen unseres strategischen Geschäftsplans ’Creating the New‘ gehen wir davon aus, dass wir unseren Umsatz bis 2020 pro Jahr um durchschnittlich 10 bis 12% steigern werden. Dies bedeutet, dass wir auch in den kommenden Jahren unsere Beschaffungskapazitäten in Asien deutlich ausbauen werden.    

Adidas hat vor kurzem in Berlin das Projekt Knit For You vorgestellt. Ist etwas vergleichbares auch für Schuhe denkbar?  

Wir befinden uns noch am Anfang unserer Reise mit diesen neuartigen Produktionsprozessen. Und um unsere Visionen Realität werden zu lassen, ist noch eine Menge Arbeit und Forschung nötig. Das betrifft auch die Fertigung von Schuhen direkt im Laden.  

Wie schätzen Sie generell die Chancen auf eine Rückkehr der Schuhproduktion nach Europa ein?  

Die Vision ist es, ein globales Netzwerk von Speedfactories aufzubauen. Momentan liegt der Fokus jedoch darauf, die beiden Speedfactories in Ansbach und Atlanta auf Betriebstemperatur zu bringen.    

Helge Neumann / 23.10.2017 - 09:45 Uhr

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