„Die Konsolidierung ist noch nicht vorbei“
Zwölf Fragen an Stephan Krug
- 05.12.2024
- Petra Steinke
- 8 Minuten
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Zwölf Fragen an Stephan Krug
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Headerfoto: Foto: SABU
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Stephan Krug: Die Idee hinter der Übernahme war, eine Gemeinschaft aus gleichen Interessen zu bilden. Ich glaube, die Kombination aus ANWR, HDSL und SABU ist die optimale Verbindung aus Handel und Industrie. Von daher bin ich zum Einen erleichtert und zum Anderen sehr positiv gestimmt, dass die Übernahme geklappt hat. Wir hatten 2023 schon erste Schritte eingeleitet und waren auf einem guten Weg. Aber die neue Gesellschafterstruktur hat uns nun nochmals einen deutlichen Schub gegeben. Mir ging es dabei zunächst um die Sicherstellung des Datengrundrauschens. Das ist elementar. Wir hatten uns vorher vielleicht ein bisschen zu sehr auf Add-Ons konzentriert. Das war sicherlich nicht falsch, aber die Grundvoraussetzung für ein Clearing Center ist, eine sehr hohe Datenqualität und einen guten Service sicherzustellen. Später kann man sich dann auf die Entwicklung von Zusatzleistungen konzentrieren. Jetzt sind die Prioritäten richtig gesetzt und das neue Management macht aus meiner Sicht einen sehr guten Job. Die Händler nehmen wahr, dass der Servicegrad deutlich gestiegen ist. Ich wünsche mir aber auch, dass die Datenqualität weiter zunimmt. Da ist noch Luft nach oben. Auch Content ist ein wichtiges Thema. Hinzu kommt aus ECC-Perspektive die klare Strategie, in Branchenlösungen zu denken. Da steht die Internationalisierung des Datenclearings ganz weit oben. Aus der Perspektive der Händler sind zudem Themen wie Accessoires, Sport und Textilien spannend. Wir sind bei diesen Themen auf dem Weg, aber wir haben auch noch ein gutes Stück zu gehen.
An meiner Meinung hat sich nichts geändert. Sie wurde im Laufe der Diskussion nur ein wenig verfeinert. Klar ist: Industrie und Handel wünschen sich zum Auftakt der Saison eine neutrale Branchenmesse, die nicht in Mainhausen oder Heilbronn stattfindet und nicht von Verbundgruppen organisiert wird. Hinsichtlich des Zeitpunkts dieser Messe gab es eine große Einigkeit: Ende Januar/Anfang Februar und Ende Juli/Anfang August sind gewünscht. Es wurde dann diskutiert, wo eine solche Messe stattfinden könnte. Schlussendlich hat die Igedo hier selbstständig einen neuen Impuls gegeben. Dort hat man aktuell die Expertise und die Kontakte. Zweifellos ist mit dem Thema ein sehr dickes Brett gebohrt worden bzw. noch zu bohren. Die Interessen in Industrie und Handel sind sehr vielschichtig. Und hinzu kommt ein enormer Kostendruck auf allen Seiten. Das führt dazu, dass Unternehmen sich fragen, welchen Mehrwert die Teilnahme an einer Messe bietet. Am Ende wird es so sein wie immer: Über den Erfolg oder Nichterfolg einer Messe entscheidet die Teilnahme der Lieferanten auf der einen Seite und die Teilnahme der Händler auf der anderen. Nun wird es Anfang Februar zunächst und aufgrund der Verlegung der Micam auf den ursprünglichen Shoes-Termin eine Zwischenlösung geben. Das neue Konzept soll im Herbst 2025 folgen. Ich finde, man sollte sich an den Startterminen der SOC orientieren und gegebenenfalls die Tagesfolge überdenken. Und man darf das neue Konzept nicht am Zwischenschritt im Februar messen.
Der Austausch mit dem Handel ist dem SABU-Geschäftsführer wichtig. (Foto: SABU)
Die Händler sind mit einem enormen Bestand an Übergangsware in das Jahr 2024 gestartet. Der Verlauf des Sommers wurde dann viel diskutiert: Es war zu lange kalt, es gab zu wenig Sommer. Ich finde, dass es, die Bestandssituation betreffend, ein optimaler Saisonverlauf war. Der Handel hatte zu viele Halbschuhe und einen eher normalen Anteil an offener Ware. Durch den recht frischen Übergang vom Frühjahr in den Sommer konnte ein Großteil der überzähligen Halbschuhe zum regulären Preis verkauft werden. Für das erste Halbjahr würde ich als Schulnote eine 3+ vergeben. Das war nicht super. Aber auf der anderen Seite hat es gutgetan, als dass sich das Bestandsproblem weitgehend erledigte. Wobei ich erwähnen möchte, dass die Händler aufgrund des Kostendrucks viel aufmerksamer sind, was Reduzierungen betrifft, und das Thema mittlerweile auch viel intelligenter betreiben als in den vergangenen Jahren. Im Übrigen muss sich der Handel künftig noch mehr am Konsumentenverhalten orientieren; die kalendarische Betrachtung der Saisons ist überholt. Und dabei ist der Klimawandel mit immer milderen Wintern und tendenziell wärmeren und längeren Sommern noch gar nicht berücksichtigt. Dem müssen wir Rechnung tragen, was Wareneinsteuerung und Reduzierungen betrifft. Die Frühjahr/Sommer-Saison dauert jetzt sieben bis acht Monate, Herbst/Winter ist entsprechend kürzer. Das erfordert eine andere Taktung und ein anderes gezieltes und intelligentes Reduzieren zu anderen Zeitpunkten. Die SABU-Händler liegen für Herbst/Winter per Ende Oktober bei den Abverkäufen im Schnitt 7% über Vorjahr, Bei den Einkaufslimits haben wir für F/S 2025 ein Plus zwischen 6 und 8%. Meine Prognose wäre, dass auch die Auftragsvolumina für Herbst Winter 2025/26 leicht steigen.
„Der Handel muss seinen Teil des Wertschöpfungsprozesses kostenseitig optimieren. Ein probates Mittel ist die Automatisierung.“
Stephan Krug|SABU-Geschäftsführer
Absolut. Allein schon aufgrund des Kostendrucks. Operative Exzellenz, das bedeutet Automatisierung von standardisierten Prozessen. Das muss aus Effizienzgründen, aus Wertschöpfungsgründen und natürlich auch aus Ressourcengründen ganz weit oben stehen. Der Handel hat im Moment wenig Aussicht auf ein exponentielles Umsatzwachstum, aber enorme Kostensteigerungen. Also muss er seinen Teil des Wertschöpfungsprozesses kostenseitig optimieren. Ein probates Mittel dafür ist, möglichst viel zu automatisieren und zu digitalisieren: den gesamten Einkaufsprozess von der Dokumentation bis hin zur Verbuchung und auch andere Verwaltungsprozesse im Unternehmen. Das ist ein ganz großes Thema, und das haben die großen Unternehmen, weil sie personalseitig breiter aufgestellt sind, vielleicht ein bisschen schneller verstanden als die mittleren und kleineren. Aber alle müssen schauen, dass sie ihre Kosten managen.
Jeder Händler braucht ein klares Profil in Richtung des Endkonsumenten. Auch die Mitte ist zukunftsfähig, wenn sie ein klares Profil hat. Spezialisierung kann da ein Thema sein. Wenn wir in den Fachmarktbereich schauen, dann schätzt der Kunde die Breite und die Tiefe des Sortiments und dass er alles findet. Das ist auch eine Form der Spezialisierung. Die Fachmarkt-Konzepte sind bei uns ausgesprochen erfolgreich. Die Kunden goutieren das Angebot und das Preis-Leistungs-Verhältnis. Eine andere Möglichkeit eines speziellen Angebots kann ein Konzept wie Laufgut sein. Es ist ein Semi-Franchise-Konzept mit genau geregelten CI-Bestandteilen. Das Konzept ist eine Komplettlösung. Weil wir aber auch Anfragen zum Thema Laufgut als Abteilung haben, bieten wir auch eine solche Lösung an: Sie läuft bei uns unter „Lust auf Komfort“. Zum Thema Kinderschuhe: Wir haben eine GfK/Yougov-Analyse durchführen lassen, die speziell auf uns zugeschnitten war. Dabei zeigte sich, dass der Ausschöpfungssgrad von Kinderschuhen im Fachgeschäft bei 60% liegt. Das heißt, hier bleibt der Handel weit unter seinen Möglichkeiten, wohingegen bei den Fachmärkten starke 120 bis 125% erreicht werden. Manche Fachgeschäfte bieten inzwischen keine Kinderschuhe mehr an. Das halte ich prinzipiell für einen Fehler, es mag aber in dem einen oder anderen Fall Sinn ergeben. Ich würde die Devise „ganz oder gar nicht“ vertreten. Das Thema irgendwie mitzuschleifen und es mehr schlecht als recht zu gestalten, würde dem Image des Geschäfts nicht guttun. Dann sollte man es lieber lassen. Ich sehe aber nach wie vor ein gutes Potenzial bei Kinderschuhen. Man muss es nur richtig machen.
Die Konsolidierung ist noch nicht vorbei, allein schon aufgrund der Demographie. Die geburtenstarken Jahrgänge sind jetzt in ihren 60ern. Und es folgen noch einige. Wir können davon ausgehen, dass es in den nächsten zehn Jahren weiterhin Unternehmer geben wird, die in Rente gehen und eventuell einen Nachfolger für ihre Firma suchen. Die entscheidende Frage ist dabei: Gibt es ein sinnhaftes, überlebensfähiges und zukunftsfähiges Geschäftsmodell? Dann hat man eine Chance, jemanden zu finden, der das Geschäft weiterführen will. Weiterführen, das kann ja verschiedenes heißen. Es kann auch die Eingliederung in ein filialisiertes Konzept sein. Wir werden sicherlich weiterhin Übernahmen sehen, aber es wird auch noch eine gewisse Anzahl von Unternehmen dicht machen müssen. Davon können die verbleibenden Geschäfte durchaus profitieren, wenn auch nicht in vollem Umfang. Wir sehen in der Regel 20 bis 30% Umsatzzuwachs, wenn in der Umgebung ein anderes Schuhhaus schließt. Grundsätzlich rechne ich mit einem Anstieg in der Filialisierung. Die Anzahl der SABU-POS ist seit zehn Jahren relativ konstant geblieben. Die Anzahl der Kunden bzw. Unternehmen hat im gleichen Zeitraum um ca. 30% abgenommen.
Wir sehen in diesem Jahr einen weiteren Anstieg, wenn sich auch der Graph leicht abflacht. Das Geschäftsmodell des Plattformverkaufs ist aufgrund von hohen Provisionen, steigenden Frachtkosten und hoher Rücksendequote für einen hybriden Händler sehr herausfordernd. Das wird aber auf der anderen Seite aufgesogen vom D2C-Geschäft, das die Lieferanten über eigene Onlineshops oder die Nutzung von Plattformen betreiben. Die hybriden Geschäftsmodelle verlieren und D2C-Kanäle sind die Gewinner.
Wichtiger Termin im SABU-Kalender: Die Modenschau, die einmal pro Saison in Heilbronn stattfindet. (Foto: SABU)
Ganz grundsätzlich müssen beide Seiten Geld mit ihrem Geschäftsmodell verdienen. Wobei von Lieferanten erwartet wird, dass sie in ihre Marke investieren, gute Kollektionen entwickeln und professionellen Service bieten. Das muss bezahlt werden. Uns ist also auch wichtig, dass die Industrie Geld verdient. Tut sie das nicht, haben wir keine verkaufsstarken Kollektionen. Genauso muss aber auch der Handel mit seinem Geschäftsmodell Geld verdienen. Und ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Risikoverteilung aktuell zu einseitig beim Handel liegt. Wir kaufen sehr früh 90% der Ware ein und haben damit beinahe das gesamte Warenrisiko auf unserer Seite. Und das führt dazu, dass wir eigentlich immer zu viel von der falschen und zu wenig von der richtigen Ware haben. Ich kann mir die Risikoverteilung je nach Modegrad, Anzahl der Durchläufer und NOS statt aktuell 90:10 bei 75:25 bis in der Spitze 60:40 vorstellen. Wir können mit Abverkäufen, die irgendwo bei 60% liegen, nicht zufrieden sein.
Das heißt, zwei Drittel der Ware verkaufen wir zum regulären Preis, mehr als ein Drittel bleibt liegen oder muss abgeschrieben werden. Alle Studien prognostizieren, dass der Markt in den nächsten drei bis fünf Jahren jährlich zwischen 2 vielleicht nochmal 2,5% wachsen wird. Derweil laufen uns die Kosten davon. Es muss also in Effizienz investiert werden. Dabei sind der Nettorohertrag in Prozent und pro qm und die LUG die entscheidenden Faktoren. Wenn wir den Abverkauf von 60 auf 80% steigern könnten, hätten wir statt 40% der Ware noch 20% der Ware liegen. Bessere Abverkäufe bedeutet mehr von der richtigen Ware. Und da ist der Vororder/Nachorderanteil sehr relevant. Nachlieferfähigkeit, tragfähige NOS-Strategien bzw. Anteile und adäquate Eingangskalkulation spielen hier eine große Rolle.
Die „Time-To-Market“, also die sogenannten „Lead-Times“ sind viel zu lang. Es wäre an der Zeit, sich das Geschäftsmodell und die Wertschöpfungskette einmal gesamtheitlich anzusehen und komplett neu zu denken – ein sehr spannendes Thema.
Dieses Thema ist aus unserer Perspektive aktuell sehr stark vom Fachmarkt-Konzept getrieben. Man braucht Fläche. Der Fachmarkt bietet die Möglichkeit, für eine sehr vernünftige Miete Fläche hinzuzunehmen. Die Kunden, die im Fachmarkt einkaufen, haben eine sehr hohe Affinität zu Mode. Deshalb ergibt die Kombination aus Fachmarkt mit Schuhen und Textilangebot Sinn. In diesem Geschäftsfeld sind die Flächen von der Größe her beinahe gleichwertig. Auch die Positionierung muss natürlich stimmen. Gute Beispiele im Markt sind Bödeker, Schmid, Herrmann Schuhe und Lipp. Auf der anderen Seite haben viele Textiler festgestellt, dass Schuhe ein gänzlich anderes Geschäftsmodell sind. Da sehe ich eher die Tendenz, das Schuhsegment fremdbewirtschaften zu lassen, sich also der Textilhändler jemanden sucht, der das Schuhbusiness versteht.
„Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Risikoverteilung einseitig beim Handel liegt.“
Stephan Krug|SABU-Geschäftsführer
Wir haben uns bewusst zusammengesetzt, um auszuloten, bei welchen Themen wir zusammenarbeiten könnten. Zunächst gab es das Thema Messen, das aber nicht zustande gekommen ist, weil keine Auftaktmesse der Verbundgruppen gewünscht war. Wir haben dann entschieden, die Wissenswelt als gemeinsames Projekt zu forcieren und zu entwickeln. Das kann ein Blueprint auch für andere Themen sein. Natürlich gibt es Unterschiede im Konzept der Verbundgruppen. Bei uns gilt: Jeder kann, keiner muss. Ein Händler kann unsere Dienstleistungen nutzen, er hat aber innerhalb unserer Verbundgruppe keinen Nachteil, wenn er von diesen nicht profitieren möchte. Natürlich empfehlen wir es jedoch, unseren Leistungskatalog in Anspruch zu nehmen: Unser Dienstleistungsangebot ist darauf ausgerichtet, unsere Mitglieder dabei zu unterstützen, ein erfolgreiches auf seinen Zielkunden ausgerichtetes Geschäftsmodell zu betreiben – vom Sortiment über Marketing und Service bis hin zu Prozessen im Hintergrund. Die Ansprüche des Konsumenten stehen im Fokus. Er entscheidet schließlich durch seine Kaufentscheidungen über unser „Wohl und Wehe“ – und das unserer Händler. Category Management und Warenkompetenz stehen ganz oben auf der Agenda. Elementar sind des weiteren Digitalisierung, operative Exzellenz und Marketing. Aber wenn der Sortimentsmix, also das angebotene Produkt, für den Konsumenten nicht stimmt, hat ein Händler vielleicht eine gelungene Marketingkampagne gefahren und ist operativ stark, bringt den Kunden aber doch nicht zum Kaufabschluss. Auch in diesem Zusammenhang ist die Wissenswelt ein gutes Tool. Beide Verbundgruppen brauchen ein vernünftiges Programm, um Mitarbeiter zu schulen. Wir möchten beide möglichst viele Händler erreichen. Zugleich wünschen wir uns möglichst viele Lieferanten, die mitmachen, und wir wollen auch eigenen Content einspielen. Wir haben in einem ersten Schritt alle SABU-Händler bis Mitte nächsten Jahres angeschlossen. Rund 60% haben sich eingeloggt und die Plattform besucht.
Anspruchsvoll, aber mit einem positiven Unterton.
Mehr! Spaß beiseite, ich bin ganz froh, dass feststeht, dass es für die Ampel nicht mehr weiter geht. Wenn man eine Regierung hat, die sich gefühlt von morgens bis abends nur zankt und deshalb auch keine Perspektive, keine Vision für den Handel, für die Industrie, für den Verbraucher aufbaut, wie soll da Konsumlaune entstehen? Die Menschen haben das Gefühl, es geht nichts nach vorne. Wenn wir nun relativ zügig eine neue, stabile Regierung erhalten, dann könnte das eine Initialzündung für die Stimmung sein. Diese neue Regierung muss dann natürlich auch liefern. Aktuell nehme ich eine große Perspektivlosigkeit und Frustration wahr, es gibt keine Vision, keinen nachvollziehbaren Plan, aber dafür mehr Bürokratie statt weniger, obwohl jeder von Bürokratieabbau spricht. Arbeitsplatzabbau und die Verlagerung oder Schließung von Werken sind Ausdruck der aktuellen wirtschaftlichen Lage. Da fragen sich jetzt viele Menschen: Habe ich morgen oder übermorgen noch meinen Job? Hier braucht es eine grundsätzliche Veränderung der Politik und des Vorgehens, und die erhoffe ich mir auch von der kommenden Wahl und einer neuen Regierung.